220 Menschen liegen auf jenem Feld begraben, das durch das Auftauchen einer Gräberliste in einem Büro des Krankenhauses Hall als Friedhof identifiziert werden konnte. Ein Friedhof, auf dem zwischen 1942 und 1945 womöglich Hunderte Opfer der NS-Euthanasie verscharrt wurden.
Sollte sich herausstellen, dass alle 220 Toten als Patienten in der Psychiatrie Hall ermordet wurden, dann wird der Zeit des Nationalsozialismus in Tirol ein weiteres erschütterndes Kapitel hinzugefügt werden müssen. Bisher war lediglich bekannt, dass Patienten aus Hall in Vernichtungsanstalten wie Hartheim bei Linz deportiert worden sind.
Am Beginn der Untersuchungen sind die Archäologen am Zug. Der Haller Stadtarchäologe Alexander Zanesco wird gemeinsam mit einem Anthropologen die Grabungsarbeiten überwachen: "Die Methoden sind diegleichen, der Aufwand aber ungleich größer als bei anderen Ausgrabungen. Die Ereignisse liegen 65 Jahre zurück, da ist die Chance, dass wir viele verwertbare Spuren finden, noch sehr groß."
Historische Lücken schließen
Wie ist der Friedhof aufgebaut? Wie liegen die Toten in den Gräbern? Hatten sie einen Sarg oder wurden sie in Säcken bestattet? Diese Fragen stellt sich Zanesco zuerst: "Die Antworten geben uns Aufschluss darüber, welchen Stellenwert die Menschen hatten." Anhand von Knochen, Zähnen und Geweberesten soll geklärt werden, wer die Bestatteten sind und wie sie starben.
Das Land hat eine neunköpfige Expertenkommission unter der Leitung des Wiener Historikers Bertrand Perz eingesetzt. Die soll das, was am Gräberfeld zutage kommt, in den nächsten beiden Jahren einordnen und bewerten. Zanesco rechnet damit, dass die Grabungen drei Monate dauern. "Es gibt noch viele historische Lücken im Zusammenhang mit der NS-Zeit. Hoffentlich können wir in Hall eine davon bald schließen."
von Claudia Thurner, "Tiroler Krone"
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