17.01.2021 16:00 |

IV-Präsident Swarovski

„Nur auf ein Pferd zu setzen, ist riskant!“

Er ist kein Polterer und keiner, der auf Kosten anderer Schlagzeilen liefert – die Rede ist von Christoph Swarovski. Im Interview betont der Tiroler IV-Präsident, wie wichtig es ist, dass die Wirtschaft läuft, damit etwa das qualitativ hochwertige Gesundheitswesen im Land aufrechterhalten werden kann.

Krone: Herr Präsident, bevor wir über 2021 sprechen, wie sieht Ihr Rückblick auf 2020 aus?
Christoph Swarovski: 2020 war natürlich klar geprägt von den Maßnahmen rund um Corona, die uns ja nicht nur in der Industrie massiv getroffen haben, sondern fast alle Sektoren. Es gibt nur ein paar wenige, die nicht betroffen waren, oder sogar Ausnahmen, die profitiert haben. Im Vorjahr hat sich vieles nur darum gedreht: Wie reagiere ich innerbetrieblich auf Corona? Wie reagiere ich kostenseitig? Wie gelingt es – das ist speziell für die Industrie relevant, weil da das Know-How der Fachkräfte eine besondere Rolle spielt – die Leute zu halten? Da war die Kurzarbeit für uns schon sehr wertvoll beziehungsweise wird sie wertvoll.

Man hört immer wieder, Firmen hätten von der Kurzarbeit finanziell profitiert?
Das wurde fälschlicherweise vermittelt. Die Unternehmen haben finanziell von der Kurzarbeit nicht profitiert. Sie haben das eins zu eins weitergereicht an die Mitarbeiter. Die Betriebe profitieren in Zukunft evtl. dadurch, dass sie diese Mitarbeiter halten konnten.

Lassen sich die Folgen von 2020 in Zahlen ausdrücken?
Das Produktionsvolumen der Tiroler Industrie von insgesamt rund elf Milliarden sank um 700 Millionen Euro im Vergleich zu 2019. Es gab in der Industrie einige Unternehmen, die hohe zweistellige Umsätze verloren haben, das heißt bis zu 70 % Umsatzverlust. Bis wir in der Industrie wieder auf dem Niveau 2019 sein werden, dauert es bis 2023/24.

Blicken wir nach vorne: Ihre Prognose für dieses Jahr?
In einem stabilen Umfeld fällt es natürlich leichter, eine Prognose abzugeben und auch noch richtig zu liegen. Im derzeitigen Umfeld ist es schwer, weil es stark davon abhängt, welche Maßnahmen die Politik weiter setzt. Nicht nur in Österreich, sondern in der EU und weltweit. Eben überall dort, wo unsere Kunden sitzen.

Stichwort Maßnahmen: Welche Forderungen hat die Industriellenvereinigung?
Arbeitnehmerseitig hat man ja steuerlich schon einiges umgesetzt, gerade für die niedrigeren Einkommen. Arbeitgeberseitig hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Entlastung der Unternehmen ist noch ausständig. Aber ich hoffe, dass die Bundesregierung bald jene Maßnahmen, die ja auch im Regierungsprogramm zu finden sind, umsetzt. Zum Beispiel bei der Körperschaftssteuer etwas zu tun. Wir haben immer gesagt, die Besteuerung der thesaurierten Gewinne, das heißt, der stehengelassenen Gewinne, die, die nicht herausgenommen werden, dass man die nicht so stark besteuert und zwar unabhängig von der Gesellschaftsform. Bei der Kapitalgesellschaft hat man diese Möglichkeit heute schon. Bei der Personengesellschaft – egal, ob man das Geld herausnimmt oder nicht – zahlt man immer den vollen Progressionssatz. Volkswirtschaftlich macht es Sinn, das für alle Unternehmen zu machen, nicht nur für die Industrie.

Was hat der Arbeitnehmer von dieser Entlastung?
Viel, weil er einen Arbeitgeber hat, der wieder investieren kann, auch in Arbeitsplätze. Ein sicherer Arbeitsplatz ist heutzutage eines der besten Dinge, die man sich als Arbeitnehmer wünschen kann, glaube ich. Diesbezüglich hat die Industriellenvereinigung Tirol auch die Initiative eingebracht, dass man bei der Steuergestaltung nicht mehr jene Betriebe schlechter stellt, die die Mitarbeiter hier in Österreich anstellen. Im Vergleich zu anderen Staaten sind wir mit hohen Personalkosten vielen anderen Standorten gegenüber wesentlich schlechter gestellt.

Das wäre sozusagen zur Sicherung des Standortes und der Arbeitsplätze, oder?
Ja. Wenn der Standort gesichert ist, sind auch die Arbeitsplätze sicher. Und wenn einmal erkannt wird, dass unser oberstes Ziel sein muss, unsere Unternehmen gesund und im Land zu halten, dann sind auch die Arbeitsplätze gesichert.

Die Arbeitnehmerseite kann da ja nur zustimmen.
Ich glaube, jede Idee, die zum Vorteil der Menschen in unserem Land reicht, müsste auch von den Sozialpartnern unterstützt werden. Wissen Sie, mein Sohn hat mich, als ich IV-Präsident geworden bin, gefragt: „Papa, was tut die IV eigentlich?“ Mir hat die Frage so gut gefallen, weil sie mich gezwungen hat, die IV auf das Wesentliche herunter zu brechen. Ich habe ihm geantwortet: „Die IV ist eigentlich primär da, dass die Arbeitsplätze hier in Österreich gehalten werden. Das ist unser oberstes Ziel.“

Herr Präsident, ein großes Anliegen ist Ihnen der Standort-Check. Diese Geschichte ist etwas eingeschlafen.
Dieser Check steht zum Glück im Regierungsübereinkommen des Landes. Corona-bedingt wurde wenig Fokus darauf gelegt. Wie für vieles andere gilt auch da: Wenn die Wirtschaft funktioniert, dann profitieren die Menschen davon. Und jede Maßnahme, die man setzt, sollte auch auf ihre Auswirkung auf die Wirtschaft hinterfragt werden. Selbst unser Gesundheitswesen, das ja qualitativ sehr hochwertig ist, lebt schlussendlich von einer gut funktionierenden Wirtschaft. Und wenn die Wirtschaft nicht mehr läuft, wenn die Einnahmen fehlen, werden wir uns auch dieses qualitativ hochwertige Gesundheitswesen nicht mehr lange leisten können. Es hängt vieles, nicht nur das Gesundheitswesen, an einer gut gehenden Wirtschaft und deswegen ist dieser Standort-Check so wichtig.

Zitat Icon

Bei den Entlastungen für die Unternehmer hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich hoffe, dass diese bald umgesetzt werden.

Christoph Swarovski

Sie haben die Abhängigkeit Tirols vom Tourismus als „nicht unkritisch“ bezeichnet.
Corona zeigt, was es heißt, von einem Sektor abhängig zu sein. Das gilt aber nicht nur für den Tourismus, das gilt gleichermaßen für alle anderen Sektoren auch. Wenn man nur auf ein Pferd setzt, ist das Risiko groß. Natürlich ist es naheliegend, dass man in unserem Land mit seiner Schönheit und den Vorzügen, die die Natur so bietet, das in Form eines sehr breiten touristischen Angebotes auch wirtschaftlich nutzt. Das liegt auf der Hand. Aber jetzt, in einem Umfeld wie Corona, sehen wir, dass uns das unter Umständen teuer zu stehen kommen kann.

Schafft die Wirtschaft einen vierten Lockdown?
Ich möchte gar nicht über einen vierten Lockdown reden, da uns jeder Lockdown extrem schadet, uns allen nämlich. Natürlich muss man auf die Gesundheit der Menschen achten, wir dürfen aber nicht außer Acht lassen, was es heißt – und jetzt komme ich zurück zu dem Punkt, den ich vorher angesprochen habe –, ein schwächeres Gesundheitssystem zu haben und die Leute sterben zu sehen, weil wir sie nicht mehr so wie gewohnt versorgen können.

Stichwort Corona-Impfung: Ihre Einstellung dazu?
Als IV-Präsident bin ich geradezu verpflichtet, eine grundsätzlich positive Einstellung zum Impfen zu haben. Aber wir werden in Zukunft noch mit anderen Viren zu tun haben und es uns nicht leisten können, jedes Mal unsere Wirtschaft herunterzufahren, wenn ein Virus kommt und wir noch keinen Impfstoff haben.

Claus Meinert
Claus Meinert
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