10.06.2020 13:47 |

Produktivitäts-Ratings

KI-System durchleuchtet Mitarbeiter im Home-Office

Unvermittelt mussten Unternehmen in aller Welt im Zuge der Coronakrise ihr Personal ins Home-Office schicken. Ein Umbruch, der mit gestiegenem Appetit auf Software zur Mitarbeiter-Überwachung einhergeht. Eine neue KI-Lösung aus diesem Bereich verspricht, jeden Mausklick jedes Mitarbeiters zu analysieren, dabei Arbeitsprozesse zu verstehen und ein Produktivitäts-Rating zu erstellen, auf dessen Basis der Chef entscheiden kann, wer gekündigt werden soll und wer nicht.

Das berichtet das IT-Magazin „Technology Review“ mit Verweis auf das US-Start-up Enaible. Das wurde von einem langjährigen Management-Trainer gegründet und verspricht, mit seiner KI-Überwachungssoftware nicht nur die täglichen Arbeitsschritte der Mitarbeiter analysieren, sondern auch deren Produktivität beurteilen zu können - selbst, wenn diese im Home-Office sitzen.

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Stellen Sie sich vor, Sie managen jemanden, und Sie könnten ihn den ganzen Tag beobachten und ihm Empfehlungen geben, wie er seine Arbeit besser machen kann. Das versuchen wir zu tun.

Tommy Weir, Geschäftsführer Enaible

System vereinzelt bereits im Einsatz
Zielgruppe für solche Systeme sind Manager, die ihren Mitarbeitern gern ganz genau auf die Finger schauen. Geschäftsführer Tommy Weir: „Stellen Sie sich vor, Sie managen jemanden, und Sie könnten ihn den ganzen Tag beobachten und ihm Empfehlungen geben, wie er seine Arbeit besser machen kann. Das versuchen wir zu tun. Das haben wir gebaut.“ Das System sei bereits im Einsatz - etwa beim Zoll von Dubai und einer großen globalen Werbeagentur. Man stehe außerdem in Verhandlungen mit einer großen Airline und einer Apothekenkette in den USA, so Weir.

Bei Vertretern der Arbeitnehmer stößt die lückenlose Überwachung der Aktivitäten naturgemäß auf wenig Akzeptanz. Die britische Anwältin Cori Crider, die gegen Technologiemissbrauch durch Konzerne und Regierungen kämpft: „Es kann zu einem massiven Machtgefälle zwischen Arbeitnehmern und Management führen. Chefs haben seit jeher versucht, ihren Arbeitern den letzten Tropfen Produktivität und Arbeit abzuringen. Aber die Genauigkeit der jetzt verfügbaren Überwachung ist mit nichts zu vergleichen, was wir bisher gesehen haben.“

KI-System misst die „Trigger Task Time“
Tatsächlich soll das KI-System von Enaible nicht nur überwachen, was der Mitarbeiter macht, sondern seinen Arbeitsalltag auch zu verstehen lernen. Dafür nutze man einen Algorithmus namens „Trigger Task Time“, bei dem das System beobachtet, wie viel Zeit vergeht, bis eine durch einen Trigger - etwa ein E-Mail oder einen Anruf - vorgegebene Aufgabe vom Mitarbeiter erfüllt ist. Ein System, das bei eintönigen, sich wiederholenden Arbeiten besser funktioniert als bei komplexeren oder kreativen Tätigkeiten.

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Unternehmen werden Menschen entlassen, das haben sie immer. Aber sie können dabei objektiv oder subjektiv sein.

Tommy Weir, Geschäftsführer Enaible

Auf Basis der KI-Berechnungen werden bei Enaible Optimierungs-Empfehlungen und ein Rating erstellt, das dem Chef Auskunft über die Produktivität des Mitarbeiters gibt - und damit auch Anhaltspunkte, wer im Falle eines Personalabbaus als erstes vor die Tür gesetzt werden sollte. Für Enaible-Chef Weir kein Problem: „Unternehmen werden Menschen entlassen, das haben sie immer. Aber sie können dabei objektiv oder subjektiv sein.“

Sind KI-Systeme wirklich objektiv?
Crider zweifelt die Objektivität des Systems an. „Das Heimtückische an diesen Systemen ist, dass sie einen Anstrich von Objektivität haben. Es ist ja eine Zahl auf einem Computer - wie kann das etwas Verdächtiges sein? Sie müssen aber nicht sehr stark an der Oberfläche kratzen, um zu erkennen, dass hinter der überwiegenden Mehrheit dieser Systeme Werte stehen, die bestimmen, was priorisiert werden soll.“ Darüber hinaus hängen die Genauigkeit und Objektivität von KI-Systemen immer davon ab, mit welchen Daten diese zuvor trainiert wurden.

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Was Sie hier sehen, ist der Versuch, einen Menschen in eine Maschine zu verwandeln, bevor die Maschine ihn ersetzt.

Anwältin Cori Crider

Crider rät, solche Systeme nur mit Zustimmung der Mitarbeiter zu installieren - oder überhaupt Abstand von solch invasiven Überwachungsmethoden zu nehmen. „Was Sie hier sehen, ist der Versuch, einen Menschen in eine Maschine zu verwandeln, bevor die Maschine ihn ersetzt.“ Besser sei, ein vertrauensvolles Umfeld zu schaffen, in dem die Mitarbeiter darauf vertrauen können, dass man sie ihre Arbeit tun lässt. Das komme aber bei lückenloser Überwachung eher nicht zustande.

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