03.02.2020 05:04 |

Informationsoffensive

Auch zu viel Medizin kann Schaden anrichten

Aktuelle Empfehlungen gegen Übertherapie: Mehr Nebenwirkungen statt Heilung durch Antibiotika. Röntgen bei „Kreuzweh“ oft sinnlos. Mittelohrentzündung erst einmal beobachten.

„Verschreiben Sie mir halt ein Antibiotikum, damit die Halsschmerzen schnell weggehen.“ Mit dieser Bitte von Patienten sehen sich Hausärzte Tag für Tag konfrontiert. Dabei helfen diese Medikamente bei Erkältungen gar nicht! Antibiotika können nur Bakterien abtöten bzw. ihr Wachstum hemmen, grippale Infekte hingegen werden v. a. durch Viren verursacht. Wenn das Medikament dann nicht verordnet wird, fühlten sich Erkrankte oft aufgrund fehlender Hintergrundinformation mangelhaft betreut.

Viren oder Bakterien als Krankheitsursache?
Umgekehrt sehen sich Patienten häufiger als gedacht mit der ärztlichen Empfehlung konfrontiert, Penicillin und Co. einzunehmen, obwohl gar nicht feststeht, dass Bakterien im Spiel sind. Dafür können aber jede Menge Nebenwirkungen auftreten: Übelkeit, Durchfall, Hautausschläge. Bei Frauen werden Scheiden-Pilzinfektionen begünstigt. Das nimmt man nur in Kauf, wenn der Einsatz gerechtfertigt ist. Etwa bei hohem Fieber, Atemnot, Beschwerden, die sich nicht bessern. Ein klassisches Beispiel von Übertherapie, das sich durch Aufklärung verhindern ließe. Nach dem Vorbild der US-amerikanischen Initiative „Choosing Wisely“ widmet sich die Plattform „Gemeinsam gut entscheiden“ - ein Kooperationsprojekt des Instituts für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung der Medizinischen Universität Graz (IAMEV) und Cochrane Österreich am Department für evidenzbasierte Medizin und Evaluation der Donau-Universität Krems - genau dieser Problematik.

Mitinitiatorin Dr. Anna Glechner: „Es geht dabei um eine Informationskampagne über Behandlungen und Untersuchungen, die zu häufig eingesetzt werden und zu Schäden führen können. Laut einer Umfrage der EU-Kommission wissen nur 30% der Österreicher, dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen. Vor allem in Allgemeinpraxen mit hohem Patientenaufkommen und in sozial benachteiligten Regionen werden diese Arzneimittel daher häufiger verschrieben als nötig. ,Mehr‘ ist nicht immer besser! Es gibt aber auch noch viele andere Empfehlungen wie z. B. Bildgebung bei Rückenschmerzen oder in der Geriatrie bei der Anwendung von Psychopharmaka, künstlicher Ernährung u.v.m.".

Die Top 5 jeder Fachrichtung
Diese Themen werden von medizinischen Fachgesellschaften aus einem Pool ausgewählt, für den die besten verfügbaren Studienergebnissen zugrunde liegen. Jede Fachgesellschaft wählt dabei die fünf wichtigsten Empfehlungen (Top-5-Liste) aus, die dazu beitragen sollen, die medizinische Versorgung in Österreich zu verbessern. Bisher haben zwei Fachinstitutionen eine solche Liste erstellt: die Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) und die Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie (ÖGGG). Ein paar Beispiele:

  • Bakterien im Harn sind meist harmlos. Sie werden oft im Zuge anderer Untersuchungen entdeckt. Bestehen keine Beschwerden, profitieren Betroffene nicht von Antibiotikagaben. Ausnahme sind schwangere Frauen.
  • Ein Röntgen bei Rückenschmerzen, die kürzer als 6 Wochen andauern, gilt als Überdiagnostik, da die meisten Patienten nach vier Wochen ohnehin wieder beschwerdefrei sind. MRT nur bei Verdacht auf schwerwiegende Erkrankung oder Verletzung. Ausnahmen: Unfall, Gefühlsstörungen, Lähmungserscheinungen, Krebs.
  • Keine Antibiotikatherapie bei leichter Mittelohrentzündung (ärztliche Diagnose) bei Kindern zwischen 2 und 12 Jahren, aber medizinische Beobachtung. Ausnahme: Kinder unter 2 Jahren, beidseitige Infektion, eitriger Ausfluss.

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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