07.12.2019 06:00 |

Augenzeugenbericht

Südamerika: Ein Kontinent in Aufruhr

Was sind die Ursachen der gewaltigen Kettenreaktion in Südamerika? Ein österreichischer Experte und Augenzeuge berichtet im Gespräch mit der „Krone“.

Im Hintergrund hört man den Lärm der Straßenschlacht, das Toben einer Stadt in Aufruhr, eines ganzen Landes in Wut, als die Telefonverbindung zu Rudolf Lenhart nach Santiago de Chile (siehe auch Videobericht oben) endlich ordentlich klappt. „Wir leben in unserem Stadtviertel hier seit Wochen im Ausnahmezustand“, stöhnt der Österreicher.

Chiles Autobahn ist die teuerste der Welt
Was ist da los? Chile ist doch das relativ wohlhabendste Land Lateinamerikas, galt sogar als Musterstaat und Hort der Stabilität? „Aber unter der Oberfläche schwelten wie in einem Vulkan die Probleme“, erklärt der Österreicher. „Das gilt besonders für die seit General Pinochet extrem neoliberale Wirtschaftspolitik, die die wohlhabende Klasse noch viel reicher machte, jedoch für die breite Bevölkerungsschicht nicht die erhoffte Verbesserung ihrer Lebensumstände brachte: krasse soziale Ungleichheit, die sogar die Mittelschicht trifft; völlig ineffizientes Gesundheitssystem; niedrige Gehälter und Pensionen; kostspieliges, nur privates Bildungssystem; teuerste Autobahnen des Kontinents bei der Notwendigkeit stundenlangen Pendelns zu den Arbeitsplätzen. Ihre Benützung ist allein in der Stadt hier pro Monat so teuer wie in Österreich die Jahresvignette - und das bei den hier viel niedrigeren Einkommen.“

„Die Lage wird immer unübersichtlicher, gefährlicher und ändert sich ununterbrochen. Präsident und Regierung sind ratlos, alle Beruhigungsversuche bisher vergebens. Die Unruhen haben sich nun vom bisher üblichen Zentrum und dem Armenviertel auf die Wohngebiete der ,Reichen‘ ausgebreitet.“

Frage: Weshalb breiteten sich die Unruhen wie ein Lauffeuer auf dem Kontinent aus, sowohl auf „rechte“ wie „linke“ Staaten, bitterarme Staaten, wo Chiles Probleme eher als „Wohlstandsprobleme“ gesehen werden?

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Frankreichs "Gelbwesten" waren möglicher Zündfunke.

Rudolf Lenhart

Experte: „Soziale Medien sind ein Brandbeschleuniger“
Lenhart: „Eine große Rolle spielt einfach der Ansteckungseffekt eigentlich seit den ,Gelbwesten‘ in Frankreich, wo sich gezeigt hatte, dass man einen Präsidenten unter Druck setzen kann. Die sozialen Medien sind ein Brandbeschleuniger, aber dazu muss es auch Glutnester geben, und die hat der Kontinent zuhauf. Zum Verlust des Vertrauens in die Politiker führte auch der Mega-Skandal des brasilianischen Baukonzerns Odebrecht, der die halbe politische Klasse des Kontinents bestochen hatte.“

Der österreichische Lateinamerikaexperte schildert seine Sicht auf den ganzen Kontinent aus eigener Erfahrung: „Das arme Ecuador machte den Anfang durch die Erhöhung der subventionierten Treibstoffpreise wegen der Auflagen des Weltwährungsfonds. Besonders die indigenen Bauern haben unter dem Preisschock gelitten. Diese Erhöhung wurde zwar vom Präsidenten zurückgenommen, aber das Demonstrations- und Protestfeuer in der indigenen Bevölkerung war entzündet.

Wie eine ansteckende Krankheit sprang der Funke über auf die Preiserhöhung der U-Bahn in Santiago de Chile, gepaart mit dem Vandalismus drogenabhängiger Jugendbanden. Bezeichnenderweise werden diese Banden krimineller Jugendlicher in Chile mit dem deutschen Wort ,Lumpen‘ bezeichnet.

Der Funke der Kettenreaktion sprang dann weiter nach Kolumbien, wo die Wunden der dortigen ,Violencia‘ (Gewalt) - der Guerillakrieg von FARC und ELN und die Drogenbanden - gerade erst am Verheilen waren. Auch dort kam es zu Protesten von Menschen, die sehen, dass sie trotz Wirtschaftswachstums ihres Landes keine Besserstellung ihrer Lebensumstände erreichen. Auch der Frieden mit der Guerilla ist nur sehr labil.

Ermittlungen gegen drei Ex-Präsidenten in Peru
Auch in Peru ist die Situation ähnlich: positives Wirtschaftswachstum, das einem Teil der Bevölkerung große Gewinne und einen neuen Lebensstil bescherte, jedoch im Mikrobereich nicht zu den extrem armen Schichten des in diesem Land großen indigenen Bevölkerungsteils durchkam. In dem Andenland wird unter anderem als Folge des Odebrecht-Skandals gleich gegen drei Ex-Präsidenten ermittelt: Toledo, Humala, Kuczynski.

Weitverbreitete extreme Armut auch in Bolivien, wo zum Beispiel viele Landschulen nicht einmal elektrisches Licht haben, doch der indigene Präsident Morales verlor durch seinen autoritären Stil selbst den Rückhalt bei seinen Anhängern. Die Lage hat sich auch durch den Abgang von Morales nicht beruhigt. Die Übergangsregierung wird von den Anhängern Morales’ nicht akzeptiert.

Bolivien kann man als zweigeteiltes Land betrachten: relativ reicheres und Brasilien-ähnliches Pflanzer- und Ranger-Tiefland sowie unglaublich armes Andenhochland im Westen.

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Das Unruhe-Virus überzieht den Kontinent.

Rudolf Lehnhart

Östlich von Bolivien liegt Brasilien, so groß wie ein eigener Kontinent. Noch kann der rechtspopulistische Präsident Bolsonaro das Überspringen des Funkens auf die berüchtigten Favelas der Großstädte, Brutstätten der Gewalt, verhindern - oder nur hinauszögern? Es ist zu befürchten, dass der Ex-Offizier aufkeimende öffentliche Unruhen sofort mit Militär unterdrücken würde.

Argentinien hat nach einem fehlgeschlagenen rechten, neoliberalen Experiment den Peronismus der Ex-Präsidentin Kirchner zurückgewählt, eine Art linker Populismus. Die Argentinier kennen schon aus der Zeit der Kirchner-Regierung die Plünderung von Supermärkten. Heute ist Argentinien in großer Gefahr, sich mit dem Unruhevirus anzustecken.

Flüchtlinge aus Venezuela machen Kolumbien zu Schaffen
Das führt schließlich bei der Betrachtung des Kontinents zum speziellen Problemfall Venezuela. Der Erbe des ,Volkserlösers‘ Hugo Chavez, Nicolas Maduro, hält sich mit Hilfe der Hugo-Chavez-Militärclique an der Macht. Die heftigen Massenunruhen haben sich einfach dadurch ,entschärft‘, indem bald fünf (!) Millionen der 30 Millionen Einwohner das völlig abgewirtschaftete Land - der größten Erdölvorkommen der Welt - verließen. Vor allem der ohnehin instabile Nachbar Kolumbien gerät durch die Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten zunehmend an seine Grenzen.

Leider wird es auch nicht besser, wenn man noch weiter Richtung Norden schaut und der Blick auf Mittelamerika und Mexiko fällt: überall Gewalt, Drogensumpf und Korruption.

Das Unvermögen der Staatsmacht, sich ohne Menschrechtsverletzungen durchzusetzen, wird als Hauptübel des Kontinents genannt. Das Ergebnis ist maßlose Enttäuschung allenthalben. Die Armut wurde nie besiegt. Das ist die Ursache der Kettenreaktion, doch selbst Reformwunder könnten Versäumnisse der Vergangenheit nicht von einem Tag auf den anderen lösen.“

Kurt Seinitz, Kronen Zeitung

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