Exklusiv-Reportage

krone.at zu Besuch im Team-Camp der Deutschen

Fußball
27.05.2010 22:19
Als stünde ihm das Champions-League-Finale ins Gesicht geschrieben: Mit allerhand Schrammen im Gesicht schreitet Bayern-Newcomer Thomas Müller (rechts im Bild) am Donnerstag zur Pressekonferenz. Nach einer Unachtsamkeit beim Mountainbiken am Tag zuvor landete der 20-jährige Stürmer unsanft auf dem Boden. Dennoch zeigt sich Müller im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Südtirol gut gelaunt und lächelt sarkastisch, als er von seinem Teamkollegen Holger Badstuber (links) für seine Torgefährlichkeit gelobt wird. Da hat er wohl an seine vergebene Großchance im Finale gegen Inter gedacht...

krone.at hat das DFB-Team bei der Vorbereitung für die Weltmeisterschaft in Südafrika besucht. Viel zu sehen gibt es nicht - bis auf eine Viertelstunde zu Beginn der Einheit bleibt die Öffentlichkeit vom Training in Eppan ausgeschlossen. Genauso zurückhaltend agiert die sportliche Leitung beim Thema Personal. Seit Tagen berichten die deutschen Medien, dass die Entscheidung, wer die Nummer eins (Manuel Neuer) und Kapitän (Philipp Lahm) wird, schon gefallen ist. Doch Teamchef Jogi Löw hat sich noch nicht durchgerungen, die Entscheidung offiziell bekannt zu geben. 

Auch die beiden Bayern-Youngsters Müller und Badstuber lassen sich nicht aus der Reserve locken. "Ich kenne von den drei Torhütern nur den Hans-Jörg Butt gut, er spielt mit mir in München. Er ist ein super Torwart, genauso wie die beiden anderen auch", sagt Müller. "Butt, Neuer und Wiese sind Klasse-Torhüter, jeder von ihnen hätte es verdient", fügt Badstuber hinzu. Und die Kapitänsfrage? Müller: "Nach dem Ausfall von Michael Ballack muss die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden. Wer Kapitän wird, ist da eigentlich zweitrangig."

Angst vor Verletzungsseuche
Apropos Ballack: Der Ausfall des Chelsea-Legionärs und Mittelfeld-Chefs ist bei jeder Pressekonferenz ein Thema. Zu sehr schmerzt seine verletzungsbedingte Abwesenheit in Südafrika. Außerdem hat sich schon Angst vor einer Verletzungsseuche breitgemacht, nachdem es innerhalb weniger Wochen Torhüter Rene Adler, Ballack und Christian Träsch erwischte. Da sorgte der Mountainbike-Unfall von Thomas Müller natürlich für eine Schrecksekunde.

"Es ist nicht viel passiert", beruhigt der 20-Jährige, "es ist eine kleine Knieprellung, außerdem gibt's einige Schrammen im Gesicht. Das passt schon." Der Bayern-Stürmer, der in der vergangenen Saison zum Shootingstar avancierte, wirkt sehr cool neben seinem etwas schüchternen Kollegen Badstuber. "Wir haben beide eine Wahnsinnssaison hinter uns, wir haben uns scheibchenweise weiterentwickelt. Jetzt wollen wir für Deutschland eine gute WM spielen", so Müller.

Müller strotzt vor Selbstvertrauen
Angst davor, dass er womöglich zu denjenigen Spielern gehört, die aus dem provisorischen Kader fallen und in Südafrika nicht dabei sind, hat Thomas Müller nicht - auch wenn er erst mit knapp einwöchiger Verspätung zum Nationalteam gestoßen ist und nicht die Chance hatte, den Teamchef im täglichen Training zu überzeugen. "Dass ich das Champions-League-Finale gespielt habe und deshalb nicht von Anfang an im Trainingslager dabei war, ist sicher kein Nachteil, im Gegenteil. Wenn man sich für so ein Finale qualifiziert und da mitspielen darf, zeugt das schon von einer gewissen Qualität."

Worte eines Spielers mit Selbstvertrauen. Keine Spur von Enttäuschung oder Gewissensbissen, nachdem er am vergangenen Samstag gegen Inter - beim Stand von 0:1 - eine glasklare Chance nicht verwerten konnte. Dieser eine Treffer hätte vielleicht die Wende bedeuten und die Bayern dem Triumph ein Stück näher bringen können. Aber das ist für Müller abgehakt. 

Badstuber will noch Argumente liefern
Auch Verteidiger Badstuber, der bislang noch kein einziges Länderspiel auf dem Buckel und trotzdem sein WM-Trikot so gut wie fix hat, konzentriert sich nur auf das Großevent: "Das Champions-League-Finale war eine tolle Erfahrung für mich. Jetzt, hier im Trainingslager, will ich dem Trainer in jeder Einheit Argumente liefern, mich bei der WM aufzustellen."

Am Samstag bestreitet das DFB-Team in Budapest ein Testmatch gegen Ungarn, kommt dann noch einmal für wenige Tage zurück nach Südtirol, um dann in Richtung Südafrika aufzubrechen. Wer gegen die Ungarn im Tor steht, wird bei der WM die Nummer eins sein - dann hat die Geheimniskrämerei endlich ein Ende.

Deutschland im Kreis der Favoriten
Bleibt abzuwarten, wie sich die Turniermannschaft Deutschland bei der Weltmeisterschaft präsentiert. Was die Einzelkönner betrifft zwar vielen anderen Teams unterlegen, konnten die Deutschen bei Großereignissen schon oft über sich hinauswachsen. "Man muss zur richtigen Zeit voll da sein", antwortet Thomas Müller auf die Frage, wie er es geschafft hat, sich bei den Bayern durchzusetzen. Genau diese Fähigkeit besitzt kaum ein anderes Team so gut wie die deutsche Nationalmannschaft - nicht zuletzt deshalb gehört sie trotz spielerischer Defizite und Verletzungssorgen auch diesmal zu den Favoriten.

von Ingemar Pardatscher

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