03.05.2019 10:00 |

„Father Of The Bride“

Vampire Weekend: Comeback voller Leichtigkeit

Sechs lange Jahre nach ihrem letzten Album sind die mainstreamigen Indie-Pop-Helden Vampire Weekend in veränderter Besetzung wieder zurück. „Father Of The Bride“ ist ein üppiges Konglomerat aus allen bisherigen Phasen der Band, angereichert mit entschlackten Folk- und überraschenden Country-Zitaten. Die Hitparaden werden Ezra Koenig und Co. damit aber wohl wieder mühelos erobern können.

Pop-Aficionados erinnern sich noch gut an die Glanzzeiten von Weezer zurück. Eine Band, die ärmellose Pullunder über Polo-Hemden für kurze Zeit cool machte und all den sträflich geächteten Strebern eine Plattform in der Öffentlichkeit gab. Die erste Combo, die einige Jahre später wieder den Ruf einer College-Band für sich beanspruchen konnte, war Vampire Weekend. Das Kollektiv rund um Ezra Koenig schrieb zwischen 2008 und 2013 auf drei Alben Indiepop-Musikgeschichte und fand damit auch den Einzug in die Mainstreamwelt. Der Nimbus der Braven war ihnen dabei keinesfalls hinderlich. Auf manchen Songs wirkten die New Yorker auch tatsächlich so, als ob sie die Hintergrundbeschallung für Literaturvorlesungen in Yale kreieren würden, ließen sich aber niemals von ihrem Kurs abbringen.

Bewusst auf der Bremse
„Modern Vampires Of The City“ war 2013 der bisherige Höhepunkt einer Karriere, die nur Höhepunkte kannte. Begeisterte Kritiken, ausverkaufte Hallen auf Tour, ein zweites Mal auf Platz eins der amerikanischen Albumcharts und als endgültiger Ritterschlag noch eine Grammy-Adelung. Was sollte danach denn noch kommen? Eben. Wohl gerade deshalb hat sich Koenig nicht stressen lassen und ließ sechs Jahre ins Land ziehen, um dieser Tage mit „Father Of The Bride“ das lang erwartete vierte Werk zu veröffentlichen. Fast trotzig merkte er in Interviews an, dass diese Zeitspanne für den modernen Pop-Markt möglicherweise eine etwas lange sei, er es aber in Hinblick auf persönliche Kreativitätsschübe ganz normal finden würde, nicht überhastet an die Sache ranzugehen. Vielleicht auch gar kein so übler Ansatz, sich im Zeitalter permanenter Verfügbarkeit im Hochgeschwindigkeitsrausch einmal bewusst auf die Bremse zu treten, um in Ruhe zu reflektieren.

Von Faulheit kann aber keine Rede sein, Koenig hat sich vielfach außerhalb der eigenen Bandgrenzen betätigt. Der größte und wichtigste Wurf war zweifellos das Vaterwerden, aber auch künstlerisch saß er nicht auf der faulen Haut. Die Netflix-Anime-Serie „Neo Yokio“ ist stark von ihm mitgeprägt, eine eigenmoderierte Radiosendung verschlang viel Zeit und Energie, das Wahlkampfgetrommel für den Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders war intensiv und nebenbei feierte er auch mit Pop-Queen Beyoncé und dem 2016er-Hit „Hold Up“ erkleckliche Erfolge. Noch prägender für die Band war aber der Abschied von Keyboarder Rostam Batmanglij, der zwar nach wie vor in kreativer Gemeinschaft mit Koenig an Songideen feilt, auf das große Ganze nach zehn Jahren aber keine Lust mehr hatte. So mancher Fan hegte bibbernd der Befürchtung, ihr heißgeliebter Hauslieferant für „Intellektuellen-Pop“ hätte die Segel gestrichen, doch Koenig ließ sich von all den Veränderungen und Neuerungen des Lebens nicht beirren und schrieb in beeindruckend stoischer Ruhe an neuen Songs.

Mut zu Traditionellem
„Father Of The Bride“ wurde folgerichtig mit mehreren Doppel-Single-Veröffentlichungen beworben, das Video zu „Sunflower“ wurde gar von Hollywood-Darling Jonah Hill inszeniert und wies als Gast niemand Geringeren als Comedy-Legende Jerry Seinfeld auf. Prinzipiell eine kongruent-konzeptionelle Fortführung für eine Band, die schon vor dem Debütwerk in der Show von David Letterman geladen war. So allumfassend und breit wie das Cover-Artwork ist schlussendlich auch das Album angelegt. Die knappe Stunde Spielzeit hat Songwriter Koenig mit seiner Band in knapp 18 Songs gegossen, stilistisch sind Vampire Weekend vielseitiger und breiter aufgestellt als je zuvor. Vordergründig fällt vor allem der Mut zu traditionelleren Sounds ins Gewicht. Wesentlich mehr Folk, aber auch Country-Zitate haben sich zuhauf auf der Platte verirrt, möglicherweise ein direktes Resultat aus einer dazugewonnen Reife oder veränderten Lebensumständen des mittlerweile 35-Jährigen. Die offensichtlichen Highlights: das Hit-lastige „Harmony Hall“ und das selbstironische „Unbearably White“.

Die ewigen Vergleiche mit dem legendären Paul Simon wird Koenig nicht loswerden, doch Ausritte in mannigfaltige Gefilde sind auf „Father Of The Bride“ mehr Regel als Ausnahme. Das folkige „Hold You Now“ ist etwa so eine Überraschung, auch die melancholischen Balladen „Married In A Goldrush“ und „We Belong Together“, übrigens gesungen mit der wundervollen Danielle Haim von den Haim-Schwestern, zeigen die Band von einer neuen, wesentlich facettenreicheren Seite. Überraschend leichtfüßig dagegen der Track „Sympathy“, der sich in technoide Gefilde wagt und nach dem getragenen „My Mistake“ eher etwas forsch angeordnet wurde. Vampire Weekend kennen bei ihrem Comeback jedenfalls keine Scheu vor Grenzenlosigkeit und würzen ihren mit Afrobeat angereicherten World-Pop mit unzähligen neuen Stil-Zutaten, die zwar prinzipiell für Spannung und Abwechslungsreichtum sorgen, auf Langstrecke aber auch etwas überfordern. Koenig sieht Musik und Kunst aber immer noch positiv naiv als eine Art experimentelle Kreativspielwiese, woraus er eine Platte voll leichtfüßiger Momente fertigte. Das kann und sollte man auch entspannt genießen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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