So, 19. Mai 2019
20.04.2019 12:30

Eine Auferstehung

Von der Obdachlosigkeit zurück ins Leben

Kurt Schlechtleitner war alkoholkrank, obdachlos, am Ende. Heute scheint in seinem Leben wieder die Sonne. Besuch bei einem Innsbrucker, der mit seiner Geschichte anderen Mut machen möchte.

Die Tür geht auf. Kurt Schlechtleitner deutet den Besuchern, einzutreten. Hinter ihm eröffnen sich geschätzte 40 Quadratmeter Wohnfläche. Hell, freundlich, behaglich. „Groß ist es nicht, aber es ist mein Himmelreich“, zeigt der 73-jährige Innsbrucker auf einen wunderschönen Ausblick, der dem kleinen Refugium im fünften Stock unendliche Weite zu geben scheint.

Hier sitzt Kurt Schlechtleitner gerne und schaut in die Ferne. „Ich genieße mein Leben, auch wenn ich nicht so gesund bin. Wenn ich nicht schlafen kann, zähle ich die Sterne. Und am Tag habe ich meine Pflanzen“, zeigt der Pensionist auf Fensterbänke voll sattem Grün. Das Garteln entdeckte Schlechtleitner für sich, als er die Zeit der Dürre überwunden hatte.

Plötzlich stand er in der Wüste des Lebens
Warum er plötzlich in der Wüste des Lebens stand, kann der Innsbrucker nicht mehr so recht sagen. Wenn er zurückblickt, findet er nicht die eine große Katastrophe, die ihn aus der Bahn warf. „Ich war ein Lebemann, der König der Altstadt“, meint Schlechtleitner mit einem Augenzwinkern. Dann wird sein Blick ernst, die Hände wie zum Beten gefaltet. Einige Augenblicke absolute Stille, bevor der 73-Jährige zu erzählen beginnt.

Seinen persönlichen Kreuzweg gegangen
Es ist die Geschichte eines Mannes, der seinen ganz persönlichen Kreuzweg gegangen ist. Innsbruck ist Schlechtleitners Heimatstadt. Hier wuchs er auf, hier hatte er Freunde, Familie, einen Job. „20 Jahre war ich Bäcker. Eine Mehlallergie zwang mich dann aber, meinen Beruf aufzugeben. Ich hab’ auch gleich das Rauchen gelassen, um meine Lunge zu schonen.“ Das sagt einer, der gelernt hat, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Schlechtleitner gehört einer Generation an, in der Männer keine Schwäche zeigen durften, keine zeigen wollten. Dass er an einer Depression leidet, wurde lange Zeit nicht erkannt. Längst hätte er eine Behandlung gebraucht. Doch für einen g’standenen Tiroler war das ein Tabu.

Ehe-Aus noch kein Grund zum Verzweifeln
Drei Jahre war Schlechtleitner verheiratet. „Wir gingen im Einvernehmen auseinander“, ortet der Innsbrucker auch dort keinen Grund zum Verzweifeln. Und doch war sein Leben mittlerweile gefährlich nahe an den Abgrund gerückt. „Ich habe bei einem Bekannten in seinem Lokal ausgeholfen. Ich habe getrunken, einfach viel zu viel getrunken“, sieht der 73-Jährige seine damalige Situation heute klar und deutlich vor Augen.

Das Geld wurde weniger, der Alkohol mehr
Das Geld wurde weniger, die Alkoholsucht immer größer. Der Bruder versuchte, dem Abstürzenden zu helfen. Doch dieser hatte längst den Halt verloren. Geld habe er von seinem Bruder erbettelt für Medikamente, ausgegeben habe er es für Alkohol. Eine Episode, die Schlechtleitners aussichtslose Lage beschreibt.

Doch es kam noch schlimmer! Dem Innsbrucker wurde die Wohnung gekündigt: 8000 € Mietschulden. Delogierung, Pfändung! Vor der Familie hielt der gefallene König seinen Absturz so gut es ging geheim. Doch plötzlich stand er auf der Straße, sichtbar für jeden. „Meine Familie hat mir damals ein Ultimatum gestellt. Das brachte mich zur Vernunft.“

Vom Krankenhaus ins Obdachlosenheim
Schlechtleitner ließ sich in die Psychiatrie einweisen und machte eine Entziehungskur. Als der Innsbrucker das Krankenhaus wieder verlassen durfte, lag vor ihm die große Leere: „Ich habe in der Städtischen Herberge gewohnt und später in einem weiteren Obdachlosenheim.“ Eine schwere Zeit, aber auch eine erkenntnisreiche: „Niemand hat das Recht, Obdachlose zu verurteilen. Ich bin überzeugt davon, dass das jedem passieren kann. Und zum Glück leben wir in einem Land, in dem diese Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen werden. Ich ziehe den Hut vor den Sozialarbeitern.“

Am Weg zurück mit Disziplin und Glauben
Als Kurt Schlechtleitner seine Sucht überwunden hatte und wieder klar denken konnte, begann der steinige Weg zurück. Ein Weg, den der Innsbrucker tapfer, ohne Selbstmitleid, mit viel Disziplin ging. Und mit seinem Glauben, den der Katholike als wichtige Stütze bezeichnet. Sagt’s und zeigt auf eine Marienstatue, die in seiner Wohnung steht.

Er wolle mit seiner Geschichte den Menschen Mut machen, immer wieder aufzustehen - auch wenn das Kreuz des Lebens schwer auf den Schultern lastet. Glück und Zufriedenheit findet Schlechtleitner heute in den kleinen Dingen: Ein Spaziergang an der Sill, selbst gemachtes Ostergebäck, ein Gottesdienst. Das Bild der Auferstehung gefällt ihm gut. „Das trifft es genau.“

Claudia Thurner
Claudia Thurner

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