Fr, 19. April 2019
10.04.2019 10:26

„Gaia & Friends“

Crystal Fighters: Musik gegen menschliche Kälte

Seit fast zehn Jahren sind die Crystal Fighters nicht nur eine der spannendsten, sondern auch erfolgreichsten Bands im erweiterten Alternative-Bereich aus England. Mit „Gaia & Friends“ gaben sie unlängst ihren Einstand beim Major-Label Warner Music und konzertierten damit in der restlos ausverkauften Wiener Arena. Frontmann Sebastian Pringle ließ uns für ein schönes Gespräch in seine humane, solidarisch geprägte Gedankenwelt.

Ein eigentlich neues Studioalbum unter dem Banner „Mixtape“ zu veröffentlichen, ist selbst für die voller Besonderheiten und Absonderlichkeiten durchzogenen Musikindustrie ein besonders spannendes Unterfangen. Als solches haben die renommierten Crystal Fighters nämlich Anfang März „Gaia & Friends“ bezeichnet, obwohl darauf keinesfalls von Ausschussware gesprochen werden kann. So gibt es ebenso radiotaugliche Singles wie „Wild Ones“ zu bestaunen, als auch Songs mit interessanten Kooperationen wie etwa „Remolino Icarito“ mit Allison Sleator, „Hope“ mit Petite Noir und Miller Blue oder „All Of It“ mit dem Chilenen Soledad Vélez. Ein buntes, multikulturelles Unterfangen, wie man es vom baskisch-britischen Trio mittlerweile gewohnt ist. „Es ist unser erstes Album bei Warner Music und wir wollten uns einfach dem Druck entziehen, es gleich als Studioalbum benennen zu müssen“, gibt Frontmann Sebastian Pringle im Interview mit der „Krone“ am Rande des Konzerts in der Wiener Arena eine etwas eigenwillige Erklärung hervor.

Undefinierbar
Dabei können die Crystal Fighters relativ gut mit Druck umgehen. Ihr 2010er Debütalbum „Star Of Love“ war eine bunte, unerwartet erfolgreiche Hitpalette im Fahrwasser von Ethno-Pop, Electronic, Dance- und Funk-Anleihen. Mit ihrer hippieesken Herangehensweise hat sich die Band auf mittlerweile drei Alben ihr ganz eigenes Genre herausgearbeitet und findet nicht nur im Alternative- oder Indie-Bereich, sondern auch im Mainstream seine Liebhaber. Dass man sich bei der Vermengung so vieler unterschiedlicher Musikstile manchmal fast selbst um Kopf und Kragen experimentiert, streitet Pringle erst gar nicht ab. „Es ist manchmal wirklich schwierig zu sagen, wer oder was wir eigentlich sind. Wir hinterfragen unsere musikalische Persönlichkeit im Studio eigentlich immer selbst. Bei ,Gaia & Friends‘ haben wir mit externen Produzenten und Songwritern gearbeitet, was eine neue Art von Frische für uns bedeutete.“

Das „Mixtape“ strotzt nur so vor positiven und lebensbejahenden Momenten und ist einmal mehr eine Hommage an Gemeinschaftlichkeit, Solidarität und Universalität. „Wir schreiben immer direkt aus unseren Herzen. Ich weiß schon, dass die Welt derzeit ein dunkler Ort ist, aber diese Dunkelheit ist prinzipiell komplett von Menschenhand erschaffen. Da unser Schicksal im Endeffekt komplett in unseren Händen liegt, sehe ich keinen Grund, allzu negativ eingestellt zu sein. Uns ist es wichtig, zu inspirieren und die positiven Aspekte nach vorne zu kehren.“ Die Bandmitglieder der Crystal Fighters verwehren sich zwar seit jeher mit einem Kommunengedanken gleichgesetzt zu werden, reisen außerhalb der Zeit auf Tour oder im Studio aber so oft wie nur möglich. Pringle war vor dem Arbeitsprozess sechs Monate lang in Costa Rica unterwegs. All die Eindrücke und Erfahrungen aus diesen Reisen werden wie selbstverständlich zu einem unikalen Klangmix zusammengesetzt.

Denkanstoß Reise
„In den letzten vier Jahren bin ich im Winter schon allein der Kälte wegen aus Europa geflüchtet“, lacht der Frontmann, „als wir angefangen haben, haben wir uns immer vorgestellt, wie großartig es sein muss, wenn man mit seiner Band über die ganze Welt touren kann. Mittlerweile ist das Realität geworden und daher war es umso wichtiger, auch zur Basis zurückzufinden. Der exotische Aspekt ist aber nach wie vor der wichtigste bei uns. Egal ob wir fremdartige Instrumente kaufen und ins Studio bringen oder mit Straßenmusikern an deren jeweiligen Örtlichkeiten am Lagerfeuer jammen - all das definiert im Endeffekt die Crystal Fighters. Vielleicht sind nicht all unsere Songs direkt in diesen Bereichen zu verorten, aber der Denkanstoß oder die Grundinspiration kommt fast immer von einer Geschichte, die mit einer Reise zu tun hatte.“

Ein Song der Crystal Fighters ist auch eine Reise in andere Sphären, in Gegenden, die viel Fantasie und Imagination mitbringen. „Es muss immer Platz für Eskapismus sein und unsere Songs hatten immer verschiedene Bedeutungsschichten. Wir bilden auch die Art von Schizophrenie ab, die in jedem von uns steckt. Ich betrinke mich gerne mal und mache Party, aber es muss auch Platz für Arbeit und Kreativität geben. All diese Widersprüche versuchen wir in unseren Songs zu kanalisieren. Wer sich uns anhört, der soll einerseits dazu tanzen können, sich andererseits auch Gedanken über die Vorkommnisse auf dieser Welt machen.“ Songs wie „All My Love“ oder „Reborn“ strotzen nicht nur für positiver Energie und Zusammenhalt, sondern auch vor kompositorischer Frische. Die Crystal Fighters haben merklich mehr Gewicht auf den Einsatz von Percussions und auch elektronischen Versatzstücken gelegt, ohne aber biederen Trends zu folgen. „Wir wollten einfach stärker im Moment sein und das in der Musik reflektieren.“

Analog vs. digital
Pringle ist selbst gefangen in der Parallelwelt zwischen Analog und Digital. So schreibt er seine Songs am liebsten, wenn er nach dem Aufwachen bewusst nicht aufs Handy schaut und seine Träume möglichst in die Länge zieht oder nach gemütlichen Yoga-Einheiten, während er andererseits aber auch ein Studionerd ist und sich von den technischen Möglichkeiten leiten lässt. „Ein Freund von mir hat immer gesagt, im Kreativprozess sollte ich mich von in der Früh bis in die Nacht auf einen Song konzentrieren und mich durch nichts, noch nicht einmal durch ein Kickdrum-Sample, ablenken lassen. Manchmal klappt das gut, oft auch nicht. Am besten ist immer noch, wenn ich instinktiv vorgehe.“ Das kann dann schon auch mal unter dem Einfluss naturbeflissener Substanzen passieren. „Pilze sind pure Meditation aus dem Bauch der Erde. Viel zu oft wird über sie negativ berichtet, während Alkohol und pharmazeutische Medikamente hochgejubelt werden. Natürlich muss man die Pilze verantwortungsbewusst einsetzen, aber naturbelassene, psychedelische Substanzen zeigen dir Dinge, die über den Schleier der Existenz hinausreichen.“

Ein richtiges neues - und auch als solches definiertes - Studioalbum wird es aber dennoch bald geben. Zumindest gibt sich Pringle dahingehend hoffnungsvoll. „An die sieben Songs sind bereits fertig und wir haben mehr als 100 Tonspuren, wovon wir an 20 davon weiterarbeiten werden. Es wird wohl auch ein paar Singles geben, die nicht zwingend mit dem Album zu tun haben werden. Als Veröffentlichungstermin peilen wir Ende des Jahres an, Jänner 2020 ist aber realistischer. Da haben wir noch nie etwas veröffentlicht und das könnte uns guttun. Nach den ganzen Weihnachtsalben sind die Menschen meist froh, wieder etwas Neues und Originäres zu hören. Vielleicht schaffen wir ja den perfekten Zeitpunkt.“ Dann wird es auch sicher wieder bunte und mitreißende Liveshows geben, für die die Crystal Fighters besonders berühmt sind. Eben pure Lebensfreude!

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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