25.01.2019 08:00 |

„Promi-Flüsterer“

Pepi Treichl weiß genau, wie die Gamsstadt tickt

Stadtführer Pepi Treichl (68) erklärt, warum die Einheimischen vor Reich und Schön nicht in Ehrfurcht erstarren und wo Abzocke in der Kitzbüheler Rennwoche auf Normalität trifft.

Warum gehen Kitzbüheler so unbefangen mit den Reichen und Schönen um?
Die Stadt liegt an der Römerstraße, die über den Pass Thurn nach Venedig führt. Es ist seit 1000 Jahren ein ständiges Kommen und Gehen. Der Tourismus liegt daher in unserer DNA. Das beste Beispiel bin ich selbst. Mit zehn Jahren war ich Golfcaddie, barfuß und in Lederhose, ein Bauernbub. Aber nach einem Monat verliert man die Scheu und traut sich auch der Prinzessin in die Augen zu schauen. Und später als Skilehrer und Wanderführer wickelt man diese noblen Gäste wieder mit Charme um den Finger, ohne dass sie es merken.

Welche Eckpunkte des touristischen Aufschwungs waren entscheidend?
Einst lebten wir vom Bergbau, zehn Stollen gab es unter der Streif bis zur Seidlalm, das änderte sich binnen weniger Jahre. 1893 unternahm Franz Reisch die erste Skitour auf das Kitzbüheler Horn, schon 1903 wurde das Grand Hotel errichtet. Beim 5-Uhr-Tee spielten die einheimischen Burschen und Dirndln auf, da gab es keine Berührungsängste mehr. 1926 begann der Bergbahn-Bau, 1931 gab es das erste Hahnenkamm-Rennen.

An Geld dachte niemand, als Skifahren begann

Was war die treibende Kraft zu dieser Zeit?
In den Anfängen des Skifahrens die Neugierde, an Geld hat noch niemand gedacht. Doch als es nach dem Zweiten Weltkrieg 1 Dollar Trinkgeld gab, waren das auf heute gemünzt 2 Euro, das Bier kostete im Gasthaus 7 bis 10 Cent. Und weil die Gäste oft lange blieben, legte mancher damit den Grundstein für das eigene Haus.

Heutzutage lautet der Vorwurf oft, dass es nur noch um das Kassieren geht.
Wir sitzen hier im Huber Bräu mitten im Kitzbüheler Zentrum, wo viele Hauptspeisen auch in der Rennwoche um die 10 Euro kosten, die Speisekarte bleibt dieselbe. Es braucht nur einen Türsteher, sonst herrscht Chaos. Einzelne Wirte, oftmals Nicht-Einheimische, verdoppeln halt die Preise. Diese negative Seite existiert auch bei Taxis, die eigens für diese Tage von auswärts kommen. Da zahle ich dann 50 Euro für eine Fahrt, die normalerweise 20 Euro kostet.

Silikon-Gesichter oft mit traurigen Augen

Gehören Events wie jenes beim Stanglwirt unbedingt zum Hahnenkamm-Rennen?
Ich habe eine Schweizer Gruppe dorthin begleitet, es war teuer, laut und überfüllt. Aber die Gäste haben das eine oder andere Selfie mit einem Promi ergattert - und der Abend war gelungen, alle waren glücklich.

Apropos glücklich - wie haben Sie Reich und Schön in all den Jahrzehnten erlebt?
Der Adel oder Geldadel ist oft erstaunlich normal, und meist schaffe ich es, dass Gäste bei einer Stadtführung zumindest zweimal herzlich lachen. Aber es gibt Familien, wo die Kinder fast nie von der Mutter umarmt wurden, wo eine Gouvernante die Erziehung übernahm. Und aus manchen Silikon-Gesichtern schauen oft nur traurige Augen.

Jubeln und Schreien ist befreiend

Ist das Rundherum des Rennens zu laut geworden?
Ich kann es jungen Menschen aus dem Waldviertel nicht verdenken, dass sie einmal eine Massenparty erleben wollen, wenn zu Hause nie etwas los ist. Vielleicht gehört die laute Musik im Zielraum dazu, auch wenn dann die Romantik verloren geht. Jubeln und Schreien hat ja immerhin auch etwas Befreiendes. Das ist positiv, solange es nicht ausufert.

Jasmin Steiner
Jasmin Steiner
Andreas Moser
Andreas Moser
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