Di, 13. November 2018

Münchens wilde 8

04.11.2018 22:25

Der BMW M850i Coupé bedrängt sogar den BMW M5

Es ist ja nicht so, dass man sich bei BMW gegen die Bezeichnung GT grundsätzlich sperren würde. Aber wie das heutzutage so ist, wenn das Marketing das Sagen hat: Name ist Schall und Rauch und der 6er GT ist viel, aber kein Gran Turismo. Doch jetzt kommt einer, den man tatsächlich GT nennen könnte. Immerhin bekommt der Nachfolger des 6er-Coupés ein nomenklatorisches Upgrade zur 8er-Reihe. Als M850i xDrive Coupé hat er gleichermaßen Reise- und Racer-Qualitäten.

„You were faster than me“, sagt BMW-Werks-Rennfahrer António Félix da Costa nach einigen Runden auf der Rennstrecke von Estoril in Portugal, als er aus seinem Pace Car aussteigt, mit dem er mir als Profi vorausgefahren ist, wie das bei solchen Autopräsentationen üblich ist (es gilt Überholverbot). Ja, ich war schneller, aber das liegt nicht primär an meinen fahrerischen Qualitäten, sondern vor allem an denen des BMW M850i.

BMW M850i schlägt BMW M5
Antónios Pace Car war ein BMW M5. Dessen V8 leistet zwar 70 PS mehr als die brandneue Version im M850i, die es auf 530 PS bringt, allerdings war die Strecke nass, weshalb wir unsere Power trotz Allradantrieb nicht komplett auf die Straße gebracht haben. Außerdem ist das Drehmoment mit 750 Nm ab 1800/min. identisch. Viel wesentlicher war die serienmäßige Hinterachslenkung. Damit lenken die Hinterräder bei Geschwindigkeiten über 72 km/h (in den Modi Sport und Sport+ über 88 km/h) in die gleiche Richtung mit wie die Vorderräder, was für mehr Stabilität und damit höhere mögliche Geschwindigkeiten in Kurven sorgt. Das erwies sich gerade auf rutschigem Untergrund als Segen.

Dank dieser sogenannten Integral-Aktivlenkung merkt man dem neuen Münchner Coupé sein Leergewicht von 1890 kg (nach DIN, also ohne Fahrer) kaum an. Ebenso wenig seine Länge von 4,85 Meter, wenn es ans Abbiegen, Rangieren und Wenden geht: Da die Hinterräder dabei bis zu 2,5 Grad gegenläufig zu den vorderen einschlagen, lässt sich ein angesichts von 2,82 Meter Radstand beachtlich kleiner Wendekreis von 11,90 Meter realisieren (BMW M5: 12,60 Meter bei 2,98 Meter Radstand).

Die Fahrleistungen sind die eines Sportwagen, 3,7 Sekunden reichen für den Sprint von 0 auf 100 km/h (entspricht dem Mercedes-AMG GT C), allerdings gibt es nicht die Option, die Abregelung bei 250 km/h zu deaktivieren. Der Motor erfüllt die Abgasnorm Euro 6d-temp und kommt je nach Reifenformat auf einen NEFZ-Verbrauch von 10,0 bis 10,5 l/100 km.

Der Sound außen kommt vom serienmäßigen Klappenauspuff, im Innenraum helfen ein wenig die Lautsprecher nach, im Comfortmodus nur wenig, in Sport und Sport+ entsprechend mehr. Akustische Feinspitze hören, dass der Klang nicht natürlich ist. Das Spotzen aus dem Auspuff, wenn man vom Gas geht, ist aber echt.

Großer Design-Cruiser
Wenn einen nicht gerade der Hafer sticht, kann man im BMW M850i auch ganz souverän cruisen. Das Fahrwerk ebnet im Comfortmodus tapfer Schlaglöcher, der dann sanft brabbelnde Motor spült immer die passende Drehmomentwelle heran und die formidable Achtgang-Sportautomatik entspannt sich derartig, dass sie im Eco-Modus sogar segeln kann.

Das Design zeigt dabei jederzeit, was für eine Power man unter der Haube (und auf dem Bankkonto) hat. Die lang und flach nach hinten auslaufende Dachlinie ist einfach zum Niederknien schön, das eingezogene Greenhouse betont die mächtigen Schultern, die böse geformten Nieren wirken ein wenig wie gefletschte Zähne. Nur am Heck haben sie es etwas übertrieben. Da wäre weniger mehr gewesen.

Darf‘s ein bisserl mehr sein?
Der BMW M850i hat einiges serienmäßig an Bord, das man bei den Münchnern eher auf der Aufpreisliste vermuten würde. Neben Allradlenkung und Allradantrieb sind das etwa adaptives M-Fahrwerk, Hinterachs-Differenzialsperre, 19-Zoll-M-Sportbremsanlage, 20-Zoll-Mischbereifung (275/30; 245/35), Multifunktionssitze, Lederausstattung und Head-up-Display.

Doch kein BMW ohne jede Menge weitere Angebote, die man nicht abschlagen will, wenn man es sich irgendwie leisten kann. Aktive Wankstabilisierung, Carbon-Dach und sonstige -Ausstattung, adaptive LED-Scheinwerfer, Laser-Fernlicht oder auch den besten und flexibelsten Adaptiv-Tempomaten, den es momentan überhaupt gibt.

Licht und Schatten im Innenraum
Das Interieur wirkt auf den ersten Blick sportlich-elegant und der Fahrzeugklasse angemessen. Bei genauerem Hinschauen bzw. bei der Bedienung fällt auf, dass sich manches nicht so anfühlt, wie man es sich in einem Auto um 145.950 Euro Basispreis erwartet. Vor allem die Bedienfelder mit Menü- und Fahrerlebnistasten weisen eine etwas billige Haptik auf.

Sehr gewöhnungsbedürftig ist das neue Design des nun grundsätzlich digitalen Kombiinstruments. Nicht nur weil der Drehzahlmesser jetzt wie bei Peugeot links herum läuft. Die Darstellung ist zwar konfigurierbar, aber grottenschlecht ablesbar. Da war es den Designern wohl wichtiger, die „Instrumente“ wie angedeutete BMW-Nieren zu gestalten, als sich an der bisher bei BMW herrschenden Klarheit zu orientieren.

Genauso verspielt, aber zum Glück optional sind die diamantgeschliffenen Glasapplikationen, also Automatikwählhebel und Co. Müssen solche Bling-Bling-Gadgets wirklich sein? Wollt ihr damit Bentley- und Rolls-Royce-Kunden schwach machen, Freunde in München?

Das Bedienkonzept ist neu und heißt jetzt „BMW Operating System 7.0“. Wer das bewährte iDrive kennt, wird sich umstellen müssen, aber wohl zurechtkommen. Man kann die Darstellung ähnlich wie bei einem Smartphone konfigurieren; den iDrive-Controller gibt es weiterhin, aber das Meiste wird man dann doch über den Touchscreen erledigen. In der Anfangszeit könnte man theoretisch den autonomen Fahrassistenten ein wenig das Steuer übernehmen lassen, um die Funktion zu finden, die man gerade braucht.

Unterm Strich
Der BMW M850i xDrive Coupé ist einer für alles. Man kann sich mit ihm auf der Rennstrecke genauso wohlfühlen wie auf kurvigen Landstraßen - und souveränes Gleiten und Surfen auf der fetten Drehmomentwelle beherrscht er auch erstklassig. Dafür wird es aber wohl auch die zweite Motor-Option tun, die BMW anbietet: der Dreiliter-Sechszylinder-Diesel mit 320 PS und 680 Nm, der bereits mit 112.200 Euro in der Liste steht.

Und wer ‘s mit dem entspannten Cruisen so gar nicht hat, der wartet einfach bis nächstes Jahr: Dann kommt der M8. António, such dir schon mal was Warmes zum Anziehen raus…

Warum?
Die Optik trägt den nomenklatorischen Schritt vom 6er zum 8er.
Er fährt sich hervorragend.

Warum nicht?
Haptik im Innenraum nicht ganz der Klasse entsprechend

Oder vielleicht …
… Aston Martin DB11 V8, Mercedes S-Klasse Coupé, Bentley Continental GT

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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