Mo, 12. November 2018

Natur und Luxus

21.10.2018 06:00

Wein und Wildnis in Friaul-Julisch Venetien

Wer die Toskana mag, wird Friaul-Julisch-Venetien lieben. Wo einst ein heftiges Beben den Menschen die Lebensgrundlage raubte, bietet die Region zwischen Österreich und Slowenien heute Gourmets, Golfern und Abenteurern unbändige Natur und Luxus pur.

Der altehrwürdige Kutter tuckert gen Horizont, als plötzlich mehrere hundert Pferdestärken durch die Bucht von Grignano vor Schloss Miramare aufheulen. Die „Guardia di Finanza“ - Italiens gefürchtete Finanzpolizei - hält direkt neben dem Boot der Muschelfischer. „Keine Fotos!“ Mit harscher Stimme weisen die Carabinieri die Journalisten in die Schranken. Auch Kritik ist hier an der Grenze zwischen Italien und Slowenien unerwünscht. Und das nicht nur wegen Schlepperei, auch aufgrund des schützenswerten Meeres. Das Wasser ist glasklar, hier ist die Adria noch sauber - und darauf ist man stolz. Nur mit Genehmigung ist Schnorcheln hier erlaubt, Fischen und Ankern dagegen streng verboten.

Nach einer zähen Stunde ist die Razzia vorbei, die besorgte Miene von Fischer Davide hellt sich auf. Denn einige Telefonate stellen die Ordnungshüter zufrieden - die Fahrt kann weitergehen. Ziel sind Bojen, die in verschiedensten Formen und Farben an der glitzernden Wasseroberfläche treiben und den Lebensunterhalt der 15 Fischer der Bucht begründen. Routiniert zieht Davide mit einem Haken eine schwere Boje an Bord. Die Seile sind mit schwarz glänzenden Muscheln übersät. Davide grinst, man merkt, dass er seine Arbeit gern verrichtet. Seit kurzer Zeit bietet er daher nahe Triest, ehemals Standort der heimischen Marine, Touren an, bei denen Touristen einen Tag lang hart mitarbeiten können. Selbstverständlich dürfen dann am Abend die Muscheln bei einem kühlen Glas Wein verkostet werden.

Wer das Friaul-Julisch-Venetien betritt, wird von ebenjenem Wein begleitet. In abenteuerlich engen Kehren windet sich die Straße den Berg hinauf Richtung Nimis - ein kleines Bergdorf, bekannt für seinen süßen Dessertwein. Hier wandelt die Region sein Gesicht abrupt von grünen Feldern hin zu schroffen Felsen und spektakulär an die Hänge gedrängte Orte und Weinberge. Die „grüne Hölle“ von Friaul ist eine eigene Welt.

Einsam steht der gemauerte Glockenturm von Nimis im Dorf, seine Gemäuer müssen schon einige Erdbeben überstanden haben. Wein und bebende Erde prägen seit jeher die Region, auch die Leben von Alessandro und seinen drei Söhnen. Der 74-Jährige wirkt nachdenklich, als er über das große Beben spricht, das 1976 erbarmungslos zuschlug und den Winzern fast alles nahm. Einzig ihre Reben und die Lebensfreude blieben erhalten, man rappelte sich auf - und zaubert seither besonders seltene Weinsorten. Nur wenige tausend Flaschen pro Jahr werden nun produziert, die bestechen aber durch höchste Qualität. Er sei trotz der harten Arbeit seiner Söhne immer noch voll ins Geschäft eingebunden, lacht Alessandro. Ein Wort wie Pension existiert im Wortschatz des Alt-Winzers nicht mehr, seine Frau habe sich mittlerweile damit abgefunden, dass er sich niemals zur Ruhe setzen werde.

Am Anfang seiner Karriere steht Federico. Mit Shorts und hemdsärmelig steht der Tausendsassa inmitten der kleinen Ortschaft Polcenigo, die nur aus einer Hauptstraße und einer Reihe alter Gebäude besteht. Eines davon besitzt der im Ort nur „Fred“ gerufene Kräutermagier. Die alte Apotheke bot alles, was er brauchte: Einen Platz, an dem er aus Kräutern Gin, Wermut oder Bitter herstellen kann. Stolz schwingt in seiner Stimme, als er ein Glas Gin in seiner Hand schwenkt und von seiner Leidenschaft erzählt. Mittlerweile verkaufen sich die Edel-Destillate sogar in die USA oder nach Kanada, doch das Rezept seines aus 43 Kräutern bestehenden Gin sei ein Geheimnis. Ganz nebenbei unterrichtet er an der nahen Tourismusschule oder schenkt Getränke in seiner eigenen Bar aus. Langweilig wird dem Macher in der 2000-Seelen-Gemeinde also nicht.

Über zu wenig Arbeit beklagen kann sich in der Familie Comaro ebenfalls niemand. Seit 1870 wird nahe Udine bester Honig produziert. Die geflügelten Arbeiter bereiten aber Sorgen. Die Produktionsperioden der Bienen werden kürzer, der Klimawandel hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Landwirtschaft und zunehmende Verschmutzung zwingen auch die Imker, sich umzustellen, das Beste aus den immer schlechter werdenden Umständen herauszuholen. 60 Tonnen des flüssigen Goldes entstehen jährlich in seiner sterilen Produktionshalle, was die Zukunft bringe, werde sich weisen.

Was den Tourismus betrifft, wartet auf Friaul-Julisch-Venetien wohl eine goldene Zukunft. Denn die Gegend bietet jedem Urlaubertyp Erholung und unvergessliche Erlebnisse. Schroffe Felsen und hohe Gipfel laden zu Wandertouren, nur unweit davon locken das offene Meer und kilometerlange Strände Sonnenanbeter an. Und zwischen hochklassigem Wein, historischen Altstädten und der unbändigen Wildnis blitzt auch an allen Ecken die Lebenslust der Friulianer hervor ...

Stefan Steinkogler, Kronen Zeitung

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