So, 18. November 2018

Erste Schritte

17.10.2018 06:00

„Purzelbaum darf kein Problem sein“

Wie weit ist Österreich von der täglichen Turnstunde entfernt? Leider noch sehr weit! Aber mit der Hilfe von Marcel-Hirscher-Trainer und Fitness-Guru Gernot Schweizer soll die Revolution gelingen …

Sicher wie das Amen im Gebet kommt alle vier Jahre der große Aufschrei! Wenn Österreichs Sommer-Sportler ohne beziehungsweise mit mickriger Ausbeute von Olympia heimkehren, stellt sich das Land die Frage: Warum schaffen es andere kleine Nationen? Und was ist faul in unserem System?

Die Antwort von Sportminister Heinz-Christian Strache im „Krone“-Gespräch: „Wir haben keine Bewegungskultur. Ein Purzelbaum ist bei vielen Kindern keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Herausforderung!“ Auch Christian Günther, Straches Sport-Referent, weiß: „Erfolge, Medaillen sind in Österreich fast immer das Verdienst von engagierten Einzelnen. Kein Produkt des Systems.“

50 Millionen Euro fehlen
So ein System will man jetzt zusammen mit dem Gesundheitsministerium auf die Beine stellen. Dafür hat man Gernot Schweizer, Fitness-Coach von Ski-Held Marcel Hirscher und seit 30 Jahren Physiotherapeut, ins Boot geholt. Die tägliche Turnstunde ist zwar aus finanziellen Gründen eine Illusion, die nötigen 50 Millionen Euro sind nicht da. Kurios, denn gesündere Österreicher würden uns viele Milliarden Euro im Gesundheitssystem sparen. Und durch mehr Leistungsfähigleit auch die Wirtschaft gewaltig ankurbeln! Aber die Initiative „Mach den ersten Schritt“ soll immerhin ein hochwertiger Ersatz sein. Schweizer agiert überparteilich, deshalb hofft man auf den nationalen Schulterschluss.

Die wichtigsten Eckpfeiler der Kampagne:

  • Tausende Übungen für Jung und Alt, Anfänger bis Profi. Spezifisch für Berufsgruppen. Konsumierbar via Internet oder im Verein/Fitnesscenter „ums Eck“ (www.fitsportaustria.at).
  • Die Lehrer, vor allem in den Volksschulen, sollen mit Kursen sportpädagogisch auf den neuesten Stand gebracht werden.
  • Talente schon in der Volksschule erkennen und an die Klubs/Leistungszentren vermitteln.
  • Unterstützung von Schulen, die mit schwieriger Infrastruktur kämpfen.

Kleines Land, gutes System

Dänemark: Das 5,7-Millionen-Einwohner-Land räumte bei Sommer-Olympia 2016 in Rio 15 Medaillen ab. Von Schwimmen und Handball bis hin zu Rudern oder Badminton. Die jährlichen 140 Millionen Euro fließen ausschließlich in Sportarten, die Weltklasseleistungen (Top Acht) abliefern. Welche Sportarten das sind, wird laufend evaluiert. Die Führung des Spitzensportmodells ist komplett unpolitisch. Hinzu kommt die riesige Sportbegeisterung: vier von fünf Kindern sind Mitglied in einem Sportverein.

Norwegen: Die erfolgreichste Wintersportnation der Welt! 39 Medaillen bei Olympia 2018 in Südkorea, und das bei gerade einmal 5,2 Millionen Einwohnern. König Harald V. geht mit gutem Beispiel voran. Wenn er sein Thronjubiläum feiert, dann nicht mit einer pompösen Parade, sondern mit einem Wintersportfest für alle vor seiner Residenz. Der Sport genießt in der Bevölkerung höchste Akzeptanz. Das Kernstück der Erfolge ist das seit Mitte der 1980er-Jahre existierende nationale Spitzensportzentrum Olympiatoppen in Oslo. Dort trainieren die besten Athleten des Landes aus verschiedensten Sportarten unter einem Dach.

Kroatien: Der Einzug der Fußballer ins WM-Finale 2018 war nur das jüngste Beispiel dafür, welch großartige Sport-Nation das nur vier Millionen Einwohner zählende Land ist. „Das liegt vor allem daran, dass der Schulsport in Kroatien großgeschrieben wird“, sagt Niko Kovac, der Trainer von Bayern München. „Überall hängen Basketball-Körbe, sind Fußball- und Handball-Felder zu finden.“ Kroatien war Wasserball- und Handball-Olympiasieger, im Basketball Olympia-Zweiter, stellt aber immer wieder auch Weltklasse-Einzelsportler wie Goran Ivanisevic (Tennis), Janica Kostelic (Ski) oder Blanka Vlasic (Hochsprung).

Interview
Gernot Schweizer, Bewegungs-Botschafter, will mit
 der Initiative „Mach den ersten Schritt“ das träge rot-weiß-rote System knacken.

Sind Sie die Ilse Buck der Neuzeit?
Nennen Sie mich, wie Sie wollen! Entscheidend ist, dass sich die Österreicher endlich mehr bewegen.

Wie soll das gelingen?
Wir greifen allen unter die Arme. Kreieren maßgeschneiderte Programme für Kindergärten, Schulen, Zimmermänner, Büroangestellte. Einfach für alle. Die Menschen brauchen nur noch loszulegen.

Sind alle Verbände und Parteien an Bord?
Ich bin nicht links, rechts, grün, blau oder rot. Es kann sich also keine Partei erlauben, nicht mitzuziehen. Sonst blockiert man weiter die Umsetzung von Dingen, die man eigentlich eh schon 15 Jahre weiß! Aber ich bin guter Dinge, denn auch die Dachverbände Sportunion, ASKÖ und ASVÖ ziehen sensationell mit.

Was gehört an den Schulen gemacht?
Balancieren mit Mathe-Übungen, Jonglieren beim Englischlernen, fünf Minuten Hip-Hop-Tanzen als Auflockerung, raus in den Schnee mit dem Schneeanzug, in die Wiesen und Wälder. Wir wollen den Lehrern helfen, kreativ zu sein.

Und im Alltag?
Eltern sollen mit ihren Kindern wieder mehr Wege zu Fuß oder mit dem Rad erledigen. Und Kinder sollen nicht dazu „gezwungen“ werden, die Sportart zu machen, die Papa gemacht hat. Da soll es von der Volksschule weg Experten geben, die die Talente der Kinder entdecken und fördern.

Wird die Umsetzung klappen, kommt endlich Bewegung ins träge System?
Das schwöre ich! Ich habe ein dickes Fell, wir werden uns durchsetzen. Sonst werde ich Bananenpflücker in Jamaika.

Alex Hofstetter, Kronen Zeitung

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