Di, 16. Oktober 2018

Alarmierende Zahlen

14.06.2018 15:15

Jeder zweite Drittklässler kann nicht schwimmen

Sonne, Eis und kühles Nass. Plötzlich der Schock: Der Spross ist weg! Nach bangen Momenten zwischen Suchen und Hoffen wird es traurige Gewissheit: Das Kind ist ertrunken. Leise und unbemerkt, was selbst an stark frequentierten Orten passieren kann. 

In Österreich ertranken seit 2007 mehr als 80 Kinder und Jugendliche. Erst am Sonntag wurde ein Sechsjähriger im Faaker See leblos aus acht Meter Tiefe geborgen. Der Kleine starb im Krankenhaus. Die süße Tochter von US-Skistar Bode Miller marschierte, während die Familie im Haus der Nachbarn in der Küche plauderte, in den Garten. Emmy (1) ertrank hilflos im Pool.

Schwimmen lernen vor dem Schuleintritt
Allein in Österreich starben seit 2007 mehr als 80 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren durch Ertrinken. „Es ist ein Irrtum, dass Menschen bei einem Notfall im Wasser laut schreien. Vielmehr ertrinken sie völlig regungs- und lautlos“, weiß Rettungsschwimmer Felix Zottl vom Arbeiter-Samariter-Bund. „Jüngere Kinder nehmen gar die Embryonalstellung ein.“

Die wichtigste Schutzmaßnahme ist es, Kinder früh schwimmen zu lehren, am besten vor dem Schuleintritt. „Ab vier Jahren ist ein Schwimmkurs sinnvoll“, empfiehlt Zottl. Doch leider geht der Trend in die gegenteilige Richtung. Denn jeder zweite Drittklässler ist mittlerweile Nichtschwimmer. Einen Grund dafür sieht der Experte auch am Freizeitverhalten von Familien: „Es ist ein gesellschaftliches Thema: Die Eltern kümmern sich weniger darum, und die Kinder sitzen mehr vor dem Handy oder dem Computer.“

Fatal. Ist doch Ertrinken bei Kindern die zweithäufigste Unfall-Todesursache, und wer überlebt, hat oft lebenslange, gravierende Folgeschäden. Es geht um Sekunden. Daher ist es das Um und Auf, Kinder niemals unbeaufsichtigt ins Wasser zu lassen, auch nicht mit klassischen Schwimmhilfen. „Für ein tödliches Unglück reichen wenige Zentimeter Tiefe.“ Und auf noch eine Gefahr weist Zottl hin: „Selbst, wenn jemand gerettet wurde und es ihm anscheinend gut geht, ist unbedingt das Spital aufzusuchen. Denn es droht die Gefahr des “sekundären Ertrinkens“ wo in die Lunge gekommenes Wasser auch Stunden nach dem Vorfall ein lebensbedrohliches Lungenödem auslösen kann.

Pflegefall nach Badeausflug
Der kleine Elias wurde zwar aus dem Wasser gerettet - aber nichts ist mehr, wie es war. 
Dramatische Szenen ereigneten sich vergangenen Sommer in einem Kärntner Freibad: Der dreijährige Elias war unbemerkt bei einem Kindergartenausflug in das warme Nichtschwimmerbecken gefallen - mindestens fünf Minuten, vermutlich eher zehn, trieb er im seichten Wasser. Niemand sah den Kleinen, niemand vermisste ihn. Als er endlich herausgezogen wurde, wurde sofort die Rettungskette in Gang gesetzt: Beatmung, Herzmassage, Notfallversorgung und Flug ins Klinikum Klagenfurt. Tatsächlich konnte der Bub ins Leben zurückgeholt werden.

Aber um einen hohen Preis, wie der Anwalt der Familie schildert: „Elias ist ein Pflegefall, der rund um die Uhr betreut werden muss. Er liegt im Wachkoma, wird künstlich ernährt und teilweise auch beatmet. Er hat überlebt. Aber nach menschlichem Ermessen ist es kein Leben“, so Peter Ouschans harte Worte. Strafrechtlich ist der traurige Fall aufgearbeitet. Die verantwortliche Kindergärtnerin sowie der Bademeister wurden wegen fahrlässiger Körperverletzung rechtskräftig zu Geldstrafen verurteilt, weil sie ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind. Denn wäre Elias früher entdeckt worden, wäre alles anders gekommen, wie auch Arzt Wolfgang Tributsch sagt: „Unter drei Minuten sollte es kaum Schäden geben.“

Daten und Fakten
Beim Ertrinken geht es um jede Sekunde, wie der Kärntner Gerichtsmediziner Wolfgang Tributsch erklärt: “Ein Zusammenhang zwischen Sauerstoffmangel und Hirnschädigung kann binnen zwölf Sekunden entstehen.“ Vor allem Kinder atmen beim Untergehen rasch Wasser ein - nach drei bis sechs Minuten können erste Nervenzellen absterben. Danach wird es kritisch. Ab neun Minuten ist fast immer mit sehr schweren Schäden zu rechnen.“

Anja Richter, Kerstin Wassermann, Kronen Zeitung

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