So, 21. Oktober 2018

Autor zum Vatertag

10.06.2018 11:15

„Kinder nicht dazu da, Sinnhaftigkeit zu stiften“

Der österreichische Schriftsteller Robert Schneider („Schlafes Bruder“) erzählt, wie er in seine Vaterrolle fand, die zu seiner wichtigsten und schönsten Lebensrolle wurde.

Ich liebe Kinder, aber ich wollte nie welche haben. Diesem Grundsatz bin ich 46 Jahre lang treu geblieben. Dann wurde alles anders. Ich hatte mich in das Leben eines ewigen Junggesellen eingerichtet, der nur ein Ziel verfolgte - das Schreiben von Büchern. Meine Bücher waren meine Kinder, und ich hätte mir nie ausdenken können, dass es einmal anders kommen sollte. Ein Schriftsteller muss einsam bleiben und sich ganz und gar auf sein Thema konzentrieren. Das war meine romantische Vorstellung vom Schreiben. Hermann Hesse litt unter dem Zwiespalt, Dichter und gleichzeitig Vater zu sein. Er verließ seine Frau und seine drei kleinen Kinder. Ein hoher Preis. Ein viel zu hoher, dachte ich schon damals, als ich noch nicht Vater war. Also lieber gleich gar nicht in diese Situation geraten. Sich nicht binden. Die Kunst verträgt das nicht.

Kinder sind nicht dazu da, Sinnhaftigkeit zu stiften
Ich will nicht sagen, dass ich als Junggeselle glücklicher war. Ich glaube, genau das Gegenteil war der Fall. Heute schmunzle ich oft über die tausend Sorgen, die unverheiratete Menschen so haben. Alles dreht sich um die eigene Befindlichkeit. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Lebens ist präsenter und die Frage: Was bleibt eigentlich von mir? Eines ist gewiss: Kinder sind nicht dazu da, Sinnhaftigkeit zu stiften. Das ist der größte Irrtum überhaupt.

Kinder zu haben war für mich kein Thema
Im Jahr 2004 lernte ich einen Menschen kennen, mit dem ich es zum ersten Mal in meinem Leben wirklich aushalten konnte. Sie wurde meine Frau. Es war keine romantische Liebe, und trotzdem waren wir füreinander bestimmt. Die himmelweiten Unterschiede im Denken, Handeln und Fühlen hielten und halten uns bis heute zusammen. Ich machte ihr einen Heiratsantrag und fand dafür einen Satz von Rainer Maria Rilke, der die Aufgabe unserer Ehe wunderbar ins Wort setzt: „Wir sind einander Hüter der je eigenen Einsamkeit.“ So wurden wir also ein Paar, und jeder ging seiner Beschäftigung nach. Bis heute haben wir getrennte Ehebetten. Kinder zu haben war für mich kein Thema. Ich dachte, das Leben eines Schriftstellers weiterzuleben.

Lebenslänglich, basta!
Eines Tages, ich glaube, es war im Herbst 2006, rief mich Christina aus New York an (sie ist Flugzeugpilotin) und rief mit aufgewühlt freudiger Stimme, dass sie von mir schwanger ist. Mir schoss das Blut in den Kopf. Das einzige Wort, das mir einfiel: lebenslänglich! Genauso fühlte ich mich in diesem Moment, nämlich zu lebenslanger Haft verurteilt. Keine Chance auf gute Führung und frühzeitige Haftentlassung. Lebenslänglich, basta! Ob ich mich denn nicht ein klitzekleines bisschen freue, fragte sie. „Nein, wenn ich ehrlich bin“, antwortete ich.

Christina blühte auf, bereitete sich mit ganzer Hingabe auf die Rolle als Mutter vor. Mir wurde in jenen Monaten immer enger zumute. Wovon soll ich eine Familie ernähren, und so ein Balg frisst doch nur Zeit, die ich für die Konzeption meiner Romane brauche. Himmel, ich bin Schriftsteller, habe der Welt noch so viel Bedeutsames mitzuteilen! Ich kann kein Kind wickeln. Was für eine Demütigung! Ich bin am Ende! Ich gebe es zu: Ich machte einen großen Bogen um ihren Bauch. Ich bin nicht wie die Karlheinze, die verlogen den Bauch ihrer Frau streicheln und verlogen behaupten, sie würden da was rumpeln spüren. Ich spürte nichts rumpeln. Als ich es einmal tatsächlich spürte, bekam ich einen fürchterlichen Schrecken.

Eine lange, schwere Geburt
Von Woche zu Woche wurde der Bauch tatsächlich dicker, nicht etwa kleiner. Es war nämlich so eine verzweifelte Idee von mir, dass schon wieder alles gut werde, wie mit einer lästigen Beule, die abschwillt. An die Wochen vor Christinas Niederkunft erinnere ich mich nicht mehr. Ich habe das verdrängt. Aber an die Geburt von Jeremias erinnere ich mich, als sei es gestern Nacht gewesen. 
Wir fuhren in den Kreißsaal. Es war eine lange, schwere Geburt. Jeremias wollte nicht auf die Welt kommen. Als ob er es gespürt hätte, dass er für mich unerwünscht war. Wenigstens einer, der mich versteht! Die Wehen wurden immer heftiger, und dann geschah etwas, das ich heute noch als Wunder bezeichne, obwohl ich mit diesem Wort sehr vorsichtig bin.

Wie jämmerlich war ich, und übermenschlich stark meine Frau!
Ich sah die Schädeldecke des Säuglings und das schwarze, von Käseschmiere verklebte Haar. Dann das Gesicht, dann den ganzen Menschen. Genau in diesem Augenblick, als ich auf das Antlitz des Kindes blickte, verliebte ich mich mit allem, was mich ausmacht, in diesen Menschen. Es war der 26. September, um neunzehn Uhr elf. Mir schossen die Tränen in die Augen, meine Finger zitterten, die Stimme krächzte. Ich durchtrennte die Nabelschnur. Die Schere taugte nichts, oder hatte ich keine Kraft mehr? Wie jämmerlich war ich, und wie übermenschlich stark meine Frau! Zum ersten Mal ahnte ich, dass eine Geburt immer auch ein Ringen zwischen Leben und Tod ist.

Nun bin ich Vater. Ob ich ein guter Vater bin?
Ich glaube schon, wobei meine Frau naturgemäß anderer Auffassung ist. Ich bin ein miserabler Koch, und es kommt vor, dass die Socken nicht zusammenpassen. Aber die Kinder lachen. Sie sind wild und ungestüm. Sie haben keine Angst vor der Nacht und keine Furcht vor dem Fremden. Natürlich werde ich Christina nie ersetzen können, aber ich bin nun mal zu Hause, und sie verdient das Geld. Das war part of the deal. Oft bricht ihr das Herz, weil sie die Kinder zu sehr entbehren muss. Inzwischen haben wir drei Söhne im Alter von vier, sieben und zehn Jahren: Die Buben könnten unterschiedlicher nicht sein. Ich habe mich in die Vaterrolle eingefunden, aber nicht mit Murren, sondern weil da etwas geschehen ist bei Jeremias’ Geburt, das ich mir nicht erklären kann. Ich durfte lieben. Zum ersten Mal in meinem Leben bedingungslos lieben. Diese Liebe hat sich nicht mehr verflüchtigt. Nicht einen Augenblick lang. Abends, wenn ich die Jungs nach dem Zähneputzen ins Bett bringe und an ihnen „schnuffle“, wie wir sagen, haben wir unsere Rituale. Ich halte ihre Patschhändchen und entlasse jeden mit dem Satz in die Nacht: „Ich liebe dich, über alles, das kommt und geht. Es ist schön, mit dir durchs Leben zu reisen.“ Das Dichterherz schlägt noch immer.

Robert Schneider, Kronen Zeitung

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