Di, 19. Juni 2018

Das große Interview

22.04.2018 12:55

Haben Sie zu Recht gewarnt, Herr Professor Aslan?

Die verstörenden Bilder aus einer Wiener Moschee (siehe auch Videobericht oben) sind für den Islampädagogen Ednan Aslan Zeichen eines „staatlich geförderten Krieges“. Mit der „Krone“ spricht er über Märtyrertum und Drohungen, brutalen Missbrauch und seinen Kampf um einen europäisch geprägten Islam.

Am Institut für islamisch-theologische Studien der Uni Wien, gleich hinter dem Burgtheater, kehrt am späten Freitagnachmittag langsam Ruhe ein. Prof. Ednan Aslan sitzt noch immer in seinem kargen Büro, als wir uns zum Interview treffen. An der Wand das Bild eines befreundeten Künstlers. Roter Untergrund, drei dicke, weiße Pinselstriche. „Für mich symbolisiert es Österreich“, sagt der türkisch-stämmige Religionspädagoge und Autor der Studie über islamische Kindergärten in Wien.

Krone: Herr Professor, was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Fotos aus der ATIB-Moschee in Wien-Brigittenau gesehen haben?
Prof. Ednan Aslan: Offen gestanden war das für mich nicht neu, das ist in diesen Moscheen gang und gäbe. Dabei ist die ATIB-Moschee nicht die Schlechteste, ja sogar eine der Besten. Wer glaubt, dass in der Moschee nur gebetet wird, der irrt.

Wie können Kriegsspiele in einer Moschee mitten in Wien gang und gäbe sein?
Sie sind eine Tradition, nicht nur am 18. März, dem Jahrestag der Schlacht von Gallipoli, sondern auch nach vielen Ereignissen in Israel. Die Muslime verherrlichen eben nicht so sehr das Leben, sondern den Tod. Wer die Zukunft nicht gestalten kann, der versucht sich mit einer Zukunft im Jenseits auseinanderzusetzen - ein Zeichen für die muslimische Krise insgesamt. Und diese Krise importieren sie jetzt nach Europa. Die Krise der Muslime wird langsam zur Krise Europas.

Das würde ja heißen, dass es auch „Tradition“ ist, Kinder zu instrumentalisieren.
Die Kinder werden nicht nur für politische Zwecke instrumentalisiert. Wir haben in islamischen Ländern sehr viele Kinder, die auch physisch Kriege führen, die sehr stolz sind, dass sie für den Islam sterben! Märtyrer zu sein ist die höchste Stellung für einen Muslim im Leben. Aus ihrem Verständnis heraus schaden sie damit den Kindern nicht, sondern sie vermitteln ihnen die höchste Auszeichnung. Den Tod als höchstes Gut. Das ist nichts anderes als staatlich geförderter Krieg. Wenn ich Menschen, die im Krieg sterben, als Vorbilder darstelle, dann betreibe ich schwarze Pädagogik.

Wer ist Schuld, dass so etwas in Wien passieren kann?
Erst einmal eine bestimmte Politik, die solche Strukturen bis jetzt geduldet, teilweise sogar gefördert hat. Ich kenne aus einigen Parteien Politiker, die sogar Teil solcher Veranstaltungen waren. Und dann gibt es noch Politiker, die behaupten: „Wir wussten das, aber wir konnten aus verschiedenen Gründen nichts dagegen unternehmen.“ Damit geben sie zu, dass ihre Politik gescheitert ist.

Hat die Politik das Ihrer Kenntnis nach wissentlich gefördert oder hat sie sich einfach zu wenig mit der Thematik beschäftigt?
Wenn ein Politiker sagt, dass er nicht wusste, dass ATIB ein Teil der türkischen Außenpolitik ist, dann frage ich mich, wie so ein Mensch in Österreich Politik machen kann. Das ist ein Zeichen, wenn ich es so formulieren darf - Sie müssen das nicht unbedingt schreiben - ein Zeichen der Dummheit.

Kann man jetzt noch die Stopp-Taste drücken oder ist es schon zu spät?
Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, an diesen paar Bildern aus einer Moschee hängenzubleiben, wir müssen das große Bild vor Augen haben und die Gesamtproblematik zur Kenntnis nehmen. Da gibt es Organisationen, die gänzlich aus dem Ausland gesteuert werden. Dazu gehört auch die Islamische Glaubensgemeinschaft. Die islamische Glaubensgemeinschaft wird auch staatlich gefördert. Wir können dieses Problem also nicht in Wien-Brigittenau lösen, wir müssen es in Ankara oder Sarajevo lösen. Das ist die eigentliche Aufgabe der Politik. Wenn wir solche Organisation dulden, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie türkische Politik im Ausland betreiben. Türkische Außenpolitik zu fördern ist aus meiner Sicht eine dumme Politik.

Immerhin wurde der zuständige Imam mittlerweile suspendiert und der Moschee könnte die Schließung drohen. Genügt das?
Der Imam ist ein Beamter des türkischen Staates und hält sich sowieso nur befristet in Österreich auf. Er wird in die Türkei zurückgehen, aber sein Nachfolger wird diese Arbeit vielleicht noch viel professioneller machen. Das sind oberflächliche Korrekturen, die das eigentliche Problem nicht lösen. Mit solchen Korrekturen können wir vielleicht die Öffentlichkeit zufriedenstellen, aber Politiker sollten wissen, dass sie es nicht mit einer einzelnen Moschee, sondern mit der Politik eines anderen Staates zu tun haben, der unsere Schwäche brutal missbraucht.

Welche Schwäche meinen Sie?
Wir brauchen eine Politik, die zu den eigenen Werten steht. Es geht in dieser Debatte nicht unbedingt darum, wie wir mit den Werten der anderen umgehen, sondern ob wir zu unseren eigenen Werten stehen. Freiheit, Gleichberechtigung, Solidarität. Was wir in den Moscheen sehen, ist ein Zeichen unserer eigenen Schwäche.

In Österreich leben viele friedliche Türken, die nichts für diese Zustände können. Nur eine Minderheit unterstützt diese Vereine.
Sie können doch etwas dafür. Es sollte die Aufgabe aller Muslime sein, dass wir solche Vorfälle verurteilen: Wenn es um Islamophobie geht, sind wir schnell darin, die Gesellschaft zu verurteilen. Aber jetzt sollten die Muslime eigentlich eine Debatte starten, wie viel Gewalt sie in ihren Einrichtungen tolerieren. Es ist nicht Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft zu diskutieren, ob der Islam zu Österreich gehört, das ist eine muslimische Aufgabe. Sie müssen entscheiden, ob sie sich als Teil unserer Gesellschaft sehen. Wenn ja, müssen sie den Islam auch dementsprechend prägen. Aber mit diesen Bildern ist das nicht möglich. Wie der Islam sich momentan darstellt, ist er nicht zukunftsfähig und auch nicht europafähig.

Sie sind Wissenschafter, wieviel Prozent der Muslime in Österreich identifizieren sich mit unserer Gesellschaft?
Empirische Studien diesbezüglich haben wir nicht, aber es gibt Zahlen, dass rund 17 Prozent der Muslime in Österreich Organisationen wie ATIB oder Milli Görüs vertreten. Um über den anderen Teil der Muslime etwas sagen zu können, brauchen wir weitere, tiefgreifende empirische Studien. Was wir aber wahrnehmen können, ist folgendes: Diese Organisationen versuchen durch enorme Investitionen die Beheimatung der Muslime, die Beheimatung der Türken in dieser Gesellschaft, zu verhindern. Vor allem mit professionellen Schulen. Für eine ATIB-Schule hat die türkische Regierung mehr als vier Millionen Euro investiert. Wir haben professionelle Vereinsstrukturen, wirtschaftliche Strukturen, politische Strukturen, Bildungsstrukturen. Das heißt, dass wir durch eine professionelle Isolierung einen Teil der Gesellschaft verlieren.

Ist das gleichzusetzen mit der Islamisierung, vor der so viele Menschen Angst haben?
Ich würde vielmehr von der Ethnisierung des Islam sprechen. Der Islam wird für ethnische Zwecke instrumentalisiert. Deshalb können wir nicht von einem Islam oder von einer Islamisierung sprechen, sehr wohl aber von der Politisierung und Ethnisierung des Islam.

Und die isolierten Mitglieder der Gesellschaft bilden dann die sogenannte „Parallelgesellschaft“?
Ja. Die Parallelgesellschaft ist eine Gesellschaft, die sich mit der Mehrheitsgesellschaft und ihren Werten immer weniger identifiziert. Wenn die Muslime sich mehrheitlich als ein Teil dieser Gesellschaft betrachten, dann wird auch ihre Religion, ihre Kultur als Selbstverständlichkeit betrachtet werden. Wenn aber ihre Isolation immer professioneller betrieben wird, dann wird der Zugang für die Mehrheitsgesellschaft schwierig bis unmöglich.

Mit welchem Ziel betreibt die Türkei diese Isolierung?
Isolation ist die beste Investition für ausländische Staaten, wenn sie bestimmte Minderheiten für ihre eigenen Zwecke immer wieder mobilisieren oder innere Verhältnisse dadurch destabilisieren möchten. Wenn Erdogan immer noch zehn-, fünfzehntausend Leute auf die Straße bringt, dann ist das ein Ergebnis bestimmter Investitionen.

Sie sind auch Autor der Studie über Islam-Kindergärten in Wien. Haben Sie zu Recht gewarnt?
Ich wollte durch meine Studie die Stadt Wien nicht verurteilen, ich wollte der Stadt helfen. Die Stadt Wien möchte aber gewisse Vereinsstrukturen nach wie vor nicht ernst nehmen. Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass ein Verein, der selbst extremistisch oder fundamentalistisch ist, auch im Kindergarten extremistisch und fundamentalistisch bleiben wird. Ein rechtsorientierter Verein wird in einem Kindergarten nicht linksorientiert sein, genauso wie ein linksorientierte Organisation nicht rechtsorientiert sein wird. Die Stadt wehrt sich eigentlich dagegen, dass man den Einfluss der Betreiberinnen in diesen Einrichtungen ernst nimmt. Meine Position war von Anfang an die gleiche: Eine Organisation, die in der Theologie extremistisch oder fundamentalistisch ist, darf in Wien keinen Kindergarten betreiben, geschweige denn staatlich gefördert werden, das geht gar nicht.

Die Stadt sagt, Sie hätten diese Kindergärten nicht genannt.
Ich habe Bürgermeister Häupl und Stadtrat Czernohorszky angeschrieben, weil ich kein Vertrauen ihren Mitarbeiterinnen in diesen Einrichtungen gegenüber habe. Deshalb wollte ich mit ihnen persönlich darüber sprechen. Bis jetzt habe ich aber kein Gesprächsangebot bekommen.

Wie erklären Sie sich das?
Mit Ratlosigkeit. Zwischen 2009 und 2015 wurden viele solche Kindergärten zugelassen und gefördert. Herr Oxonitsch hätte eigentlich nicht gehen dürfen, ohne diese Zeit zu verantworten. Die ganzen Förderungen und Zulassungen müssten durch eine unabhängige Kommission ordentlich untersucht werden. Aber das hat Frau Wehsely hüpfend abgelehnt. Ich bleibe aber dabei: Die Stadt kann sich selbst, aus eigenen Ressourcen heraus, nicht evaluieren, weil sehr viele Leute bei der Stadt ein Teil dieses Problems sind.

Sie wurden für Ihre Studie auch heftig kritisiert. Der „Falter“ schrieb unter dem Titel „Frisiersalon Kurz“, Sie Mitarbeiter des Ministeriums Teile der Studie zuspitzen lassen. Haben Sie den „Falter“ eigentlich geklagt?
Nein, weil mich eine Untersuchung vom Vorwurf der Fälschung freigesprochen hat. Klagen bringt nichts, das ist nur eine teure Geschichte.

Sind Sie immer noch Berater von Bundeskanzler Kurz?
Ich war nie ein Berater von Herrn Kurz. Ich wollte auch die Kindergarten-Studie zunächst mit der Stadt machen. Weil die mich ein halbes Jahr hat auflaufen lassen, habe ich mich an das Integrationsministerium gewandt. Aber ich würde mir wünschen, dass Herr Kurz uns ab und zu mal kontaktiert, zum Beispiel bevor er ein Verschleierungsverbot in Kraft setzt.

Was hätten Sie ihm geraten?
Ich meine, dass Kinder unter 14 kein Kopftuch tragen wäre aus theologischer Sicht keine falsche Entscheidung. Aber letztlich löst ein Verschleierungsverbot das eigentliche Problem nicht. Auch hier gilt: Wir dürfen das Problem der Isolation nicht auf Bilder reduzieren. Ein Beispiel: Als neulich der Außenminister der türkischen Regierung hier war, sagte er, dass er gerne türkische junge Menschen nach der Matura in die Türkei bringen würde, um ihnen dort den „richtigen Islam“ beizubringen. Mit welchem Recht, mit welcher Arroganz erlaubt er sich, über unsere jungen Menschen so etwas zu sagen? Und warum widerspricht ihm niemand?

Wo sehen Sie den Islam in zehn Jahren?
Wenn wir ihn von der ausländischen Steuerung nicht befreien können, dann wird eine staatliche Kontrolle irgendwann nicht mehr möglich sein. Dann wird es zu Spannungen kommen, die von der Innen-, aber auch von der Außenpolitik missbraucht werden. Dann ist auch der soziale Frieden in unserer Gesellschaft gefährdet.

Herr Professor Aslan, Sie sind der Sohn einem Imam. Wie haben Sie sich selbst ein liberales Weltbild schaffen können?
Durch Bildung. Ich habe in Europa die Chance bekommen, in der Freiheit eine eigene Identität, eine dynamische Identität zu entwickeln. Diese Chance haben die Muslime nur in Europa. Ich würde mir das auch in den islamischen Ländern wünschen, aber leider haben wir in keinem Islamischen Land die Freiheit, eine dynamische Identität entwickeln zu können. Die Muslime werden zu einer bestimmten Identität verpflichtet, einer Zwangsidentität, dass man sich zum Beispiel mit dem Tod, mit einer Leiche identifiziert. Mich hat Europa von diesen Zwängen befreit. Daher sehe ich Europa als Chance für die Muslime.

Ist Ihr Vater heute stolz auf Sie?
Leider lebt er nicht mehr, aber er war stolz, ja. Wir haben beide voneinander gelernt. Rückblickend weiß ich, dass er, selbst Flüchtling aus Georgien, ein Mann seiner Zeit war, in der man eigentlich nur überleben wollte. Unter solchen Umständen die eigenen Denkweisen zu reflektieren kann man nicht erwarten.

Werden Sie eigentlich wegen Ihrer Arbeit und Ansichten bedroht?
Es gibt emotionale Ausschreitungen - Lacht. - Ich will das nicht als Bedrohung wahrnehmen. Sonst mache ich mir selbst Angst. Wenn jemand Ihnen schreibt: „Ich weiß, wo deine Tochter arbeitet!“, dann müssen Sie mit Gelassenheit damit umgehen.

Zeigen Sie so etwas nicht an?
Nein, denn was hilft es mir, wenn dann Polizisten vor meiner Tür stehen? Das wäre nur eine vermeintliche Sicherheit. Als gläubiger Mensch habe ich das Gefühl, dass Gott nicht nur oben sitzt, sondern auch ab und zu runterschaut, was da passiert.

Ein beschützender Gott?
Unsere Elterngeneration hatten ein Gottesbild zwischen Strafe und Belohnung. Aber dazwischen gibt es so viel mehr. Ich glaube an einen Gott, der wirkt. Ich verlasse mich nicht auf diese Wirkung, aber ich kann sie fühlen.

Zur Person: Sohn eines Imam, dreifacher Vater
Geboren am 7. November 1959 als Sohn eines Imam in Bayburt, Türkei. Studien der Sozialpädagogik, Pädagogik und Politikwissenschaft in Esslingen, Tübingen und Stuttgart. 1996 promoviert er über „Religiöse Erziehung der muslimischen Kinder in Österreich und Deutschland“. Seit 2005 ist Aslan als Fachinspektor für islamischen Religionsunterricht an Wiener Pflichtschulen tätig. 2007 wird er Leiter für islamische Religionspädagogik an der Uni Wien. Aslan (verheiratet, drei Töchter) ist Autor der Studie zu islamischen Kindergärten in Wien.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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