Sa, 21. Juli 2018

Sport & Schmerz

17.02.2018 06:00

Experten warnen vor Medikamentenmissbrauch

Wer das natürlichste Warnsystem des menschlichen Körpers ausschaltet, lebt gefährlich! Zwei Fachärzte warnen dringend vor sorglosem Umgang mit Schmerzmitteln bei sportlicher Betätigung.

Laut einer Umfrage unter Hobbyathleten gab mehr als die Hälfte der Teilnehmer an, Medikamente gegen Schmerzen einzunehmen. Nicht als Doping, sondern um überhaupt Sport betreiben zu können. Mag. Dr. David Müller von der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) sieht darin eine große Gefahr: „Der Einsatz von sogenannten Analgetika im Sport ist kein neues Phänomen. Es werden legale Substanzen wie Schmerzmittel verwendet, um die Leistung zu steigern oder abrufen zu können. Sportrechtlich ist dieser ,Medikamentenmissbrauch‘ zwar erlaubt, aber zumindest fragwürdig.“

Dr. Müller spricht damit aber nicht ausschließlich den „Fair-Play-Gedanken“ an, sondern auch eine andere Tatsache: nur, weil eine Substanz nicht auf der Doping-Verbotsliste steht, kann sie trotzdem gefährlich sein! Schließlich wurden Arzneimittel für kranke Menschen entwickelt und getestet, nicht jedoch für die Anwendung durch grundsätzlich gesunde Personen. Das ist vielen Sportlern offenbar nicht bewusst. Es kommt immer wieder zu überhöhten Dosierungen, die unter enormer körperlicher Belastung und Umwelteinflüssen (Hitze, Kälte) gar nicht erforscht sind. Auch die Wechselwirkung mit Nahrungsergänzungsmitteln wurde in den seltensten Fällen erhoben. Oft wird nach dem Motto geschluckt: „Hilft’s nix, dann schadet’s nix!“

Dieser naiven Einstellung widerspricht Sportmediziner Univ.-Prof. Dr. Norbert Bachl vehement: „Schmerzmittel einzunehmen, um seinen Sport überhaupt ausüben zu können, ist ein sinnloses Unterfangen, das in gesundheitliche Katastrophen münden kann!“ Der Facharzt begründet diese Ansicht auch sehr genau: „Alle Schmerzmittel, die im Körper länger wirken, sind riskant, da sie auch Tage nach der Einnahme sowohl die Nierenfunktion, die Blutgerinnung als auch die Darmtätigkeit beeinträchtigen können.“ Sport wirkt dabei unter Umständen sogar „strafverschärfend“, wie Bachl erläutert: „Bei körperlicher Betätigung wird ein großer Anteil des Blutes und damit des Sauerstoffs in die arbeitende Muskulatur umgeleitet. Das bedeutet, dass innere Organe weniger durchblutet sind, was die Verarbeitung der Präparate im Organismus verändert. Bei Läufern werden außerdem Organe so erschüttert, dass Blutungen entstehen können. Bei vielen Marathonläufern wird nach dem Wettkampf Blut in Urin und Stuhl festgestellt.“

Welche Substanzen sind hier besonders bedenklich? Prof. Bachl: „Der Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) etwa schwächt die Barrierefunktion des Darms so, dass die Blutungsneigung über längere Zeit hinweg verstärkt sein kann. Das wird dann bei Verletzungen bzw. notwendigen Operationen zum großen Problem!“ Auch sogenannte Antirheumatika (schmerz- und entzündungshemmend) helfen während der Anstrengung erstens nicht zuverlässig gegen Muskel- und Gelenksbeschwerden, können aber zweitens Nieren und Magen schädigen .Konsequenz für Sportarzt Bachl: „Schmerz hat Sinn! Dieses Warnsignal des Organismus bei körperlichen Anstrengungen zeigt ein Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit an. Denken wir an den akuten Brustschmerz als Zeichen eines Herzinfarktes – da wird man sich ja auch nicht weiter sportlich betätigen...“

So dramatisch ist es zum Glück freilich nur selten. Wer allerdings Schmerzen im Bewegungsapparat konsequent ignoriert und nur mit Hilfe von Tabletten läuft, radelt oder Fußball spielt, muss unweigerlich mit irreparablen Schäden an Gelenken, Muskeln und Sehnen rechnen! Daran führt kein Weg vorbei. Was der Sportmediziner daher naturgemäß rät: „Schmerz niemals ausschalten und weitermachen! Besser das Training langsam aufbauen und mit dem Sportarzt beraten, welche Maßnahmen gegen allfällige Beschwerden wirklich nützlich und unbedenklich sind.“

Dr. med. Wolfgang Exel, Kronen Zeitung

 krone.at
krone.at

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.