Sa, 23. Juni 2018

Notfallset gegen Angst

19.02.2018 06:00

Pfui, Spinne!

Eine angehende Medizinerin wagte sich nicht mehr in den Keller oder auf den Dachboden - Angst vor achtbeinigen "Monstern"! Ein Notfallset gegen diese seelische Störung half der jungen Frau, wieder ein normales Leben zu führen.

Saskia (22) war angehende Ärztin und lebte in einer Wohngemeinschaft in der Großstadt. Nichts konnte sie ängstigen – außer Spinnen! Dass ihre Furcht vor den Krabbeltieren nicht normal war, merkte die junge Frau an ihrem Vermeidungsverhalten: Sie erfand vor ihren Mitbewohnerinnen immer Ausreden, wenn es darum ging, in den Keller oder auf den Dachboden zu gehen. Schließlich war es dort möglich, Spinnen zu begegnen! Arachnophobie (arachne: Spinne, phobos: Angst) zählt zu den sogenannten spezifischen Phobien und ist überaus häufig – rund 35 Prozent aller Menschen alleine in Europa leiden darunter. Diese Störung ist übrigens meistens erlernt: Schon Saskias Mutter rückte panisch mit dem Staubsauger aus, wenn ihr eine Spinne ins Gesichtsfeld kam. Dieses Verhalten registrierte die Tochter natürlich und übernahm es später leider auch.

Obwohl der Verstand den Betroffenen klar sagt, dass von heimischen Spinnen so gut wie keine Gefahr – schon gar keine lebensbedrohliche – ausgeht, reagieren sie dennoch mit Todesangst. Die Achtbeiner lösen die klassischen Symptome einer Panikattacke aus: Herzrasen, Beklemmungsgefühle, Atemnot, Schweißausbrüche und natürlich einen Fluchtreflex. Verschärft wird die Situation durch Horrorfilme, die Spinnentiere, ähnlich wie Haie, stets völlig falsch als Ekelmonster darstellen. Während andere Menschen eine Spinnenphobie belächeln oder vom Verhalten der Betroffenen genervt sind, leiden diese tatsächlich massiv! Und die Aufforderung, sich endlich „zusammenzureißen“ ist ganz und gar keine Hilfe. Saskia jedenfalls ging nachts nur mit Socken ins Bett, um nicht versehentlich auf eine Spinne zu treten. Sie sterilisierte jeden Tag ihr Zimmer und hielt in dauerhafter Anspannung schließlich sogar in der U-Bahn, in Hörsälen und im Seziersaal panisch Ausschau nach den Tieren. Das aber war für sie das Signal, sich in professionelle Therapie zu begeben.

Das Notfallset gegen Arachnophobie setzte sich bei Saskia aus folgenden Elementen zusammen:
1. Expositionstherapie – Unter Anleitung ihrer Therapeutin machte sich die Studentin mittels Videos, Fotos und Museumsbesuchen mit echten Spinnen so vertraut, dass es ihr letztlich gelang, den Krabblern angstfrei zu begegnen.
2. Neubewertung – diese bestand hauptsächlich in einer „Image-Aufbesserung“ der Tiere, die nun nicht mehr als Bedrohung, sondern als nützlich bewertet wurden.

Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, hat in jeder Angst eine heimliche Lust oder einen verdrängten Wunsch vermutet. Saskia gelang es in einem tiefenpsychologischen Arbeitsprozess mit ihrer Therapeutin, geheime Ängste und verdrängte Wünsche, die hinter ihrer Spinnenangst steckten, auszuforschen. So hatte sich Saskia mit der Arachnophobie unbewusst immer den Zugang zu exotischen Ländern verwehrt. Nachdem diese Angst abgeklungen war, gelang es ihr, den Wunsch in die Tat umzusetzen und zu einer medizinischen Veranstaltung nach Ägypten zu reisen. Saskia betrachtet heute Spinnen nicht mehr als Feinde, sondern als nützliche Insektenfänger.

Mag. Dr. Monika Wogrolly,
Psychotherapeutin in Graz, Wien und der Privatklinik St. Radegund (Steiermark)

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