Der Berg flucht

Grusel mit “Cursed Mountain” für Nintendos Wii

Spiele
15.09.2009 14:00
Die Wii eine Konsole nur für Kinder? Jein. Nach einer regelrechten Flut an Mini-Games machen sich in letzter Zeit vermehrt auch "Erwachsenen-Spiele" auf der Nintendo-Konsole breit. Mit "Cursed Mountain" ist dieser Tage sogar ein Survivalhorror-Abenteuer für die Wii erschienen, das Tibet von seiner "schaurigsten Seite" zu zeigen verspricht. Der Blick lohnt in doppelter Hinsicht, entstand das Game doch unter Leitung des heimischen Entwicklerstudios Deep Silver Vienna in Wien.

In der mehr als überschaubaren österreichischen Entwicklerszene sind die Macher von "Cursed Mountain" längst keine Unbekannten mehr. Das für die Entstehung des Wii-Titels verantwortliche Kernteam setzt sich aus ehemaligen Mitarbeitern des im Mai 2006 geschlossenen Wien-Ablegers von Rockstar North, Rockstar Vienna, bzw. der Spieleschmiede Neo Software zusammen. Letztere konnte vor der Umbenennung in Rockstar Vienna mit Titeln wie "Der Clou!" oder "Die Völker" bereits Mitte der Neunziger beachtliche Erfolge einfahren.

Von Wien zum Himalaya
"Cursed Mountain" ist nun das erste Projekt des einstigen Tochterstudios der "GTA"-Macher und entstand unter Mitwirkung von über 230 Personen aus 14 Ländern. Auch das Wiener Spielestudio Sproing, zuletzt für "Panzer Tactics DS" mit dem Deutschen Entwicklerpreis ausgezeichnet, trug seinen Teil zur Entstehung bei und lieferte unter anderem die 3D-Engine zu "Cursed Moutain", welches den Spieler in die Rolle des Bergsteigers Eric Simmons schlüpfen lässt, der sich im fernen Himalaya auf die Suche nach seinem verschollenen Bruder macht.

Geister-Stadt statt Bergsteigeridyll
Schnell wird Eric bei seiner Ankunft in Lhando, einer Stadt am Fuße des für die Sherpas als heilig geltenden Mount Chomolonzo, jedoch bewusst, dass sich die Suche schwerer gestalten könnte als gedacht. Statt Alpenglühen und Bergsteigeridyll findet Eric in der einst so lebendigen Stadt nur die Geister verstorbener Dorfbewohner, Bergsteiger und Pilger vor, die ihm plötzlich nach dem Leben trachten. Erics einzige Waffe im Kampf gegen die dunklen Mächte: ein Eispickel, der sich dank mehrerer Relikte in ein mächtiges Werkzeug verwandeln lässt, mit dem sich die Seelen der Toten nicht nur aus nächster Nähe, sondern auch aus halbwegs sicherer Distanz bekämpfen lassen.

Mit dem Dritten sieht man besser
Ebenfalls bei der Suche nach seinem Bruder von Nutzen ist Eric die Fähigkeit, mit Hilfe des sogenannten Dritten Auges einen Blick ins Bardo zu werfen - eine Art zusätzliche Dimension zwischen Dies- und Jenseits, die allerlei Geheimnisse bereit hält und in erster Linie beim Knacken der diversen Rätsel von Bedeutung ist. Die Rätseleinlagen beschränken sich zumeist auf das Öffnen von Türen bzw. Ein- und Ausschalten irgendwelcher Mechanismen, wobei intensiv von den Steuerungsmöglichkeiten der Wii Gebrauch gemacht wird. Anfangs noch einfach auszuführen, werden die von buddhistischen Ritualen inspirierten WiiMote- und Nunchuk-Gesten bald zu fordernden Kombinationen zusammengesetzt.

Mehr Abenteuer als Survival-Horror
Angst zu scheitern, und das ist der entscheidende Knackpunkt, braucht man deswegen jedoch nicht zu haben. Denn der im Vorfeld angepriesene "Survival-Horror" entpuppt sich bei genauerer Betrachtung mehr als spannendes Abenteuer denn blutiger Überlebenskampf. Zwar bewegt sich der Protagonist genretypisch langsam, Räucherstäbchen, mit denen sich an Schreinen die Gesundheit auffrischen lässt, gibt es jedoch reichlich und auf Munition kann dank des Eispickels gleich ganz verzichtet werden. Auch das Böse, bei der Konkurrenz von "Resident Evil" zuletzt äußerst flink unterwegs, schlurft wohl aufgrund der Höhenluft eher gemächlich durch die Gegend und dürfte mit Ausnahme der Boss-Kämpfe selbst ungeübte Spieler vor keine zu großen Herausforderungen stellen.

Buddhistische Weisheiten und Lehren
Dass "Cursed Mountain" dennoch fesselt und unterhält, ist der unglaublich dichten Atmosphäre sowie der packenden Hintergrundgeschichte zu verdanken, die sich Eric auf dem Weg zum Gipfel ganz allmählich offenbart. Mit großer Sorgfalt haben die Entwickler die tibetanische Berg- und Klosterwelt mit ihren buddhistischen Lehren, Weisheiten und Traditionen eingefangen, um dem Spieler ein möglichst authentisches und vor allem unverbrauchtes Szenario zu bieten.

Diese Liebe zum Detail kommt, zumindest teilweise, auch in der Optik zum Tragen, die zwar aufgrund der vergleichsweise dürftigen Vegetation in über 4.500 Metern Höhe eher farblos ist, aber durchaus nette Partikeleffekte wie Schnee oder Rauch aufzuweisen hat. Schön zu sehen ist auch, dass sich Erics Weg zum Gipfel stets zurückverfolgen lässt und keiner sonst wie gearteten Irrationalität folgt. Ob Tempelanlagen, Eishöhlen oder verschneite Gipfel: Alle Abschnitte gehen nahtlos ineinander über. Ergänzt wird das Geschehen durch atmosphärische Klänge, die durchaus für den einen oder anderen Schockmoment sorgen, sowie eine stimmige Sprachausgabe.

Fazit: "Cursed Mountain" mag vielleicht nicht der von vielen erhoffte "Resident Evil"-Konkurrent sein, in dem es literweise Blut und Gedärme spritzt. Dafür überzeugt der Titel durch seinen subtilen Grusel, seine Spannung und die intelligente Story. "Cursed Mountain" ist demnach mehr Hitchcock als Wes Craven: Nicht das nackte Überleben steht im Vordergrund, sondern vielmehr die Neugierde, wie es weitergeht und was als Nächstes passiert. Für Unterhaltung ist jedenfalls gesorgt, weshalb – nicht zuletzt aufgrund des mangelnden Angebots vergleichbarer Titel für die Wii – auch ausgewiesene Survival-Horror-Fans einen Blick riskieren sollten.

Plattform: Wii
Publisher: Deep Silver Vienna
krone.at-Wertung: 8/10

von Sebastian Räuchle

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