29.12.2017 18:00 |

„Krone“-Interview

Haben Sie schon Kassasturz gemacht, Herr Löger?

Der neue Finanzminister Hartwig Löger (52) spricht mit Conny Bischofberger über Budget und Schulden, den Verzicht auf sein Managergehalt und warum er Bettler lieber zum Würstlstand einlädt als ihnen Geld zu geben.

Das Palais Questenberg-Kaunitz in der Wiener Johannesgasse: Für den Portier, der Gäste des neuen Ministers in den zweiten Stock führt, ist es schon der siebente Finanzminister. Hartwig Löger, bis vor Kurzem noch Vorstandsvorsitzender im Uniqa-Tower, Steirer, 52. Er hat das Büro mit den beigefarbenen Lederfauteuils eins zu eins von seinem Vorgänger Hans Jörg Schelling übernommen. "Es ist gut und funktionell eingerichtet, damit passt es", sagt Löger, höchstens die zwei Bilder werde er möglicherweise noch austauschen. Der Herr über das Steuergeld trägt einen dunklen Anzug mit Karos, dazu eine alte Uhr. Das Bordeaux-Rot der Krawatte findet sich in den Schuhen wieder. Er spricht unaufgeregt, fast leise, und verwendet oft die Ausdrücke "Chance" und "Entlastung".

"Krone": Herr Minister, vom modernen Bürotower in ein barockes Palais: Schon eingetaucht in diese neue Welt?
Hartwig Löger: Ja, ich genieße es durchaus, in diesem Ambiente arbeiten zu dürfen. Die ersten Tage und Nächte waren sehr intensiv, da bin ich im wahrsten Sinn des Wortes schon in die Materie eingetaucht.

Haben Sie schon Kassasturz gemacht?
Ja, sogar schon zum zweiten Mal. Denn es wurde ja bereits in der Phase der Regierungsgespräche auf sehr professioneller Grundlage ein Kassasturz gemacht. Ich habe die Chance dann genutzt, mich mit den engen Mitarbeitern aus dem Ministerium einzugraben und wirklich einmal alle Themen in der Tiefe zu erfassen und mir so einen Gesamteinblick zu verschaffen.

Sieht schlecht aus, oder?
Nein, so würde ich das nicht bezeichnen. Es gibt Faktoren, die eine stabile Basis bilden, gleichzeitig aber auch solche, die verbesserungswürdig sind. In manchen Bereichen haben wir großen Bedarf, die Stabilität für Österreich nachhaltig zu sichern.

Wie lange hat das gedauert?
Wir haben nahezu Tag und Nacht gearbeitet – inklusive mancher Feiertage, die wir genutzt haben. Das einzige, was heilig geblieben ist, war der Heilige Abend im Kreise der Familie. Zum Teil sind wir hier bilateral gesessen, zum Teil waren es auch größere Runden mit Mitarbeitern aus den einzelnen Sektionen. Das ist wirklich ein tolles Team und ich habe durch das Kabinett eine sehr große Unterstützung.

Wie lange müssen wir auf die angekündigte Steuerentlastung warten?
Zunächst muss eine ehrliche Entlastung stattfinden. Wir wollen sicherstellen, dass die Menschen am Ende des Monats wirklich mehr Geld zur Verfügung haben. Es darf nicht wie bei vergangenen Steuerreformen so sein, dass man den Leuten in der linken Tasche etwas mehr Geld lässt, um es ihnen aus der rechten Tasche über andere Abgaben wieder rauszuziehen. Auswirken wird sich das in einem ersten Schritt bereits ab Mitte 2018, und zwar für über 600.000 Österreicherinnen und Österreicher. Übers Jahr werden das durch die Senkung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge im Schnitt mehr als 320 Euro sein. Der zweite Schritt ist der Familienbonus von 1500 Euro pro Kind, der im Jänner 2019 greifen wird.

Wie wollen Sie das gegenfinanzieren?
Beispielsweise durch Einsparungen im Verwaltungsbereich. Im Sinne der ehrlichen Entlastung, wie ich es bereits formuliert habe, werden wir im System und nicht bei den Menschen sparen. Das Budget dafür werden wir schon Ende März vorlegen. In diesem Doppelbudet für 2018 und 2019 werden wir den Familienbonus, von dem 700.000 Familien und 1,2 Millionen Kinder profitieren werden, mit bis zu 1,5 Milliarden Euro budgetieren. Die Senkung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge wird mit rund 160 Millionen Euro veranschlagt werden. Ich habe auch die vergangenen Reformen vor allem als Bürger mitverfolgt, da ist die Abgabenquote eigentlich immer unverändert hoch geblieben. Wir wollen jetzt erstmals auch unter 40 Prozent kommen.

Aber Österreich bleibt dennoch ein Höchststeuerland?
Der eingeschlagene Weg stimmt. Wir entwickeln uns mit diesem Vorsatz in Richtung jener Länder, in denen die Steuerlast bei 35, 36 Prozent liegt. Diese Zahlen liegen für uns noch in weiter Ferne. Wir werden uns schon sehr anstrengen müssen, unter die 40 Prozent zu kommen. Aber die Voraussetzungen dafür sind gut.

Gibt es ein Land, das Ihnen das Vorbild dient?
Vorbild sind jene Länder mit einer Abgabenquote unter 40 Prozent. Beispielsweise die Niederlande.

Herr Löger, Sie übernehmen dieses Schlüsselresort als Quereinsteiger. Was befähigt Sie zum Finanzminister der Republik?
Ich bringe viel Erfahrung und eine Expertise aus Finanz- und Kapitalmarkt mit, darüber hinaus auch Praxis im Management eines Topunternehmens in Österreich. Das sind gute Grundlagen, um den Haushalt und das Gesamtbudget Österreichs zu managen.

Mussten Sie nicht auf sehr viel Geld verzichten?
Der Bezug eines Ministers unterscheidet sich schon deutlich von dem, was ich als Manager in der Privatwirtschaft verdienen konnte, aber das war für mich kein Beweggrund, diese Herausforderung nicht anzunehmen. Es gibt mit dieser Regierung ein Momentum für Veränderung. Da wollte ich dabei sein.

Sebastian Kurz hatte eine Wunschkandidatin für dieses Ressort, die abgesagt hat. Waren Sie nur zweite Wahl?
Da gab es zwei Phasen. Sebastian Kurz hat mir schon vor ein paar Wochen mitgeteilt, dass ich für ihn eine Option darstelle. Das hat mir die Chance gegeben, dieses Thema schon zu bearbeiten. Der Anruf mit dem konkreten Angebot kam an einem Vormittag um 10.30 Uhr, wir haben uns dann unmittelbar danach in seinem Büro getroffen.

Ist es ein Höhepunkt in Ihrer Karriere?
Absolut.

Ihr Vorgänger Hans Jörg Schelling hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er gerne Finanzminister geblieben wäre. Wie war seine Übergabe?
Das war ein sehr langes, persönliches und herzliches Gespräch. Ich hatte die Chance, Hans Jörg Schelling schon vorher kennenzulernen, er hat klare Weichenstellungen gesetzt, auf denen wir aufbauen können. Zwischen uns beiden gibt es eine sehr vertrauliche und gute Basis und er ist auch erreichbar, wenn es Fragen gibt.

Er war dafür bekannt, dass er gern Steuerhinterziehungswitze erzählt hat. Ihnen auch?
Nein, aber ich kenne ihn als amüsanten Gesprächspartner, der immer einen guten Spruch auf Lager hat.

Wie geht der neue Finanzminister privat mit Geld um? Sind Sie eher ein Sparmeister oder gehören Sie zu jenen, die sagen, Geld muss fließen?
Mir war Stabilität und finanzielle Unabhängigkeit immer wichtig. Meine Frau und ich haben schon früh für ein Eigenheim gespart. Mein Grundsatz war immer, wirklich sicher zu sein, dass man sich nicht überladet, sich nicht zu hoch verschuldet. Das ist auch für Österreich wichtig. Wir haben einen Schuldenberg, der in dieser Dimension einfach nicht mehr wachsen darf. Das wird sicher noch zwei, drei Jahre in Anspruch nehmen, um dann einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen.

Das klingt eher konservativ. Haben Sie auch eine spielerische Komponente?
Ich würde es vernünftig nennen.

Haben Sie zum Beispiel jemals in Bitcoins investiert?
Nein. Themen, die ich nicht greifen kann, können gar nicht so verlockend sein, dass ich mich da einlasse.

Nie im Casino gewesen?
Klar war ich schon mal im Casino und habe dort auch Roulette gespielt und vor allem auch gut gegessen.

Gewonnen?
Ich habe sowohl gewonnen als auch verloren, aber nicht mehr als ein paar Hundert Euro.

Wenn Sie heute Abend in der Johannesgasse einen Bettler treffen, geben Sie ihm dann Geld?
Ich habe da eine andere Philosophie. Ich biete ihnen Unterstützung an. Ich lade einen Bedürftigen lieber auf eine Käsekrainer am Würstlstand ein. Damit bekommt das für mich eine soziale Komponente.

Warum ist Ihnen die wichtig?
Weil sich in der Wahrnehmung von Menschen mit unterschiedlichen Schicksalen das eigene Leben relativiert. Ich hatte einmal die Chance, mit Klaus Schwertner von der Caritas im Kältebus mitzufahren. Wir waren eine Nacht lang unterwegs zu Menschen, die auf der Straße oder im Gebüsch oder unter Brücken schlafen, und es war wirklich eine Erfahrung fürs Leben.

Statt Pilot ist er jetzt Kapitän
Geboren am 15. Juli 1965 in Selzthal, Steiermark. Löger wollte Pilot werden, konnte aber aufgrund einer Knieverletzung die Ausbildung beim Bundesheer nicht fortsetzen. Heute besitzt er ein Sportboot. 1985 kam er in die Versicherungsbranche und absolvierte Lehrgänge an der WU Wien und der Uni St. Gallen (Schweiz). Seit 2002 ist er bei Uniqa, seit 2011 im Vorstand, seit 2013 Chef des Versicherungskonzerns. Verheiratet seit 1989 mit Claudia, zwei Kinder (Christoph ist 27, Bettina 26 Jahre alt) und ein Enkelkind (Leonie). Lögers leben in Wien.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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