Tag 1, Donnerstag, 13.39 Uhr: Der litauische Wanderer Povilas Ch. wird das letzte Mal bei der Haindlkarhütte gesehen. Es ist heiß. Er trägt eine kurze Hose, Schlapfen und kein T-Shirt. Er schickt eine SMS-Nachricht an seine Freunde: "Ich sehe einen Brunnen. Bin bald bei euch." Kurz darauf stürzt der junge Mann, fällt mehrere Meter hinab in eine Felswand und bleibt mit zwei gebrochenen Beinen neben einem Bach liegen. Er schreit stundenlang. Die einzige Antwort ist sein Echo.
Tag 2, Freitag: Der Tag beginnt mild mit 14 Grad. Povilas kann nicht aufstehen, nicht robben, er muss liegen bleiben. Aus einem Bein steht ein Stück Knochen hervor, Povilas drückt ihn in die Wunde zurück. Es wird mit jeder Stunde kälter. Sein Handy hat er beim Sturz verloren.
Tag 3, Samstag: Eine bitterkalte Nacht geht zu Ende, und ein bitterkalter Tag beginnt: vier Grad. Es fällt Regen und Schnee, der Wind erreicht bis zu 60 km/h, eine Wetterstation in der Nähe misst insgesamt 37 Liter Regen pro Quadratmeter. Der 22-Jährige bindet sich seine Wunde mit einem Socken ab und kauert sich in Fötusstellung zusammen.
Tag 4, Sonntag: Sechs Grad in der Früh, 15 Grad am Nachmittag - weit und breit gibt es nur Felsen und den Bach, keine Nahrung, keine Beeren, nicht einmal Gras. Auf die Schreie folgt weiterhin keine Reaktion.
Tag 5, Montag: Bis 16 Uhr verläuft der Montag wie jeder Tag in völliger Einsamkeit und mit Schmerzen. Plötzlich verirren sich zwei Wanderer in die Nähe des Verletzten: Klaus Moder (29) und Lukas Kaiser. "Wir sind einen anderen Weg talwärts gegangen - als ob es Bestimmung gewesen wäre. Wir haben den Mann auf den Steinen liegen sehen", sagte einer der beiden später. Die Wanderer alarmieren die Bergretter. Dann geht alles sehr schnell: Der ÖAMTC-Hubschrauber fliegt zur Ödsteinkante, zwei Sanitäter werden abgeseilt und bringen den verwundeten Touristen weg. Retter Stefan Stängl: "Er hatte ganz glasige Augen und war uns sehr dankbar."
Während einer Zwischenlandung laufen die Freunde Povilas zum Helikopter, umarmen den Verwundeten. Der sagt nur: "Ich bin so glücklich!" Letzte Meldung aus dem Krankenhaus Amstetten am Dienstag: Der Patient ist auf dem Weg der Besserung.
von Michael Pommer, Manfred Niederl (Kronen Zeitung) und steirerkrone.at
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