"Historischer Akt"

Jarmer als erste gehörlose Abgeordnete angelobt

Österreich
10.07.2009 12:41
Die Grüne Helene Jarmer ist am Freitag als erste gehörlose Abgeordnete im Nationalrat angelobt worden. Die 37-jährige Wienerin folgt Ulrike Lunacek nach, die sich am Donnerstag vom Nationalrat verabschiedet hat und am 14. Juli ihren Job als EU-Abgeordnete im Europaparlament antritt. Jarmer hat schon am Freitag ihre erste Rede in Gebärdensprache gehalten - und zwar beim Tagesordnungs-Komplex Behindertenbericht. Ihre Rede wurde von einer Dolmetscherin übersetzt. Jarmer bewies Humor und machte den Kollegen gleich klar, dass sie wirklich gar nichts höre: "Schreien nützt nichts." Nichtsdestotrotz gebe es mannigfaltige Möglichkeiten, mit ihr in Kontakt zu treten: SMS, E-Mail oder auch telefonisch mit Hilfe ihrer Gebärden-Dolmetscherin.

Jarmer hätte schon bei der Nationalratswahl ins Parlament kommen sollen, was sich allerdings aufgrund des mäßigen Abschneidens der Grünen nicht ausgegangen ist. Der geschäftsführende Grüne Klubchef Werner Kogler bezeichnete die Rede Jarmers mit Gebärdendolmetsch als "historischen Akt".

Kleine Einschulung in Gebärdensprache 
Die erste gehörlose Nationalratsabgeordnete nützte ihre Rede zum Behindertenbericht dazu, ihren Kollegen eine kleine Einschulung in die Gebärdensprache zu geben. So erfuhren die Abgeordneten, dass Eigennamen in der Gebärdensprache immer mit bestimmten Begriffen verbunden seien. Altkanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) etwa werde weiterhin mit einem Mascherl dargestellt, auch wenn er das bereits seit dem Jahr 2000 abgelegt hat. Außerdem für die meisten wohl neu: Gebärdensprache gibt es als Nationalsprachen und auch in Dialekten. Der Einladung, einige ihrer Gebärden nachzuvollziehen, kamen trotz allem Staunen dann nur wenige Abgeordnete nach. Neben den Grünen tat sich vor allem der frühere Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (ÖVP) beim Üben hervor.

Inhaltlich sicherte Jarmer zu, dass sie sich nicht nur für die Anliegen der Gehörlosen, sondern für alle Behinderten einsetzen wolle. Versäumnisse gehörten dringend nachgeholt. Es sei beispielsweise noch immer möglich, dass Lehrer gehörlose Kinder unterrichten, ohne Gebärden zu können: "Was würden Eltern sagen, wenn die Französisch-Lehrerin kein Französisch kann?"

Von den anderen Fraktionen wurde Jarmer freundlich aufgenommen. BZÖ-Generalsekretär Martin Strutz meinte, mit dem Einzug in den Nationalrat habe Jarmer wohl mehr bewegt als alle Behinderten-Berichte zusammen. Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) zeigte sich erfreut darüber, dass die Plenarsitzungen nun auch in Gebärdensprache übersetzt werden. Er habe das als frühere Vorsitzender des Wiener Gemeinderates dort schon vor einigen Jahren bewirkt.

Grünen-Klub stellen Dolmetscher an, Parlament trägt Kosten
Die Dolmetscher werden Jarmer bei Plenar- und Ausschusssitzungen sowie bei sonstigen Parlaments-Veranstaltungen zur Seite stehen. Sie werden aber auch bei Gesprächen zwischen Jarmer und anderen Abgeordneten, etwa wenn bestimmte Vorhaben verhandelt werden, dolmetschen, hieß es aus der Parlamentsdirektion.

Die Übersetzer werden vom Klub der Grünen angestellt, die Kosten trägt das Parlament. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) hatte zuletzt von rund 200.000 Euro im Jahr gesprochen. Eine genaue Schätzung gebe es aber nicht, weil man noch nicht genau wisse, wie oft die Abgeordnete die Dolmetscher tatsächlich brauchen werde.

Darüber hinaus soll künftig auch die Übersetzung ganzer Debatten in Gebärdensprache angeboten werden. Das werde aber erst im Laufe der Zeit passieren. Zunächst möchte man Erfahrungen sammeln, so die Parlamentsdirektion.

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