"Dürfen die das überhaupt?" Diese Frage hört man in diesen Tagen auf den Straßen des malerischen Hallstatts immer wieder. Seit bekannt wurde, dass eine Investorengruppe aus China in Guangdong eine spiegelverkehrte Version des Marktplatzes errichten will, ist die Gemeinde in Aufruhr. Vor allem deswegen, weil der Plan nur durch einen Zufall aufgedeckt wurde.
"Ein Informant hat mir von dem Projekt berichtet, aber zunächst konnte ich das gar nicht glauben. Erst als ich die Baupläne sah, wusste ich, dass die Geschichte stimmt", sagt Monika Wenger, die als Erste in Hallstatt von dem Vorhaben erfuhr. Wenger ist Chefin des Hotels "Grüner Baum", das ebenso wie die Kirche und der Marktplatz ein Teil der chinesischen Version von Hallstatt werden soll.
Dass asiatische Touristen den Ort lieben, lässt sich allein schon an den Besucherzahlen ablesen. Doch langsam wird klar, dass viele der vermeintlichen Touristen in Wirklichkeit Architekturspione waren, die den Ort haargenau unter die Lupe genommen haben. "Die haben jedes Holzbrett an jedem Balkon fotografiert, um möglichst genaue Nachbau- Pläne gestalten zu können", sagt die entsetzte Hotelchefin. "Dass die Chinesen Autos und Maschinen kopieren, wussten wir ja, aber gleich ganze Orte...?"
Zwar glaubt Monika Wenger, dass der Nachbau durchaus eine Werbung für das Original sein kann, doch noch größer ist die Angst, dass in Zukunft die chinesischen Touristen ausbleiben. Wie andere Hallstätter stellt sich die Hotel- Chefin jetzt vor allem die Frage, ob solch eine Kopie überhaupt erlaubt ist. "Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da doch zumindest die Besitzer im Vorfeld gefragt werden müssen", sagt sie. Möglicherweise seien die fehlenden Genehmigungen auch der Grund dafür, warum der Ort in China spiegelverkehrt aufgebaut wird. Noch in diesem Jahr ist angeblich Baubeginn. In die nachgebauten Häuser sollen Restaurants und ein Einkaufszentrum einziehen.
Auch Bürgermeister Alexander Scheutz hat von den Plänen bereits Wind bekommen. Als Ortsvorsteher sieht er die Angelegenheit allerdings nicht sehr dramatisch. Die Gemeinde erhofft sich sogar ein Umsatzplus: "Ich glaube, dass es ein Tourismusmotor werden könnte."
Schon im Mai habe es eine Anfrage aus China gegeben, die aber nicht vermuten ließ, was für ein Projekt da geplant sei, sagte er. "Für Juli hatte sich eine Abordnung von China angekündigt und davon geredet, dass man eine Kooperation samt Kulturaustausch starten könnte", so der SPÖ- Politiker. Auch eine Städtepartnerschaft wurde angeregt, ein unterschriftsreifes Kooperations- Memorandum bereits übersendet. Dass es aber schon detailgenaue Zeichnungen vom Projekt gebe, sei eine Überraschung gewesen.
Ursprünglich war der Ablauf des Projekts ein wenig anders geplant gewesen. Laut Scheutz hätte im Juli eine Präsentation seitens der chinesischen Delegation stattfinden sollen, anschließend wollte er sich alles in Ruhe ansehen und dann mit der Bevölkerung besprechen. Ob der Besuch der Chinesen nun vielleicht schon von einem Rechtsstreit überschattet wird, bleibt abzuwarten.
Für die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Dachstein- Salzkammergut, Pamela Binder, ist der geplante Hallstatt- Nachbau ein "Geschenk". Es sei eine "tolle Werbung", denn eine flächendeckende Bearbeitung des immer wichtiger werdenden chinesischen Marktes wäre aus finanziellen Gründen gar nicht möglich, so Binder. "Sie hätten ja auch das Riesenrad nehmen können", freut sich Binder darüber, dass der Welterbe- Ort in Fernost so viel Anklang findet.
Dass die Gäste durch die Kopie davon abgehalten werden, nach Österreich zu kommen, glaubt sie nicht: "Wenn ich mir den Eiffelturm im Minimundus ansehe, heißt das auch nicht, dass ich ihn in echt nicht mehr besichtige." Ganz im Gegenteil, nach dem asiatischen Motto, nicht das Gesicht zu verlieren, sei es für die Menschen wichtig, das Original besucht zu haben, erwartet sie. Wichtig sei ihr nur, dass bei dem Projekt in Guangdong auf das originale Hallstatt verwiesen wird, so die Touristikerin.
Da die Nachbildung bei vielen Menschen allerdings auch auf Ablehnung stößt, wird nun überprüft, ob die Kopie überhaupt zulässig ist. Selbst Landeshauptmann Josef Pühringer wurde bereits informiert und um Hilfe gebeten.
"Die rechtliche Lage muss noch überprüft werden", sagte Hans- Jörg Kaiser von ICOMOS Austria, dem nationalen Rat für Denkmalpflege, einer Unterorganisation der UNESCO. Prinzipiell sei es aber legal, Gebäude zu fotografieren und dementsprechend nachzubilden: "Alles, was außen ist, ist öffentlich zugänglich. Nur für eine Vermessung braucht es das Einverständnis des Eigentümers." Man sehe das Projekt aber kritisch: "Ist es sinnvoll, alles dem Tourismus zu opfern? Man wird die Naturlandschaft und auch die Bewohner des Ortes, die aus dem Weltkulturerbe erst das machen würden, was es ist, nicht nachbauen können."