Fr, 24. November 2017

Wem gehört die Krim?

14.01.2017 09:00

Wenn Karten lügen: Grenzkonflikte auf Google Maps

Straßenkarte, Atlas, Navi: Google Maps hat in den letzten Jahren viele althergebrachte Mittel der Navigation ersetzt und ist für viele die erste Adresse für geographische Fragen. Doch Google Maps lügt. Grenzen verlaufen auf unterschiedlichen Versionen des Kartendienstes an unterschiedlichen Stellen. Gebiete, um die sich mehrere Länder streiten, gehören auf den jeweils lokalen Versionen von Google Maps unterschiedlichen Staaten.

Karten haben eine unglaubliche Macht. Das wusste auch der kürzlich unerwartet verstorbene französische Geograph Jean-Christophe Victor, der am TV-Sender ARTE seit 1990 im Magazin "Mit offenen Karten" auf Basis von Kartenmaterial geopolitische Zusammenhänge erklärt hat.

In einer Episode seiner lehrreichen Sendung beschäftigte sich Victor mit umstrittenen Grenzen auf Google Maps - mit erstaunlichen Erkenntnissen.

Google Maps löste fast Krieg aus
So hat Google Maps beispielsweise schon einmal für die Mobilmachung südamerikanischer Militärs gesorgt. Stein des Anstoßes war eine kleine Insel namens Isla Portillos. Seit Jahren streiten sich Costa Rica und der Nachbarstaat Nicaragua um das Fleckerl Land.

Im Jahr 2010 kam es zum Eklat: Obwohl ein Großteil der Insel zu Costa Rica gehört, bezeichnete Nicaragua sie als sein Eigentum. Man brauche sich ja nur den Grenzverlauf auf Google Maps anzusehen, hieß es aus Nicaragua.

Der Streit spitzte sich zu: Nicaragua besetzte das wenige hundert Meter lange Eiland mit 50 Soldaten, Costa Rica protestierte sowohl beim Nachbarstaat, als auch bei Google, dessen Kartendienst den Grenzstreit aufflammen ließ. Am Ende lenkte Google ein, zog die von beiden Ländern akzeptierte Grenze. Nicaragua wollte seine Truppen nicht abziehen, tat es schließlich aber doch, als Costa Rica mit einem 70-Mann-Aufgebot auf die Isla Portillos einrückte.

Auf maps.google.ru gehört die Krim zu Russland
Doch unklare Grenzen auf Google Maps gibt es nicht nur auf winzigen südamerikanischen Inseln. Ein weiteres Beispiel findet sich gleich vor den Toren Europas: die Krim.

Der Zankapfel Russlands und der Ukraine gehört in der russischen Version von Google Maps zur Gänze zu Russland, ist mit einer dicken durchgängigen Linie von der Ukraine getrennt.

Wechselt man auf die ukrainische Version, weist eine dünne strichlierte Linie auf den Gebietsstreit mit Russland hin. In der internationalen Version von Google Maps ist die strichlierte Linie dicker.

Es gibt also drei Kartenversionen der Krim in Google Maps, die je nach Präferenz des Landes, aus dem die Karte aufgerufen wird, angezeigt werden.

Spannendes Detail: Bei Microsofts Kartendienst Bing Maps gehört die Krim nach wie vor zur Ukraine - selbst in der russischen Version. Das passt zur offiziellen Karte der Vereinten Nationen (Stand: März 2014), in der die Krim als autonome Teilrepublik der Ukraine geführt wird - und erweckt den Eindruck, dass Google Russland nicht verärgern will und deshalb in der lokalen Version die russische Sicht des Grenzverlaufs zeigt.

Grenzstreit zwischen Indien, China und Pakistan
Auch andernorts auf der Welt zieht Google je nach Abrufort seines Kartendienstes unterschiedliche Grenzen. In Asien beispielsweise unterscheidet sich die chinesische Version von Google Maps teils deutlich von der internationalen oder indischen Version.

Die umstrittene Region Kaschmir im Grenzgebiet zwischen China, Indien und Pakistan beispielsweise gehört in der indischen Version von Google Maps zur Gänze zu Indien.

Wechselt man zur chinesischen Version von Google Maps, gehört ein rund 200 mal 200 Kilometer großer Teil von Ostkaschmir zu China, während der verbliebene Teil als umstritten gekennzeichnet wird. In der internationalen Version, die mangels einer Google-Maps-Regionalausgabe auch in Pakistan genutzt wird, werden wiederum gleich mehrere umstrittene Grenzen gezeigt.

Das von China beanspruchte Gebiet in Ostkaschmir hat hier ebenso keine fixe Grenze wie die Regionen, um die sich Indien und Pakistan streiten. Drei Atommächte haben in einem Kartendienst also drei verschiedene Grenzverläufe.

China und Indien bestimmen ihren Grenzverlauf
Der Grund für die unterschiedlichen Grenzverläufe ist laut Victor, der sich einige Wochen vor seinem Tod mit der Thematik befasst hat, dass China und Indien Online-Kartenanbieter dazu verpflichten, die von der jeweiligen Regierung als offiziell betrachteten Grenzverläufe in ihre Kartendienste aufzunehmen.

Im Fall von China zeigt sich das noch in ein paar anderen Regionen - etwa in der Region Arunachal Pradesh, die in der indischen Version von Google Maps zu Indien gehört, in der internationalen Version als umstritten gekennzeichnet wird und auf Google China wiederum zum Reich der Mitte gezählt wird.

Inselstreit ums Südchinesische Meer
Eine andere Region, in der China mit seinen Nachbarstaaten um Gebiete streitet, ist das für den Inselstreit zwischen China, Taiwan, den Philippinen und Vietnam bekannte Südchinesische Meer. China beansprucht zum Missfallen seiner Nachbarn fast das gesamte Meer für sich, obwohl das chinesische Festland wesentlich weiter davon entfernt liegt als etwa die Philippinen oder Südvietnam.

In der internationalen Version von Google Maps ist in diesen Gewässern gar kein Grenzverlauf eingezeichnet. In der chinesischen Version von Google Maps deutet eine strichlierte Linie an, dass das gesamte Meer bis zur Tropeninsel Borneo zu China gehört. Ein Anspruch, den China freilich nicht nur mit seinem Grenzverlauf auf Google Maps, sondern auch mit der Erschließung einiger Inseln in der Region zu untermauern versucht.

Ist Bing Maps das neutralere Google Maps?
Auffällig an all diesen Grenzstreitigkeiten: Microsoft scheint sich im Streitfall eher an den internationalen Grenzverläufen der Vereinten Nationan zu orientieren als Google. So zeigt Bing Maps beispielsweise auch in der indischen Version, dass mehrere Staaten Anspruch auf die Regionen Kaschmir und Arunachal Pradesh erheben. Eine chinesische Version von Bing Maps gibt es nicht, die russische zählt die Krim aber zur Ukraine.

Das legt nahe, dass Google sich nicht allzu heftig gegen einseitig festgelegte Grenzen wehrt und schlicht jedem Land sein eigenes Google Maps bereitstellt. In Anbetracht der Größe einiger der in diesem Artikel diskutierten Länder auch kein Wunder. China ist mit gut 700 Millionen Internetnutzern ein ebenso gewaltiger wie attraktiver Markt für den US-Internetriesen, Indien mit 375 Millionen Nutzern ebenfalls.

Und während Microsoft nur einen Teil seiner Einnahmen mit Online-Werbung erzielt, kommt bei Google ein Großteil der Unternehmensgewinne aus dem Werbegeschäft. Staatliche Sanktionen gegen einen der beiden Kartendienste - etwa eine Sperrung - würden Google also wohl wesentlich härter treffen als den Software-Hersteller aus Redmond.

Dominik Erlinger
Redakteur
Dominik Erlinger
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