Fr, 15. Dezember 2017

Kippt er um?

16.07.2015 14:19

Ellenator: So fährt sich der Dreirad-Seat

Was soll denn das sein? Ein Seat Ibiza, dem die Hinterräder abhandengekommen sind? Schaut echt seltsam aus - macht aber Sinn: Dieses Gefährt darf man bereits als Sechzehnjähriger fahren, mit allem Komfort und was ein richtiges Auto sonst noch so ausmacht. Nur auf Leistung muss man verzichten, der Motor wurde auf 20 PS gedrosselt. Da wird ein Autotest zum Selbstversuch.

Alles begann beim Feierabendbier in der Werkstatt, sagt Wenzel Ellenrieder, Kfz-Meister irgendwo im Allgäu (genau gesagt in Dösingen). Da stand ein Skoda Fabia auf der Hebebühne und er dachte sich: "Warum mache ich den nicht einfach zum Dreirad für Sechzehnjährige?" Das war im November 2013. Anderthalb Jahre später war er so weit, Skoda Fabias, Seat Ibizas und VW Polos (die haben alle die gleiche Hinterachse) in Serie umzurüsten und mit Straßenzulassung zu verkaufen.

Mit der selbst ersonnenen Hinterachse rücken die Hinterräder so nah zusammen, dass sie als einzelnes Rad gelten (sie dürfen nicht weiter als 46,5 Zentimeter auseinander sein). "Ich habe es erst mit einem einzelnen Hinterrad probiert, aber es gibt keinen verstärkten Reifen in der Größe, der muss ja das doppelte Gewicht tragen. Außerdem fehlt dem ABS das Signal eines Rades." Da brachte ihn ein Freund auf die Idee mit dem Doppelrad - des Rätsels Lösung.

Start mit fettem Sound
Genug der Vorrede, ich will wissen, wie das fährt. Beim Motorstart fällt der fette Sound auf, der nicht nur vom Dreizylindermotor kommt. "Ich habe den Endschalldämpfer weggelassen. Für ein Dreirad gelten andere Geräuschvorschriften, deshalb braucht man ihn nicht." Der Sound bleibt allerdings das einzig Sportliche am "Ellenator", wie Ellenrieder sein Werk nennt. Für jemanden, der normale Autos  gewohnt ist, fühlt sich die Beschleunigung eher wie Kontinentalverschiebung an. 20 PS treffen auf über eine Tonne Masse …

Aber man kommt vorwärts, mit etwas Geduld schaffe ich es sogar auf knapp über 100 km/h! In Zahlen: 43,1 Sekunden dauert der Sprint von 0 auf 100. Auf 50 km/h war ich nach rasanten 8,2 Sekunden, Tempo 80 war nach 26,5 Sekunden erreicht. Ich fühle mich als Verkehrshindernis, vor allem bergauf, wo es noch zäher vorwärts geht. Unglaublich, dass ich sogar auf die Autobahn fahren dürfte, was ich mir aber erspare. Ist sicher nicht so angenehm, wenn einen ständig voll beladene 40-Tonner von der Straße schieben wollen. Anfahren bergauf wird übrigens zur Bewährungsprobe für den gefühlvollen Kupplungsfuß, rückwärts verlangt es schon fast so etwas wie Expertise.

Nicht ganz ohne ist auch das Abbiegen aus Einmündungen, weil die Straße schon SEHR frei sein muss, damit man problemlos rauskommt.

Die Frage der Fragen: Kippt das um?
Wer nicht weiß, wo er sich reingesetzt hat, wird als Beifahrer kaum mitbekommen, dass das Fahrverhalten anders ist als sonst. Genau betrachtet neigt sich der Ellenator in Kurven weiter als üblich und die Reifen fangen früher zu pfeifen an, aber die große Angst vor dem Umkippen weicht einem sich nach und nach einstellenden Vertrauen. "Wenn man es drauf anlegt, kann man ihn schon zum Kippen bringen", gibt Ellenrieder zu. "Dazu braucht es aber auf jeden Fall die Handbremse." Doch selbst dann ist es nicht wirklich tragisch, weil der Wagen einfach auf einem Achsträger aufsetzt, ohne dass irgendein lackiertes Teil beschädigt wird.

Das Heck liegt höher und der Kofferraum ist kleiner als beim Serienfahrzeug, weil ja die Räder mitten drunter sind statt in den Radhäusern. Aber ein Lastwagen ist der Seat ohnehin nicht, das Gesetz verlangt eine maximale Zuladung von 300 kg. Das dürfte für vier Jugendliche auf dem Weg zur Disco reichen. Und für die Beschallung per Stereoanlage gibt es keine Einschränkung.

Fast ein richtiges Auto
Überhaupt ist alles da, was hergehört, Airbags, ABS, ESP, Drehzahlmesser, sogar eine Schaltpunktanzeige (die aber nicht weiß, dass der Motor gedrosselt ist, und deshalb Blödsinn anzeigt). Und natürlich viel Blech rundherum, was für Eltern ein wichtiger Punkt ist, weil der Sprössling im Vergleich zu einem Moped oder Mopedauto ungleich sicherer aufgehoben ist.

Maximal vier Jahre darf ein Auto sein, damit Ellenrieder es umbaut. Man kann ihm eines bringen, dann kostet der Umbau 5.500 Euro. Oder man kauft ein fertig umgebautes, dann beträgt der Aufpreis 4.500 Euro. Die Achsen schweißt er nicht mehr selbst, sondern lässt sie anfertigen, der Motor wird per Extra-Steuergerät gedrosselt. "Natürlich ist es keine Kunst, das wieder auszubauen, aber das wäre eine Straftat", warnt der Allgäuer.

Unterm Strich
Mit 16 Jahren wäre ich froh gewesen, so etwas zu haben. Wer mit der Optik eines Vierbeiners mit zusammengebundenen Hinterläufen leben kann, für den ist so ein vierspuriges Fahrzeug eine gute Möglichkeit, richtig Auto zu fahren.

Und so sieht es in Österreich rechtlich aus:
Rechtlich gilt der Doppelreifen als einzelnes Rad, der Ellenator wird damit vom vierrädrigen Kraftwagen zum dreirädrigen Kraftfahrzeug. Und darf ohne B-Führerschein gefahren werden.

Weil der kleine Vierzylinderbenziner des Dreirads mit 15 kW/20 PS auskommt, darf man ab 16 Jahren mit dem A1- Motorradführerschein ans Steuer des Ellenators – dank einer mit 19. Jänner 2013 eingeführten Änderung des Führerscheingesetzes.

Fahren darf auch, wer einen größeren Motorradführerschein (A2, A) oder bis zum 18. Jänner 2013 einen Führerschein der Klasse B  erworben hat. B-Besitzer, die die Prüfung ab dem 19. Jänner 2013 abgelegt haben, dürfen erst ab dem 21. Geburtstag mit dem Ellenator fahren – und das auch nur innerhalb Österreichs.

Warum?

  • Einzigartige Möglichkeit für 16-Jährige
  • Bis auf Hinterachse und Leistung vollwertiges Auto

Warum nicht?

  • Seltsame Optik
  • Insgesamt zäh

Oder vielleicht …

… einfach warten, bis man 17 ist und ein richtiges Auto fahren darf?

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