Österreich wird 2027/28 seit Langem wieder einmal einen nicht ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat einnehmen. Eine Aufgabe, die nicht nur unserer außenpolitischen Tradition entspricht, sondern auch besondere Verantwortung verlangt. Gerade jetzt wäre es angebracht, sich auf die verfassungsmäßig verankerte Neutralität zu besinnen, anstatt sie politisch infrage zu stellen. Forderungen nach einem NATO-Beitritt oder einer schrittweisen Abkehr von der Neutralität widersprechen nicht nur dem verfassungsrechtlichen Fundament, sondern gefährden auch jene außenpolitische Glaubwürdigkeit, die Österreich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Diese ist kein Relikt vergangener Blockkonfrontation, sondern ein strategischer Vorteil in einer zunehmend fragmentierten multipolaren Weltordnung. Im Sicherheitsrat, wo geopolitische Spannungen dominieren, liegt die Stärke kleinerer Staaten nicht in militärischer Bündniszugehörigkeit, sondern in unabhängiger und ausgleichender Diplomatie. Österreich kann nur dann konstruktiv wirken, wenn es sich konsequent am Völkerrecht orientiert und seine Rolle als neutraler Vermittler ernst nimmt. Der kommende Sitz darf daher nicht als Gelegenheit zur machtpolitischen Positionierung missverstanden werden, sondern muss als Auftrag zu einer eigenständigen, friedensorientierten Außenpolitik begriffen werden. Neutralität ist kein Hindernis – sie ist die Voraussetzung für eine glaubwürdige österreichische Stimme auf internationaler Ebene.
Dr. Josef Richard Skumautz, Villach
Erschienen am Sa, 6.6.2026
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