Wenn ich Berichte im „Freien Wort“ lese, in denen gefordert wird, das „Jammern auf hohem Niveau“ endlich einzustellen, empfinde ich das als eine äußerst egoistische Sichtweise. Ja, es stimmt: Mir – beziehungsweise uns – geht es (noch) gut. Aber wir hatten auch das Privileg, mindestens 45 Jahre ohne Unterbrechung arbeiten zu dürfen. In der heutigen Zeit ist das für viele Menschen aus verschiedenen Gründen nicht mehr möglich, ihnen fehlt einfach die Perspektive. Manche Leser scheinen oft die Augen vor der Realität zu verschließen. Laut aktuellen Medienberichten sind in unserem „ach so guten Land“ rund 15% der Bevölkerung, das sind etwa 1,44 Millionen Menschen, von Armut gefährdet. Dass diese Betroffenen dieselbe optimistische Meinung teilen, wage ich stark zu bezweifeln. Es gibt eben auch andere Seiten der Realität: Ob es jenen Kindern gut geht, die in der Schule gemobbt werden, weil sie Schweinefleisch essen und sich bereits in der Minderheit befinden, stelle ich ebenfalls infrage. Auch der Blick auf die Wirtschaft, das Budgetloch und die Altlasten der Vorgängerregierung zeigt täglich in den Medien, wie ernst die Lage ist. Und ganz ehrlich: Wenn ich selbst heute noch arbeiten müsste und am Ende vielleicht weniger herausbekomme als etliche Menschen, die noch nie in das System eingezahlt haben, hätte ich auch eine gehörige Portion Wut im Bauch. Mein Fazit: Am Ende muss ich trotzdem zugeben, dass unser Land (noch) gut ist. Trotz all der Kratzer, die Politiker unserer Demokratie verpasst haben, gibt es einen entscheidenden Vorteil: In unserem Land darf man genau diese Missstände noch offen kritisieren. Und ja, auch auf hohem Niveau jammern.
Josef Pratsch, Angern
Erschienen am Fr, 5.6.2026
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