Das freie Wort

Murmeltiere

Die Brexit-Gespräche erinnern ein wenig an die „Lindenstraße“, oder besser: an die Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. So richtig hinschauen mag man nach einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Zu schlecht sind die handelnden Personen, zu wenig geht inhaltlich voran, und abgenutzt hat sich der Stoff nach all den Jahren auch. Aber irgendwie ist die Vorstellung zur Folklore geworden. Gäbe es sie nicht, würde vielen etwas fehlen. „Täglich grüßt das Murmeltier.“ Dabei geht es doch nur noch um irgendwas „mit Fischen“. Ernsthaft: Boris Johnson und Ursula von der Leyen haben die Verhandlungen kurz vor dem ultimativen Ende zur Chefsache gemacht. Wenn sich jetzt nichts bewegt, sind die Briten raus. Unverständlich, denn es wird dann ein hartes Ende geben. Dabei wäre das die größtmögliche Katastrophe für die Briten und die EU. Einen echten Gewinner gibt es nicht! Hämisch glauben und wünschen es einige dem anderen, der größere Verlierer zu sein. Wirtschaftlich geht Großbritannien ein großes Risiko ein, denn die verbleibenden 27 EU-Staaten werden ihre Zollunion nicht gefährden, was durchaus innenpolitische Verwerfungen im Vereinigten Königreich auslösen kann – und das auch noch während der Pandemie. Die Bürde als EU-Nettozahler-Land haben die Briten in allen Bereichen jedoch los. Die EU muss wiederum höllisch aufpassen, dass alle grundsätzlichen und unterschriebenen Vereinbarungen penibel eingehalten werden, um keine Auflösungstendenzen der Gemeinschaft zu provozieren. Auf der anderen Seite ist eine Schwierigkeit aber immer auch eine Möglichkeit, alles besser zu machen, dazuzulernen, nicht Bewährtes in einem „Aufwasch“ zu beseitigen, sich grundlegend mit einer wirtschaftlichen, aber „auch“ politischen und unabdingbaren Solidarität neu aufzustellen! Die ablehnende Haltung der Briten durch Vertragsbrüche geben der EU keinen Spielraum mehr! Ein Ausscheiden aus der Zollunion, ohne jegliche Not, wie es ein kleiner Teil von britischen Populisten betreibt, schädigt den Kontinent Europa in jeder Hinsicht, wirft ihn womöglich um Generationen zurück und gefährdet zumindest seine demokratischen Werte. Wir, die Deutschen, wären traurig, die Briten mit ihren verstaubten, aber lieb gewonnen alten Traditionen als Partner in der Union zu verlieren.

Bernd Hofer, Mintraching (D)

Erschienen am Sa, 12.12.2020

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