09.04.2008 15:05 |

Lebensträume

"Kirschblüten": Sehnsucht nach dem Fujiyama

Es gibt für alle Dinge die rechte Zeit. Seine Lebensträume sollte man nicht aufschieben. Weil sie uns entgleiten könnten - ganz plötzlich. Und manchmal überdauern sie uns auch... In Japan stehen die zarten, pergamentweißen Kirschblüten nicht nur für die Schönheit des Lebens, sondern auch für seine Vergänglichkeit. Um beides geht es in Doris Dörries ("Männer", "Bin ich schön?", "Keiner liebt mich") neuem Film "Kirschblüten - Hanami".

Die Dorfstraße hat Trudi nie wirklich aus ihrer kleinen Welt herausgeführt. Ja, manchmal träumt sie von Japan, von den geheimnisvollen Butohtänzern, dem schneebedeckten Gipfel des Fujiyama - und von der weltberühmten Kirschblüte. Und sie trägt einen Seidenkimono, während sich ihr Rudi, ein behäbiger Mann als Garant für ein behäbiges, unaufgeregtes Glück, das nun schon 30 Jahre währt, in kariertem Flanell am wohlsten fühlt.

Flucht aus Pantoffel-Gemütlichkeit
Als Trudi erfährt, dass Rudi unheilbar krank ist, will sie mit ihm, der nichts von seinem Leiden ahnt, noch einmal ausbrechen aus dieser bieder-bayrischen Pantoffel-Gemütlichkeit. Die Reise zu den Töchtern nach Berlin verläuft enttäuschend. Mehr Pflicht denn Herzenskür von Seiten der Kinder. Und so geht es weiter an die kühle Ostsee, wo der Tod über Nacht kommt. Sie stirbt, nicht er.

Wieder allein zuhause, beginnt Rudi zu ahnen, dass sich seine Frau im Grunde ein ganz anderes Leben erträumte. Um ihr wenigstens spirituell nahe zu sein, beschließt er, Trudis Traum zu verwirklichen, und reist nach Tokio zu seinem Sohn...

Standing Ovations für Wepper
Ein Mann und eine Frau - und ein Besetzungsglücksfall, wird dieses über den Tod hinaus vereinte Ehepaar doch von einer wunderbar leisen Hannelore Elsner und einem großartigen Elmar Wepper gespielt, der sich hier als berührend feinfühliger Schauspieler erweist und endlich einmal aus der Fernsehserien-Endlosschleife ausbricht. Eine Performance, die ihm bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen, wo der Film "Kirschblüten - Hanami" große Beachtung fand, Standing Ovations einbrachte.

Wie er im fernen Japan völlig orientierungslos, aber neugierig durch eine Welt der fremden Zeichen irrt - "Lost In Translation" im Sog einer exotischen Kultur - und durch ein junges Mädchen, das er in einem Park in Tokio trifft, die Magie des Butohtanzes entdeckt, um seiner verblichenen Frau Trudi nah wie nie zuvor zu sein, das geht ans Herz.

Wepper: "Ich bin kein Abenteurer!"
Der introvertierte, unaufgeregte Rudi, der sich sein Lebtag lang großen Veränderungen verweigert hat, eingebettet in tausendfach erprobte, lieb gewonnene Alltagsrituale, steht Elmar Wepper gut. Man nimmt ihm den Part ab, spürt, dass er ganz bei sich ist in dieser Rolle. Ist auch Elmar Wepper ein echtes Gewohnheitstier? Wepper: "Ehrlich gesagt, ich neige dazu, fühle mich in vertrauter Umgebung wohl. Ich bin kein Abenteurer!"

Auch beruflich blieb er jahrzehntelang in ruhigen TV-Gewässern, ließ sich nur dann und wann eine steife "Traumschiff"-Liebesbrise um die Nase wehen. Ein Unterhaltungsprofi der charmanten Art, der stets Charakter und Esprit zu verknüpfen wusste. In "Kirschblüten - Hanami" zeigt er sich extrem verletzlich. Wepper: "Diese brutale Hilflosigkeit als Hinterbliebener dem Tod gegenüber macht uns plötzlich kindgleich: verzagt, verängstigt, verloren. Jeder muss seine Art des Trauerns für sich finden. Eine Reise in Gedanken an einen geliebten Menschen ist ein trostvoller sanfter Abschied."

Regisseurin Dörrie liebt Japan
Regisseurin Doris Dörrie, die ihre heurige Berlinale-Premiere im Wettbewerb bravourös bestand, hat Japan schon vor vielen Jahren für sich als Sehnsuchtsdestination entdeckt. Die Tokio-Reise ihres Protagonisten Rudi - Elmar Wepper - wird zum melancholischen Passepartout für Versäumtes. Doris Dörrie: "Es ist so wichtig, immer wieder den einen oder anderen Augenblick zu erwischen, um seinen Liebsten, seinen Lebensmenschen zu sagen, wie sehr man sie liebt. Man darf die Dinge nicht aufsparen."

Rudi und Trudi, ein Paar zwischen sonnig-bayrischer Löwenzahn- und später Kirschblüte, die wie Schnee auf ein einsames Herz fällt. Ein Film für Liebende. Für Trauernde. Und alle, die noch Träume haben... ("Kirschblüten - Hanami", ab 11. April in unseren Kinos)

Christina Krisch, Kronen Zeitung

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