08.06.2007 13:54 |

Trashiges Web-TV

Die Fernsehwelt von "MyTVPal"

Man nehme alle TV-Sender der Welt, die sich im Internet gratis einfangen lassen, komprimiere sie auf breitbandverträgliche Qualität und pappe sie in eine einfache, simple Streaming-Applikation. Heraus kommt „MyTVPal“, im Vergleich zu Konkurrenten wie „Joost“ oder „YouTube“ das trashigste Internetfernsehen, das es je gab. Inoffizielles Motto: „Fernsehen, das die Welt nicht braucht.“

Den „MyTVPal“-Player gibt’s für eine kurze Registrierung kostenlos zum Download. Bereits die Größe der Applikation (etwa drei Megabyte) verrät, dass da nicht sehr viel dahinter sein kann. Dafür startet das Streaming-Programm in Sekundenschnelle und das Interface ist übersichtlich, weil begnügt sich mit wenigen Elementen: eine Bedienleiste für den Player am oberen Rand, darunter ein Kasterl mit obskuren Werbebannern und daneben das Herzstück, das Fensterchen mit den unzähligen TV-Sendern.

Unterteilt in „TV“, „Video On Demand“, „Radio“ und „Search“ (was sich in den Abteilungen Radio und Suche verbirgt, weiß man nicht, da sie sich erst gar nicht öffnen lassen…) finden sich dort Livestreams aus aller Welt. Ländermäßig reicht die Auswahl von Afghanistan bis Zimbabwe. Wobei für bestimmte Staaten wie eben Afghanistan, oder auch Armenien, Albanien (unter „A“ steppt erst ab Argentinien der Bär) und diverse tropische Inseln mit unaussprechlichen Namen noch keine Sender verfügbar sind. Sofern es dort überhaupt TV gibt...

Wer bei „MyTVPal“ nach dem ersten Eindruck urteilt, schmeißt das Programm in den Mistkübel, bevor es auch nur einen Kilobit Bandbreite verbrauchen kann. Gerade weil es aber an allen Ecken und Enden hakt und scheppert, verdient sich die virtuelle Flimmerkiste eine zweite Chance – und wie man später erkennen wird, zu Recht.

Fernsehen, das die Welt nicht braucht
Argentinisches Fernsehen ist gleich der erste große Lohn fürs Ausharren und Tolerieren: Beiträge über Kinderchöre, die Michael Jacksons „Earth Song“ mit herrlichem Sombrero-Akzent singen, Nachrichtensprecher, die ob ihrer schlichten Naturschönheit nicht nur Make-Up ausschlagen sondern auch gleich aufs Studiolicht (Studio = alter Schreibtisch vor alter Tapete) verzichten. Nicht zu vergessen: Telenovelas, die allein durch die Körpersprache der Akteure so dramatisch rüberkommen, dass man nach zwanzig Minuten Hochspannung froh ist, des Spanischen nicht mächtig zu sein.

Das Streaming läuft hervorragend, hier ruckelt selbst bei einer lahmen 1,8 Mbit-Leitung nichts - dafür ist auch die Bildqualität kaum besser als bei schlechten YouTube-Videos. Informationen über einen TV-Sender oder über das, was es zu sehen gibt, braucht man sich von „MyTVPal“ nicht erwarten. Besonders nicht bei den Filmsendern, die Schwarz-Weiß-Streifen aus den Vierzigern oder noch früher zeigen. Aber wer kann bei Senderbezeichnungen wie „Channel Feature Film 29“ oder auch „Moooveees“ schon widerstehen?

Unter den vielen „Trash-TV-Angeboten“ findet sich aber auch relativ vernünftiges Material. So gibt es unter anderem Livestreams des ZDF-Fernsehens, einen Channel für die Tagesschau der ARD, und den Nachrichtensender n-tv sogar rund um die Uhr live. Bei den österreichischen Sendern wird TW1 angeführt, streamen lässt sich aber nichts. Dafür ist K-TV „Ihr Fernsehsender für Kultur und Kirche“ in all seinem Glanz und Schimmer abrufbar. Aus Deutschland gibt es neben einigen Wald-und-Wiesen-Regionalsendern auch das sehr zu empfehlende „Bahn TV“, das nach Mitternacht Videos von Zugfahrten aus der Lokführerperspektive zeigt. Heimkehrende Nicht-ganz-Komatrinker seien hier vorgewarnt, es ruckelt sehr stark...

Hardcore-Homeshopping und Gerichtsshow-Marathon
Für die Hartgesottenen, die eher auf Gehirnwäsche stehen, ist asiatisches Teleshopping-Fernsehen zu empfehlen. Moderatoren setzen dort auf die hohe Kunst fernöstlicher Kampfüberredung und die Einschüchterung des Zusehers durch domina-artige Gebärden. Davon könnten sich die bettelnden Schwächlinge im deutschsprachigen Homeshoppingfernsehen einmal etwas abgucken!

Verheißungsvoll klingt auch „Sony Music TV“. Es handelt sich dabei allerdings um eine asiatische Version, die, als wir gerade vorbeizappten, einen jungen Tenor zeigte, der als Katzenjammer-Falsett mit einer übersetzen Version von „Living Next Door To Alice“ rang. Rührend!

Wer jetzt noch mit sich selbst hadert, ob er die eine oder andere Stunde am Wochenende tatsächlich mit „MyTVPal“ totschlagen will, dem sei der US-Sender „Fox 8“ als Mundwässerer serviert: Dort gibt es nämlich Gerichtsshows à la Richterin Barbara Salesch und zwar sechs Stück am Nachmittag, alle hintereinander.

Das Faszinierende: Die Werbepause besteht aus nur wenigen Spots für Haushaltsprodukte aber mindestens zwei Trailern für die nächsten Folgen der TV-Gerichte. Die Richter und -rinnen (so sieht es zumindest aus) dürften allesamt ehemalige Beamte aus dem Strafvollzugsdienst sein. Wem sogar das (!) noch immer nicht heavy genug ist, der kann ja bis Dienstag warten wenn „Mitten im Achten“ wieder läuft…


Christoph Andert

Mittwoch, 23. Juni 2021
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