Fr, 17. August 2018

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23.11.2017 08:45

"Need for Speed Payback": Vendetta in der Wüste

"Need for Speed" ist einer der Urväter des Arcade-Racing auf PC und Konsole. Fast zwei Dutzend Games hat die Serie seit dem ersten Teil 1994 hervorgebracht. In jüngster Zeit haben die allerdings eher mit fragwürdigen Designentscheidungen und Spielspaß-Bremsen von sich reden gemacht. Mit dem neuesten Open-World-Racer "Need for Speed Payback" will es das Entwicklerstudio Ghost Games nun richten - und liefert, wie sich im Test zeigt, einen der bislang schlechtesten Teile ab.

Zwei Jahre ist es her, dass das aktuelle Entwicklerstudio Ghost Games mit dem schlicht "Need for Speed" getauften letzten Teil der Serie die Marke "Need for Speed" nachhaltig beschädigte. Was früher für spektakuläre Arcade-Rennen stand, gilt seither als fader und unübersichtlicher Open-World-Racer mit vielen Designfehlern, allen voran dem Online-Zwang, den EA den Spielern damals verordnet hat.

Ihn gibt es beim neuen Teil "Need for Speed Payback" zwar nicht, aber auch der neueste Teil überzeugt in der Praxis nicht so recht. Technisch gibt es diesmal zwar keine groben Schnitzer - beim Vorgänger musste man am Router Ports freigeben, um überhaupt ins Spiel zu kommen - aber auch wenig, was in Erinnerung bleibt. Manches erschien uns im Test geradezu wie eine Beschäftigungstherapie.

Klischeebehaftete Handlung mit Hollywood-Anleihen
Aber der Reihe nach: Die Handlung von "Need for Speed Payback" erzählt eine Geschichte über Rache und nimmt großzügige Anleihen bei Klassikern des PS-Kinos wie "Nur noch 60 Sekunden" oder "The Fast and the Furious". Auch ein Hauch "The Transporter" ist drin. Den Filmvorlagen entsprechend klischeetriefend wird der Privatkrieg unseres von vermeintlichen Freunden hereingelegten Helden in einem glitzernden Glücksspielstädtchen erzählt. Unerwartete Wendungen gibt es kaum, Dialoge und Charaktere wirken teils bemüht, teils ziemlich platt.

Es gibt zwar ein paar Lichtblicke, namentlich eine Handvoll spektakulärer Missionen im "Transporter"-Stil, in denen etwa bei voller Fahrt Laster ausgeräumt, Fahrzeuge gewechselt und zwischendurch Polizisten abgeschüttelt werden. Sie machen die Handlung von "Payback" aber auch nicht mehr überdurchschnittlich spannend.

Tuning-Kartenspiele und Beschäftigungstherapie
Zumal die Handlung nicht das gröbste Problem ist. Vielmehr haben sich viele kleine Mäkel in das Spiel geschlichen, die ihm in ihrer Summe schaden. Das fängt bei Designentscheidungen an, die fast ein wenig an Beschäftigungstherapie erinnern. Um im Spiel voranzukommen, muss man in jedem einzelnen der vielen Dutzend Drift-, Offroad-, Drag- oder Straßenrennen gewinnen, die es im Spiel gibt. Wer ein Rennen nicht gewinnt, muss es so lang wiederholen, bis er es gewonnen hat - sonst geht es nicht weiter.

Ähnlich mühsam erschien uns der Ausbau des Fuhrparks: Besonders spannende Autos werden erst freigeschaltet, wenn man in der ganzen Spielwelt versteckte Einzelteile zusammengetragen hat. Und das Tuning-Menü ist zwar umfangreich, aber mit einem aufgesetzt wirkenden Sammelkarten-Twist versehen, durch den man erst wieder zur mehrmaligen Absolvierung bestimmter Aufgaben genötigt wird. Oder zum Lootbox-Kauf gegen echtes Geld: Zum Start hat EA diese Mechanik zwar aus dem Game entfernt, mit einer Rückkehr ist aber zu rechnen. Der Publisher will auch das Fortschrittsystem überarbeiten, wurde angekündigt. Testen konnten wir freilich nur den Zustand des Games bei Release.

Spielwelt mit wenig Wiedererkennungswert
Diese sich wiederholenden Spielmechaniken schmerzen doppelt, weil die Spielwelt von "Need for Speed Payback" wenig Wiederkennungswert hat. Es gibt zwar eine Stadt und im Umland Wüsten, Canyons und Wälder, all das wirkt aber eher lieblos gemacht. Während Rivale "Forza Horizon 3" den Spieler durch ein ausnehmend hübsches virtuelles Australien mitsamt Sehenswürdigkeiten und Blickfängen schickt, kurvt man im neuen "Need for Speed" durch gefühlt immer gleiche Szenerien. Besonders das urbane Gebiet im Spiel wirkt zudem recht leblos. Es gibt selbst in der Innenstadt kaum Verkehr und keine Fußgänger, was die teils langen Fahrwege zwischen einzelnen Rennen noch fader gestaltet.

Die offene Spielwelt hätte es nicht gebraucht
Uns drängte sich im Test insgesamt fast ein wenig der Eindruck auf, "Need for Speed Payback" wäre eventuell ein besseres Spiel geworden, hätte man auf die offene Spielwelt verzichtet. Ihre Leblosigkeit schadet nämlich auch den Rennen als solche, immerhin durchfährt man nur selten Strecken mit Wiedererkennungswert, sondern meist relativ sterile Landschaften. Hätte man auf die offene Spielwelt verzichtet, wären möglicherweise etwas spannender gestaltete Strecken drin gewesen.

Zumal es hier eigentlich keinen Bedarf für eine Open World gibt. Während es in anderen Games durchaus seinen Reiz hat, die virtuellen USA oder das digitale Australien zu erforschen und die ikonischen Wahrzeichen dieser Länder zu besuchen, fehlen diese Anreize "Payback" komplett. Da helfen auch die in der Spielwelt verteilte Blitzgeräte und Sprungschanzen wenig.

Guter Soundtrack, zugängliches Handling, gute Optik
Die gestalterischen und spielerischen Baustellen, die es in "Payback" gibt, wiegen besonders schwer, weil das Game eigentlich auch einiges richtigmacht. Der Soundtrack weiß zu gefallen, die Geräuschkulisse mit Ausnahme der deutschen Sprecher ebenfalls. Optisch kann sich "Payback" auch sehen lassen. Gut, vielleicht könnte manch eine Textur schärfer sein und auch eine Cockpit-Perspektive wäre wünschenswert gewesen. Insgesamt wissen die rund 80 Autos inklusive optischem Schadensmodell, die Spielwelt und Licht-, Partikel- und Crash-Effekte aber zu gefallen. Außerdem stimmt das Geschwindigkeitsgefühl. Das Fahrverhalten ist in Ordnung und bietet die Zugänglichkeit, die man sich von einem Arcade-Racer erwartet. Hie und da ist es vielleicht sogar zu zugänglich - etwa beim nicht besonders fordernden Driften.

Fazit: Am Ende leidet "Payback" unter dem Versuch der Entwickler, ein Rennspiel mit den sich wiederholenden Mechaniken von Online- und Open-World-Games anzureichern und so die Spielzeit zu strecken. "Payback" fühlt sich ein wenig wie Beschäftigungstherapie an, der es durch die öde Spielwelt schon nach kurzer Zeit an Abwechslung fehlt. Schade, immerhin hätte das Game durchaus auch seine Stärken - etwa das saubere Arcade-Feeling auf der Straße oder den guten Soundtrack. Doch was nutzt das, wenn das Game in seiner Gesamtheit nicht fesselt und die Konkurrenz in Form von "Forza Horizon 3" derweil zeigt, wie Open-World-Arcade-Racing richtig und motivierend umgesetzt wird.

Plattform: PC (getestet), PS4, Xbox One
Publisher: EA
krone.at-Wertung: 6/10

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger

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