Do, 19. Juli 2018

Album "To The Bone"

16.08.2017 00:10

Steven Wilson findet sich im Pop zurecht

Die 80er-Jahre haben bei Pop-Gourmets einen miesen Ruf. Zu seicht, zu synthetisch, zu selbstbezogen war die Musik dieser Zeit, so das weitverbreitete Urteil. Der Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalist Steven Wilson (Porcupine Tree, No-Man, Blackfield) wird bei vielem nicht widersprechen. Und doch ist der Brite angetreten, mit seinem neuen Soloalbum "To The Bone" die 80er zu rehabilitieren.

Oder doch zumindest das, was für ihn gut war an dieser Pop-Dekade, und das ist gar nicht so wenig. "Ich rede von Tears For Fears, Talk Talk, Depeche Mode, Peter Gabriel", sagt Wilson im Interview des Musikmagazins "Visions". "Sehr ambitionierte Musik, die als purer Pop zu genießen war. Das wollten sie so, und damit zeigten sie, dass es möglich ist, der Masse zu gefallen, ohne gleich zu verflachen."

Den Pop gefunden
Viele Fans von Steven Wilson werden hier stutzen. Ihr Idol, der weltweit anerkannte Erneuerer eines Progressive-Rocks der Marke Pink Floyd, Genesis oder King Crimson, als Pop-Verfechter? Keine endlos langen, komplizierten Prog-Epen mehr, sondern kompakte Songs mit verhältnismäßig simplen Strukturen? Einerseits ja, aber doch nicht so ganz. Denn "To The Bone" schlägt äußerst kompetent die Brücke zwischen beiden Welten. Und erweist sich damit als eines der spannendsten Poprock-Alben des Jahres.

Klar, "Permanating" sorgt mit Geradeaus-Beat und ABBA-Harmonien für Ärger bei alten Wilson-Fans. Da geht es dem 49-Jährigen aus der Nähe von London nicht anders als seinen kanadischen Kollegen Arcade Fire, die sich mit manchen Songs ihres neuen Nummer-eins-Albums "Everything Now" unverhohlen bei Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid bedienen. Der Prog- und Hardrocker Wilson schätzt ABBA ebenfalls sehr: "Eine meiner Lieblingsbands. Die wurden jahrelang verlacht, dann war es plötzlich wieder okay, sie zu mögen, ja sie sogar fantastisch zu finden."

Old-School-Referenzen
Auch das im Falsett gesungene "The Same Asylum", "Nowhere Now" und "Refuge" sind sehr soft und pop-nah geraten. Die Ballade "Pariah" zelebriert Wilson zusammen mit Gastsängerin Ninet Tayeb, deren raue Stimme bisweilen nach Bonnie Tyler klingt. Doch dieses Lied weckt eben auch gute Erinnerungen an "Don't Give Up", das wunderschöne Duett von Peter Gabriel und Kate Bush auf dem 80er-Jahre-Meisterwerk "So" (1986).

Vor allem dieses stilprägende Gabriel-Album diente Steven Wilson als Blaupause für seinen neuen - wie immer bei ihm höchst brillanten - Sound, daneben auch "The Seeds Of Love" (1989) von Tears For Fears, "The Colour Of Spring" (1986) von Talk Talk oder "Hounds Of Love" (1985) von Kate Bush. Alles keine üblen Referenzen für eine Hinwendung zum Pop nach 30 Jahren in einer (wenn auch gar nicht so kleinen) Indie-Nische namens Prog-Rock.

Vielschichtigkeit
Schon mit der Kompilation "Transience" hatte Steven Wilson kürzlich - unmittelbar nach den beiden Top-drei-Platten "The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)" (2013) und "Hand. Cannot. Erase." (2015) - ganz bewusst seine "zugänglichere Seite" gezeigt. Auf "To The Bone" setzt er diesen Weg nun fort, ohne sich über Gebühr dem Mainstream anzunähern. "Meine Musik ist wohl zu vielschichtig, um Pop zu sein", wiegelt der Brite ab.

Wer auf dem neuen Album nach eher ausufernden Wilson-Stücken sucht, wird immerhin noch einige Male fündig. So entfaltet der Titelsong seine enorme Sogwirkung über gut sechs Minuten, ähnlich wie das verschachtelte "People Who Eat Darkness". Der sinfonisch aufgeladene "Song Of I" ist das stärkste von insgesamt drei Duetten, hier singt Wilson mit der Schweizerin Sophie Hunger.

Pop-Erretter
"Detonation" schließlich dehnt die Spannungskurve sogar über gut neun Minuten. Mit seinen irrwitzigen Funk- und Rock-Gitarren, wummernden Bässen und hypnotischen Drums erinnert der Song sowohl an "Station To Station" (1976) von David Bowie als auch an dessen überwältigendes Abschiedswerk "Blackstar" (2016). Keine geringe Leistung für eine Platte zur Ehrenrettung eines verrufenen Pop-Jahrzehnts.

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