Mi, 20. Juni 2018

Handy statt Tabak

05.09.2016 08:51

Mehr Jugendlichen droht Internetsucht

Eine ausufernde Internetnutzung von Jugendlichen wird von Eltern noch zu selten als Problem wahrgenommen, mahnt Professor Falk Kiefer von der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie zum Auftakt des am Montag in Berlin startenden Suchtkongresses. "Man muss das Bewusstsein stärken, dass Online-Spiele und soziale Netzwerke eine hohe Bindungskraft haben können. Jugendliche kommen immer früher in Kontakt mit einem potenziell abhängig machenden Verhalten", so der Experte.

Als internetabhängig gelten einer Studie aus dem Jahr 2011 zufolge allein in Deutschland mehr als 560.000 Menschen. Bei den 14- bis 16-Jährigen sind demnach vier Prozent betroffen, Mädchen etwas häufiger als Burschen. Tendenz steigend. "Je früher internetbasierte Spiele und Medien für Jugendliche verfügbar sind und schon ins Kinderzimmer einziehen, desto mehr ist zu erwarten, dass die Zahlen weiter zunehmen", erläuterte Kiefer. Da es keine Normen für Internetnutzung gebe, herrsche bei Eltern große Unsicherheit, so Kiefer gegenüber der deutschen Presse-Agentur.

Schlechte Noten, Rückzug und Kontrollverlust
Die Kriterien für Internetsucht ähneln denen einer Alkohol- oder Drogensucht. Ausschlaggebend ist aber nicht die Zeit vor dem Bildschirm: Bei Abhängigen treten starke negative Konsequenzen durch Online-Spiele oder das Surfen in sozialen Netzwerken auf, die sie wie angefixt in Kauf nehmen oder ausblenden. Betroffene lassen zum Beispiel in der Schule nach, ziehen sich von Familie und Freunden zurück und verlieren die Kontrolle, wie Falk Kiefer erläutert. "Es funktioniert meist nicht, nach einer Stunde den Rechner wieder auszumachen."

"Frühzeitig mit Betroffenen reden und Grenzen aushandeln"
Anders als bei Alkohol etwa fehlten aber Effekte wie Trunkenheit, die das Umfeld auf das Problem aufmerksam machen, beobachtet Kiefer. Entsprechend spät kämen Jugendliche und ihre Eltern in Beratungsstellen. Gerade Mädchen, die sich in sozialen Netzwerken verlieren, würden noch viel zu wenig erreicht. Kiefer hofft darauf, dass sich mehr Betroffene im Zweifelsfall früh Hilfe suchen: "Man kann zeitweise ein problematisches Verhalten haben, aber es muss nicht in eine Sucht hineinlaufen. Es ist entscheidend, frühzeitig mit Betroffenen zu reden und Grenzen auszuhandeln."

Wenn Jugendliche bemerkten, dass sie eigene Vorsätze wie eine gewisse Spieldauer pro Tag nicht einhalten können, sei das ein Ansatz, ins Gespräch zu kommen. Entscheidend sei, dass die Verhaltensänderung nicht verordnet, sondern nachvollziehbar und mit positiven Konsequenzen verbunden ist.

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