18.09.2016 19:20 |

Hex, hex - sechs ex!

Porsche 718 Boxster: Fluch und Segen der Vier

Harte Zeiten für traditionell veranlagte Autofans, nun hat's auch das Zuffenhäuser Brüderpaar Boxster/Cayman erwischt. Mit dem Facelift zur Modellhalbzeit verschwanden zwei Zylinder aus der Brennkammer hinter den beiden Sitzen, was bleibt, sind ein Vierzylinder und der neue zweite Nachname "718". Aufschreie hört man hie und da, verständlich. Aber der Motor ist stärker denn je, und es gibt eine Vier, die mich persönlich viel mehr stört - und die hat nichts mit dem Antrieb zu tun.

Der erste Vierzylinder-Boxer, den ich besessen habe, war zugleich mein erstes Auto: VW Käfer 1302, 34 PS. An den muss ich denken, als ich den Boxster zum ersten Mal starte und losfahre. Nicht dass er klänge wie mein seliger, himmelblauer Käfer mit dem Snoopy auf der Motorhaube, aber zum Erinnerungsflash reicht es.

Man hat, was den Sound betrifft, zwei Möglichkeiten. Möglichkeit a): Man vergleicht den aktuellen Motor mit dem sechszylindrigen Vorgänger und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, weil die Schwaben diesen herrlichen Klang aufgegeben haben. Möglichkeit b) Man nimmt den aktuellen für sich und urteilt ohne Vergleich. Das kann einem dann noch immer gefallen oder nicht, aber er hat immerhin eine Chance.

Zum Selber-Beurteil-Hören: So klingt der aktuelle Vierzylinder-Boxer

Was der Boxster mit dem Vierzylinder-Boxer nämlich endgültig nicht mehr ist, ist ein Hausfrauenauto, als das die Mittelmotorbaureihe noch immer irgendwie verschrien ist (ungeachtet dessen, dass viele inzwischen vom eigentlich wahren Porsche sprechen, jedenfalls beim Coupé). Das Hausfrauenimage führt ausgerechnet der neue Sound ad absurdum. Zu böse, zu roh, zu grobschlächtig, zu böse klingt das jetzt. Da knattert das Feuerwerk, wenn man vom Gas geht (jedenfalls im Sportmodus), alles klingt irgendwie ungewaschen, rotzig, ungehobelt. So kann man nicht mit einer Dame ausgehen.

Wohl aber mit dem Herrn auf die Piste, und wie! Eine Runde auf der Hausstrecke und man weint dem alten keine Träne mehr nach, wenn es ums Fahren geht. Denn faktisch kann der Kleine mit seinen 2,5 Liter Hubraum alles besser als der Vorgänger mit 3,4 Liter. Die S-Version kommt jetzt auf 350 PS und 420 Nm statt auf 325 PS und 370 Nm (die erst bei 4500/min. anlagen - statt bei 1900!).

Bevor ich hier ein Klischee zu weit strapaziere: Selbstredend kann das auch Benzinschwestern Spaß machen, zart besaitet sein dürfen sie halt nicht. Ob Dame oder Herr - wer auf die Tube drückt, schießt diese 1430 kg Auto (mit Doppelkupplungsgetriebe und Sport-Chrono-Paket) in 4,2 Sekunden auf Tempo 100 und kann anschließend testen, ob die Frisur bei 285 km/h hält.

Volle Kraft voraus gilt jetzt schon von unten heraus, wobei im mittleren 2000er-Bereich schon nochmal was nachschiebt. Nach oben geht es bis über 7000 Touren, es darf also noch immer fleißig gedreht werden. Am liebsten mit gedrücktem Knöpfchen im Manettino am Lenkrad (= der Fahrmoduswahlschalter). Der Knopf schaltet alle Systeme vom Getriebe bis zur Gaskennlinie für 20 Sekunden auf volle Attacke und lässt einen Countdown am Armaturenbrett erscheinen. Die Drehzahl geht rauf und wenn dann der Gasfuß plötzlich auf dem Bodenblech steht, ist man schneller vorbei, als man hasta la vista, baby sagen kann.

Interessant ist, dass man dabei, anders als beim Porsche 911 Cabrio, den auch hier neu eingeführten Turbolader (mit variabler Geometrie) nicht pfeifen hört.

Weil wir gerade schnell unterwegs sind: Man kann bei relativ zügiger Fahrt sogar das Verdeck öffnen oder schließen. 50 km/h sind keinerlei Hindernis und in weniger als 9 Sekunden ist der Vorgang auch schon beendet.

Anlass für den tiefen Eingriff in den Antrieb ist der Verbrauch. 7,3 l/100 km sagt das Datenblatt, der Bordcomputer attestiert bei Testende jedoch 9,5 Liter. Was absolut in Ordnung geht, aber logischerweise kann der Gasfuß diesen Wert locker nach oben kicken.

Es fällt gar nicht so leicht, nicht jenseits der Legalität unterwegs zu sein, denn Fahrwerk und Lenkung wurden nochmals verbessert. Und das will man am liebsten ständig auskosten, mit einem fetten Grinser im Gesicht. Kein Wunder, dass schon der Vorgänger als Referenz für manch anderen Hersteller diente.

Alles gut also beim neuen Boxster? Jein. Die Vier, die mich stört, ist das Tagfahrlicht, das jetzt aussieht wie im 911er: vier LED-Punkte in jedem Scheinwerfer, angeordnet wie auf einem Würfel. Wenn ich könnte, würde ich dazu passend wieder einen Snoopy auf die Motorhaube kleben. Geht aber nicht - der Boxster besitzt weiterhin keine Motorhaube, sondern vorn wie hinten einen Kofferraumdeckel (150 plus 125 Liter). Den optischen Vergleich kann also nur die Werkstatt anstellen.

Preis Porsche 718 Boxster S: ab 80.000 Euro, Preis des Testwagens inkl. Extras 103.600 Euro.

Warum?

  • Optisch schön weiterentwickelt
  • Der Vierzylinder performt deutlich besser

Warum nicht?

  • Traditionalisten stellen sich lieber den (gerne auch gebrauchten) Vorgänger in die Garage.

Oder vielleicht …

… reicht doch der 300-PS-Boxster ohne S. Sonst vielleicht Audi TTS/TTRS, Mercedes-AMG SLC 43

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