"Stadium Arcadium"

Astronomisch guter Rock

Musik
08.05.2006 13:08
Wenn man die Fans fast vier Jahre auf ein neues Studioalbum warten lässt, dann greift man besser gaaaanz tief in die Tasche und bringt vorsichtshalber gleich doppelt soviel Material raus. Wer das macht? Yes, die Red Hot Chili Peppers! 28 neue Songs auf zwei CDs aufgeteilt und mit „Stadium Arcadium“ betitelt, damit’s dann wieder für eine Weile reicht. Das neue Album der Band wird schon jetzt von vielen als DIE Rock-Platte des Jahres 2006 geadelt – mal sehen, ob es wirklich so gut ist...
(Bild: kmm)

Anthony Keidis, Chad Smith, John Frusciante und Flea sind – wenn man U2 schon zum alten Eisen zählt – die Johns, Pauls, Georges und Ringos des 21. Jahrhunderts. Und das ziemlich unangefochten: Sieben Alben, acht Nummer-Eins-Singles, Top-Model-Girlfriends und Alkohol- und Drogenexzesse, bei denen mehrere Bandmitglieder schon kurzzeitig den Heiligenschein überm Haupt schweben sahen...

Mammut. - Nach vier langen Jahren ohne Studioalbum haben die Chili Peppers nun mit „Stadium Arcadium“ – für ihre Maßstäbe – ein regelrechtes Mammut-Werk herausgebracht. Die astronomisch angehauchte Platte setzt sich aus zwei CDs mit Namen „Jupiter“ und „Mars“ zusammen. Insgesamt finden sich 28 (!) Songs auf dem Album.

PR. - Die Single „Dani California“ läuft ja schon seit ein paar Wochen durch die Musikmedien. Allerdings: begeistert hat sie bislang noch nicht wirklich. Relativ untypisch für die Band war auch der Auftritt bei Stefan Raabs „TV Total“, der a) ganz sicher nicht zu ihren besten Performances gezählt werden kann und b) kam es irgendwie komisch rüber, die vier „Alternativos“ auf der Raab’schen Promotioncouch zu sehen.

Wurscht. - Nach intensivem Genuss von „Stadium Arcadium“ sind alle Ängste – auch die, dass sich die Red Hot Chili Peppers verweichlichen ließen – wie aufgeputzt und weggewischt. Das Album ist nämlich grandios. Grandios in dem Sinn, dass die Band nicht irgendwelche Experimente gedreht hat, sondern ihr Ding auf 28 Songs geradewegs durchzieht. Die Platte schließt vom Gesamteindruck sogar eher an das vorletzte Studioalbum „Californication“ aus dem Jahr 1999 als an den letzten Longplayer „By the way“ an, es lebt aber auch der Geist von alten Hadern wie „Give it away“ in ihr.

Single-Fehler. - Die erste CD „Jupiter“ beginnt mit der Single „Dani California“ – angesichts des restlichen Materials, einer der schlechtesten Songs auf dem ganzen Album und als Single eine glatte Fehlentscheidung. Aber das sei ihnen verziehen, wenn gleich die zweite Nummer „Snow“ einen wesentlich besseren Repräsentanten für „Stadium Arcadium“ abgegeben hätte: John Frusciante fidelt, Fleas Bass drückt wie eh und je – so soll es sein.

Mit Songs wie „Charlie“ oder auch der temporeichen Nummer „Hump de Bump“ geht’s funkig her. Anthony Keidis treibt hier seine Wortsalat-Shouting-Späße und man hört Fleas Finger förmlich brechen. Der Mann ist wirklich eines der größten Schweinderl auf einem E-Bass – nämlich unerhört gut!

Knabenchor. - Ruhige und betonte Stellen gibt’s à la „Road trippin’“, der starken Acoustic-Single von Californication. Bei „Slow Cheetah“ packt John Frusciante die Westernschrammel aus und es geht mal richtig gemächlich zu. Gesanglich finden sich, im Gegensatz zu früher, mehrstimmige Parts in fast allen Songs wieder. Das kann man mögen oder auch nicht. Frusciante, der sonst eher wortlos agiert, bekam auf „Stadium Arcadium“ jedenfalls deutlich mehr Vocal-Parts zugeteilt.

Sechs Saiten. - Chad Smiths erster großer Auftritt kommt mit „Torture Me“, hier darf der fast zwei Meter große Trommelriese so richtig in die Felle klopfen. Aber auch Bassist Flea malträtiert seine Instrument bis zur Schmerzgrenze. Bei John Frusciante hingegen hört es sich fast so an, als hätte er alle sechs Saiten an seiner Gitarre, was bei ihm – in Amerika wird er übrigens als einer der genialsten Band-Gitarristen aller Zeiten gepriesen – gar nicht so selbstverständlich ist.

Besser, schlechter... anders. - Kurz vor Schluss des ersten Streichs packen die Chili Peppers mit „C’mon Girl“ ihren markanten 16tel-Beat aus. Die „Jupiter“-CD klingt mit den letzten zwei Songs „Wet Sand“ und „Hey“ aber ausgesprochen ruhig aus. Nach dieser ersten Dosis steht fest: das Album ist auf jeden Fall besser als „By the way“. Ob es an den Durchbruch „Blood, Sugar, Sex, Magic“ herankommen kann... na ja.

Gimme some text. - Auf der zweiten Platte „Mars“ befindet sich die kommende Single „Tell me baby“, die einem typischen Chili-Peppers-Song absolut gerecht wird. Anthony Keidis beschert dem Hörer wieder seine abartigen Rap-Parts. Insgesamt bleibt’s aber melodiös und eigentlich auch Chart-tauglich.

Gleich darauf folgt mit „Hard to Concentrate“ die ruhigste Nummer des ganzen Albums. Anthony Keidis sing hier, von Sternenkonstellationen und mikroskopisch kleinen Zellen inspiriert, ein Liebeslied der extravaganten Sorte.

Kryptisch. - Die Inhalte auf „Stadium Arcadium“ werden eigentlich immer als Metapher aufgerollt. Direktheit war sowieso nie eine Eigenschaft der Bandlyrics. So kommt es auch vor, dass Anthony Keidis eine wichtige Lebensentscheidung einer Song-Figur auf eine Verwirbelung in einem Teehäferl herunter bricht. In „Storm in a teacup“ geht’s um ein Mädchen, so viel steht fest: „You try to be a lady, but you’re walkin’ like a sour kraut!“ Sehr fein. „Mom and Dad take your don’t-be-sad-pill“, lautet wiederum eine Zeile in „21st Century“, wo die Chili Peppers der Welt auf ihre höchsteigene Weise ein kleines Feedback geben.

Summa summarum. - Die Platte ist gelungen und stundenlanges Zuhören auf jeden Fall wert. Jetzt muss die Band nur noch über den großen Teich schippern und in Österreich spielen, denn live sind die Jungs noch mal um einiges hörenswerter!

9 von 10 astronomischen Chilischoten

In der Infobox findest du den Link zu einem Promo-Video, dass einen kleinen Vorgeschmack zum Album bietet. Hörproben zum Album gibt es leider keine. Die Single "Dani California" kann man sich auf der RHCP-Homepage allerdings in voller Länge reinziehen.


Christoph Andert

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