Drei Schwestern aus Mexiko lernen in der Kindheit Klavier, spielen auf der PlayStation „Rock Band“ und werden dabei vom Rock‘n‘Roll-Virus infiziert. Keine 20 Jahre später erscheint von ihrer Band The Warning das fünfte Studioalbum „Everything‘s Falling“ und man gilt als eine der zukunftsträchtigsten Rockbands weltweit. Was ist da passiert? Die Schwestern geben am besten selbst Auskunft.
Ob man sie mag oder nicht – die Geschlechterquotendiskussion auf Festival-Billings ist nicht mehr wegzudenken. Besonders dick erwischt es dabei gerne die Großveranstalter, wo im Gesamt-Tableau genau herausgerechnet wird, wie viele Flinta-Personen eigentlich an einem ganzen Wochenende auf dem Line-Up platziert sind. Je härter die Musik, umso rarer der Frauenanteil auf und abseits der Bühne. Das ist einerseits schlichtweg ein unumkehrbarer Fakt, andererseits könnte man freilich ein bisschen mehr darauf achten und die Diversität erhöhen. Beim Nova Rock 2025 wurde der Schnitt schon durch die Teilnahme von The Warning deutlich verbessert. Die Band aus dem mexikanischen Monterrey besteht aus den drei Schwestern Daniela, Paulina und Alejandra Villarreal Vélez und legte ein astreines Set auf den burgenländischen Acker.
Schwerer Weg an die Spitze
Auf eine Einzelshow müssen wir weiterhin warten, die aktuelle Tour geht, wie so viele andere auch, an österreichischen Auftrittsorten vorbei, dafür kann man sich am bereits fünften Studioalbum „Everything’s Falling“ laben. Gut zwei Jahre nach dem endgültigen Durchbruchsalbum „Keep Me Fed“ lag die Latte hoch. Die Songs mögen nicht alle so zünden wie damals, mit Tracks wie dem Opener „Ritual“, „Why Do You Like It When I Cry?“ oder „Bloodsport“ braucht sich das engagierte Trio aber nicht vor der eigenen Vergangenheit verstecken. Schlagzeugerin Paulina gab unlängst bekannt, dass sich das Album relativ konzeptionell um die Einsicht von Fehlern und daraus gelernte Konsequenzen dreht. Um den konstanten Kampf als Mensch, besser zu werden und sich dabei nicht von sich selbst und anderen Menschen dabei behindern zu lassen.“ Man kann sich ausrechnen, dass der Weg an die Rockspitze als Schwesterntrio in einem chauvinistischen Geschäft nicht immer einfach war.
Der Weg auf die Bühne war The Warning früh vorgegeben. Die Eltern ermöglichten allen drei eine klassische Klavierausbildung und forcierten den Wunsch, daneben auch Gitarre, Bass und Schlagzeug zu erlernen. Die klassische Musik war ein wichtiger Begleiter in der musikalischen Früherziehung. „Ein Teil eines Orchester-Ensembles zu sein wäre tatsächlich spannend und interessant“, lacht Sprachrohr Paulina im „Krone“-Interview, „aber der Rock’n’Roll hat ziemlich schnell von uns Besitz ergriffen. Aber weiß Gott – vielleicht treffen wir uns in 30 Jahren wieder und du besprichst mit uns ein gelungenes Klassik-Konzert nach einem schönen Termin in Wien.“ The Warning besingen in ihren Liedern durchaus ernste Themen, die meist mit voraustrabender Rockmusik gekoppelt ist. „Wir haben eine relativ ausgeprägte Sensibilität für poppige Melodien, die wir in der Rockmusik verknüpfen“, so Alejandra, „manchmal haben wir auch textlich einfach Lust zu rocken, aber eben nicht immer.“
Unterwegs mit den ganz Großen
Die zweite wichtige Schule in der Kindheit war das allseits beliebte Computerspiel „Rock Band“, das den drei Schwestern einige spannende Nächte brachte. Vater und Onkel haben früh Anfragen von Plattenfirmen abgelehnt, das Debüt via Crowdfunding finanziert und sich viel Zeit gelassen, bis man die beim Branchenriesen Republic Records unterzeichnete – der Kontrakt hält übrigens noch immer. „Im Endeffekt war es das Computerspiel, dass die Lust auf Gitarre und Schlagzeug so richtig in uns entfachte. Von dort war klar, dass wir niemals den Retourgang einlegen würden, sondern fokussiert an unserer Karriere arbeiten werden.“ Klassisch beginnt man mit Cover-Songs, bis sich zunehmend eigenes Material in den schreiberischen Kanon einschleicht. Mit Metallicas „Enter Sandman“ erobert man YouTube und sichert sich unglaublich viele neue Fans. Als man die Pandemie überstand, kam auch das Live-Geschäft ins Rollen. Man tourte mit Muse, den Foo Fighters und Halestorm und eröffnete in der Heimat Monterrey eine Show für Guns N‘ Roses. „Einen Plan B hatten wir nie“, sagt Daniela selbstbewusst, „wir und unsere ganze Familie haben 150 Prozent in diese Band gesteckt. Von Anfang an. Es war klar, dass wir keine Abstriche machen würden.“
Drogenprobleme, Sexismus, häusliche Gewalt, Isolation und ein ganzes Konzeptalbum über Psychosen („Queen Of The Murder Scene“) prägen die noch junge, aber sehr erfolgreiche Karriere des mittelamerikanischen Trios. „Es gibt in der Welt er Musik so viel zu entdecken und zu erfahren und wir sind immens hungrig und neugierig. Wir lieben es, mit Menschen aus anderen Genres Songs zu schreiben, mit Ideen zu jonglieren und dabei dazuzulernen. Wir können genauso mit Alessia Cara einen Song schreiben, als auch mit Halsey auf Tour sein. Die Leute verbinden sich mit dem richtigen Vibe und den spürt man.“ Das jüngste große Highlight vor der Albumveröffentlichung war eine Tour mit dem allseits beliebten Jungstar Yungblud. Im Zuge dessen kollabierte Schlagzeugerin Paulina zu Sommerbeginn in Münster woraufhin die „hard working girls“ erstmals ein paar Shows abbrechen mussten. Obwohl man gebetsmühlenartig beteuert, aus der Live-Überbelastung der Vergangenheit gelernt zu haben, wirkt der Plan noch immer übertrieben.
Gemeinsame Weiterentwicklung
Seit mittlerweile vier Jahren zeigt die Karrierekurve der mexikanischen Schwestern steil nach oben. „Das Musikbusiness ist eine interessante Welt“, erklären alle drei unisono, „man lernt ständig dazu und versucht aus Fehlern zu lernen, aber irgendetwas stellt sich einem immer in den Weg. Die technischen Aspekte und Hilfsmittel entwickeln sich in einer Geschwindigkeit, mit der man als Mensch nicht mehr und sich weiterzuentwickeln.“ Auch das Songwriting steht stabil auf dem Fundament dreier verschiedener Familienpfeilern und bekommt dadurch eine ganz besondere Farbe. „Jede schreibt ihre Songs Schritt halten kann. Wir versuchen als Familie gemeinsam durch diese gefährlichen Gewässer zu navigieren. Das ist unserer Meinung nach immer noch die stabilste Variante, um zu überleben für sich selbst, dann geht es damit ins Studio und die Diskussionen und Streitereimöglichkeiten werden stark reduziert. Wichtig ist eine kräftige Portion Liebe, vermischt mit Toleranz. Solang davon genug vorhanden ist, wirkt sich das positiv auf Ausstrahlung und Liebe aller Beteiligten aus. The Warning erobern die Rockwelt mit Motivation und Empathie – nicht die schlechteste Taktik.
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