ServusTV on überträgt heute Abend ab 18.45 Uhr das NFL-Football-Pre-Season-Topspiel Indianapolis Colts gegen die Detroit Lions. Es ist dies bereits der dritte Schlager, den der Fuschler Privatsender überträgt. Kommentiert wird das Duell von Kommentatoren-Legende Christopher D. Ryan, der uns im „Krone“-Talk Einblicke in sein durchaus nerdiges Leben gibt.
„Krone“: Christopher, was bedeutet das für die Sportart Football, wenn ein Sender wie ServusTV verschiedene Spiele der NFL überträgt?
Christopher D. Ryan: Es ist ein positives Signal. Aktuell findet die Wachstumssportart Football mit wenigen Ausnahmen hinter einer Paywall oder bei deutschen Sendern statt. ServusTV setzt mit den Pre-Season-Spielen der Detroit Lions ein kleines Zeichen, dazu gibt’s ja alle AFLE-Partien der Vienna Vikings bei Red Bull TV und der ORF zeigt die heimische AFL. NFL Regular Season/Playoffs/Super Bowl? Das war mal.
Die Beliebtheit des Sports nimmt hierzulande ständig zu. Woran liegt das und wie hat sich das Football-Fieber über die Jahre gesteigert/verändert?
Viele Faktoren. Sportlich haben die Spitzenklubs in Österreich – primär Vikings und Raiders – gemeinsam mit dem AFBÖ seit den 90er-Jahren tolle Arbeit geleistet. Eurobowl-Siege und Junioren-EM-Titel in Serie, Vikings-ELF-Titel bei der ersten Teilnahme an einer europäischen Profiliga, zuletzt zwei überfällige, hochverdiente EM-Titel des Nationalteams.
Welche Bausteine bzw. Ereignisse waren in Österreich besonders wichtig, um den Football-Sport verstärkt ins Rampenlicht zu bringen? Gab es dafür ein paar ausschlaggebende Ereignisse, die dir ad hoc einfallen?
Siehe oben: die Erfolge der österreichischen Teams, kombiniert mit der breiteren und auch hochqualitativen Präsenz in heimischen Medien. Da wie dort waren viele positiv „Verrückte“ erfolgreich am Werk. Persönlich habe ich zwei Erinnerungen. Den Sieg der Vienna Vikings im Eurobowl-Semifinale Anfang des Jahrtausends auf der Hohen Warte gegen die Bergamo Lions – damals über 60 Spiele unbesiegt. Das Ganze in der Overtime, dank verpasstem Extrapunkt der Italiener. Ich hatte am Ende keine Stimme mehr, obwohl ich danach erst eine Zusammenfassung kommentieren musste.
Dann meine erste Super-Bowl vor Ort in San Diego: ultraspannend, Underdog-Erfolg der Denver Broncos mit dem 36-jährigen, bis dahin titellosen Quarterback John Elway, die den hohen Favoriten, die Green Bay Packers, entthront haben. Nach intensiver Vorbereitung und noch intensiverem Erlebnis war ich leer - und bin beim Abendessen am Tisch eingeschlafen. Ich denke, solche Spiele und Eindrücke haben sich über Jahre auch bei Sportfans eingeprägt, die bis dahin keine Ahnung von Football hatten. Bis heute erzählen mir Fans, dass sie in dieser Zeit vom „Virus“ Football-Begeisterung angesteckt wurden.
Was macht Football eigentlich zu so einem beliebten und auch boomenden Sport? Was ist deiner Meinung nach die besondere Magie des Sports, die sich Europäern vielleicht gar nicht immer so schnell erschließt?
Die Sportart fasziniert sowohl Menschen, die physische Dynamik und spektakuläre Action lieben, als auch solche, die auf nerdige Strategie stehen – und dazu kenne ich keine Liga, die so viele außergewöhnliche Storys gebärt wie die NFL. Football ist einfach cool – auch dank der „Gamedays“ in Österreich oder dank des „Tailgating-Erlebnisses“ in den USA. Meist fühlen sich junge, tendenziell intelligente/gebildete Menschen angesprochen. Wer einmal eintaucht und die Hemmschwelle des komplizierten Regelwerks überwindet, kommt meist nicht mehr los.
Und spielt womöglich Fantasy Football – Vorsicht: Suchtgefahr! In meiner Community gibt’s einige, die in mehr als 30 Ligen spielen. Mir reichen vier – meinen Zeitaufwand zwischen September und Jänner will ich lieber nicht berechnen.
Was bedeutet das für dich als Kommentator? Wie viel Fachwissen darf man voraussetzen und in welcher Art und Weise muss/kann man ein Spiel aus deiner Position heraus begleiten?
Ganz ehrlich: mit meinem ersten Super-Bowl-Kommentar war ich nur emotional happy. Fachlich war ich damals noch inferior. Geniale Herausforderung; man lernt nie aus. Football entwickelt sich ständig, und zwar ultraschnell – siehe Strategie: Es ist allen Ernstes ein mental gefinkeltes, zugleich physisches Schachspiel zwischen Offense und Defense. Jede Entwicklung führt blitzschnell zu einer Gegenreaktion.
Das Niveau hinsichtlich des Fachwissens ist bei Fans und natürlich Kommentatoren dramatisch höher als zu meiner ORF-Zeit. Aber Spiel ist nicht gleich Spiel. In der Pre-Season, so wie jetzt bei ServusTV, sehen primär Hardcore-Fans zu – da können mein begnadeter Experte Sandro Platzgummer und ich so richtig nerdig sein. Bei einer Super Bowl will und muss ich auch die vielen Zuschauer ansprechen, die Football nur einmal im Jahr sehen und vielleicht mehr an der Halftime-Show oder an den Werbespots interessiert sind.
Was immer gilt: Ich muss das richtige Maß an Kompetenz, Storytelling, Entertainment/Humor und Emotion erwischen. Gerade in Deutschland wird meines Erachtens zu oft der flotte, aber vielfach flache Spruch priorisiert, der womöglich ein paar Social-Media-Klicks mehr bringt.
Du bist geborener Kanadier und hast dort auch deine ersten Lebensjahre verbracht. Hat das deine Liebe zum Football bereits sehr früh geprägt oder entstand die später?
Nicht direkt. Damals, als Kind, war Eishockey die klare Nummer eins. Aber ich bin ein recht internationaler Mensch, habe ja auch in England gearbeitet. Mich begeistern viele Sportarten, natürlich auch amerikanische. Und ich vergleiche gerne, wie Sport in verschiedenen Ländern präsentiert wird. Man kann überall lernen und auch einiges kopieren oder adaptieren, wenn man ein Gespür dafür hat, wie die Zuschauer im eigenen Land ticken – auf Neudeutsch: know your audience.
Mit Bernhard Raimann haben wir einen Österreicher als Top-Star in der NFL. Wie hast du seine Entwicklung verfolgt und was bedeutet das wiederum für den Sport?
Ich habe ihn so richtig verfolgt, als er im College seine Position gewechselt hat – und als Offensive Tackle unglaublich schnell zu einem NFL-Kandidaten wurde. Ich habe 2022 in einem Podcast den historischen Moment mitkommentiert … Bernhard wurde ja als erster Österreicher gedraftet. Seine Position ist für die breite Öffentlichkeit nicht so leicht einzuschätzen wie jene der Skill Player – Quarterbacks, Running Backs, Wide Receiver. Aber die Indianapolis Colts würden ihm nicht 100 Millionen Dollar über vier Jahre zahlen, wenn sie nicht um seinen Wert wüssten.
Außerdem ist Bernhard ein unheimlich sympathischer Kerl, der - ähnlich wie NBA-Star Jakob Pöltl – seine Erfahrung in der Heimat weitergibt. Er war ja kürzlich wieder in Wien. Beim Training mit dem Austro-NFL-Star war die Begeisterung der Kids überbordend. Und vor allem: jeder junge Footballer in Österreich weiß jetzt: es ist möglich! Es ist kein illusionärer Tagtraum. Der Sprung in die NFL ist möglich – ebenso wie der Sprung in die NBA, natürlich auch in die NHL. Zudem gab und gibt es andere, die zumindest auf den „Practice Squads“ NFL-Erfahrung gesammelt haben: Der schon erwähnte Sandro Platzgummer, Bernhard Seikovits (aktuell bei den Vikings, demnächst als Pionier in Japan) und aktuell Valentin Senn bei den Arizona Cardinals. Er ist Offensive Tackle wie Raimann.
Wie kann man denn die Leistung Raimanns für die Österreicher vergleichbar darstellen? Welche Leistung ist das und wie kann man sie bewerten oder messen?
Nicht leicht. Ich versuche es so: Die NFL ist klar die beste Liga des Planeten – und zwar um Welten. Ob Kanada, Europa oder Japan – alles nicht vergleichbar. In der NFL sind die besten 2000 Footballer der Welt. Raimann ist auf seiner Position einer der zehn bis zwölf besten – in der NFL, somit weltweit. Als Österreicher. Das ist eine Sensation in einer komplett US-dominierten Sportart. Ich bemühe mich um Vergleiche in weltumspannenden Sportarten: David Alaba war eine Zeit lang Top-10 auf seiner Position. Sepp Straka knabbert im Golf zeitweise an einer solchen Weltranglistenposition. Wir hatten Tennisspieler in den Top-10. Dort reiht sich Bernhard Raimann ein - in jener Sportart, die in den USA einsam und allein die Nummer eins ist, in der zu annähernd 99 Prozent nur Amerikaner spielen.
Was waren deine größten Höhepunkte als Football-Fan und -Kommentator? Welche Momente bleiben dir besonders unvergessen?
Die schon erwähnten Spiele waren emotional top. Einige weitere Super Bowls waren ähnlich dramatisch – auch meine zwölfte und letzte: Pittsburgh Steelers gegen Arizona Cardinals Anfang 2009. Natürlich „muss“ ich beim Kommentieren neutral sein – aber insgeheim halte ich meist zu den Underdogs. Damals zu den Cardinals mit einem meiner Lieblingsspieler, Quarterback Kurt Warner, über den ja sogar ein Film gedreht wurde („American Underdog“). Leider haben die Cardinals in letzter Sekunde verloren – aber spannend war’s allemal.
Du moderierst das Spiel mit Sandro Platzgummer, der ebenfalls als Profi in der NFL tätig war. Wie legt ihr – nach bereits zwei gemeinsam absolvierten Spielen – die Moderation an? Wie ergänzt ihr euch und welche Rollen bekleidet wer?
Wir haben ja schon im Vorjahr drei Spiele kommentiert. Inzwischen sind wir, denke ich, relativ gut eingespielt. Meine Rolle als „Play by Play”-Kommentator ist es, die Basis zu legen – natürlich das Spiel zu kommentieren und zu moderieren, die wichtigsten Storylines anzusprechen. Man findet gerade in der NFL unfassbare, manchmal bizarre Storys über Spieler und Coaches – ich war immer schon ein fast obsessiver Vorbereiter. Außerdem werde ich wohl meinen Ruf, viele Geschichten über Zahlen und Statistiken aufzubauen oder zu unterlegen, nicht mehr los …
Sandro ist ein kongenialer Partner. Er bringt Wissen und Erfahrung aus drei Jahren bei den New York Giants mit, aber auch aus einer langen, erfolgreichen Karriere in Europa, gekrönt mit dem EM-Titel im letzten Herbst. Er erkennt fast alles blitzschnell, sagt oft Spielzüge vorher und kann auf extrem hohem Niveau analysieren. Außerdem hat er einen Super-Humor – das ist mir auch wichtig. Die Zuschauer spüren sicher, dass wir Spaß haben – wir wollen sie bestmöglich informieren UND unterhalten. Wichtig ist, dass der Experte Platz hat, um zu brillieren – im Idealfall liefere ich den Assist, Sandro verwertet. Und ihm gehören natürlich die meisten Zeitlupen – wenn ich da durchquatsche, habe ich die Rollenverteilung missverstanden und stelle mich in den Mittelpunkt.
Du wurdest als erster österreichischer Medienvertreter in die „Österreichische American Football Hall Of Fame“ aufgenommen – was genau bedeutet das im Allgemeinen und welchen Wert hat das für dich persönlich?
Dafür gibt’s fast keine passenden Worte. Eine Riesenüberraschung, eine Riesenehre. Ich habe keine Sportart professionell betrieben – wer rechnet schon damit, als Medienmensch in eine Hall Of Fame gewählt zu werden? Natürlich schön auf meine alten Tage‘, dass die leidenschaftliche Arbeit für Football in Österreich wertgeschätzt wird. Und zugleich ist es Anerkennung für die vielen Wegbegleiter im Verband, in den Klubs und im ORF – das klingt immer nach Klischee, aber Projekte sind immer Teamleistung. Nur ein Beispiel: auch wenn ich die Idee initiiert hatte – ohne den Support des späteren Sportchefs Hans-Peter Trost hätten wir nie die NFL übertragen, schon gar keine zwölf Jahre lang.
Die NFL expandiert längst nach Europa und trägt auch dort ihre Spiele aus. Wird sich das in Zukunft noch häufen und lässt sich das Produkt noch viel stärker expandieren?
Kurz ein kritischer Blick zurück. Die NFL hat mehr als 20 Jahre, praktisch eine Generation, in Europa verschleudert. Für Flag Football in Schule gab’s vor einem Vierteljahrhundert Support – damit hätte man eine Generation von Footballfans, teils auch -spielern entwickeln können. Der Support wurde eingestellt.
Die NFL Europe war sicher teuer, hat aber in Deutschland an manchen Standorten großartig funktioniert – mit 40.000-50.000 Zuschauern. Was hat die NFL gemacht? NFL Europe zugesperrt, dann Totalfokus auf den britischen Markt, obwohl das Football-Interesse in Deutschland weit, weit größer war. Inzwischen hat man das endlich erkannt. Dieses Jahr gibt’s neun internationale Spiele auf vier Kontinenten – sechs davon in Europa. Die NFL wächst zwar auch in den USA weiter (siehe Medienrechte) – aber globale Expansion ist inzwischen Priorität. Ich erwarte in den nächsten Jahren bis zu 16 internationale Spiele – sprich: eines für jedes der 32 Teams. Europa wird der Schwerpunkt bleiben.
NFL-Commissioner Roger Goodell hat dieser Tage erklärt, dass er internationale Teams für realistisch hält. Ich sehe das mittelfristig nur unscharf – zu viele logistische Hürden. Außer man denkt ganz groß und führt eine Europa-Division mit vier Teams. Aber: Dieser Tage habe ich bei einer US-Sport-Talk-Show gehört: wie soll man amerikanische Spieler überzeugen, mit ihren Familien nach Europa zu übersiedeln? Ich will jetzt nicht mit politischen Statements beginnen – aber das sagt alles über die Ignoranz vieler Amerikaner über die Lebensbedingungen in Europa, von den aktuellen geopolitischen und wirtschaftlichen Spannungen ganz zu schweigen.
Worauf man aber wetten kann: Football wird in Europa weiter wachsen, immer populärer werden – und zwar flott. Dazu trägt natürlich auch Flag Football mit Olympia 2028 bei. Das ist für die Verbreiterung immens wichtig. Ebenso wichtig wäre es, dass die (Halb-) Profiligen in Europa nicht gegeneinander arbeiten, sondern die Kräfte bündeln. Wäre auch ein starkes Standbein für europäisches Wachstum. Und wenn man das Wachstum wirklich beschleunigen und nicht deckeln will, empfehle ich möglichst viel NFL ohne Paywall – und zwar möglichst in jedem Markt, damit die Liga marktgerecht abgebildet wird. Das bremst im Moment auch und gerade in Österreich.
Wie geht es bei dir selbst mit deiner Football-Kommentatorenkarriere weiter?
Kurzfristig freue ich mich vor allem auf das deutsch-österreichische Duell Amon-Ra St. Brown gegen Bernhard Raimann im letzten Pre-Season-Spiel der Detroit Lions gegen die Indianapolis Colts (Samstag ab 18.45, Servus TV ON). Nächstes Jahr haben wir noch einmal die Lions im Angebot.
Ansonsten gibt’s keine Pläne, die mir bekannt sind. Angesichts meiner Football-Passion wär’s cool, wenn sich etwas ergäbe. Aber ich kommentiere mit Begeisterung weiter Mountainbike-Highlights bei Red Bull TV. Ansonsten habe ich mein Leben so aufgestellt, dass ich – auch nachts – kaum ein NFL-Spiel verpasse und auch viel College Football verfolge. Und natürlich wollen meine Fantasy-Teams gemanagt werden. (lacht)
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