Erneut präsentierten die Bregenzer Festspiele eine beißende Kritik an den digitalen Entwicklungen – diesmal mit dem Musikstück „YUM!“ von Wen Liu. Am Donnerstag wurde auf der Werkstattbühne Premiere gefeiert.
Es gab einmal eine Zeit, da schwammen in den Seen, Flüssen und im Meer noch Fische, die die Menschen verzehrten. Und es gab Wälder, in denen geschmackvolle Pilze wuchsen, und Bauern, die Tiere hielten. So oder ähnlich könnten die Menschen erzählen, die zur Zeit des Stückes „YUM!“ leben werden.
Doch die Schöpferin dieser satirischen Oper, Wen Liu, zeigt uns nur sie Spitze dieser Menschheit, deren VVVIPs. Sie versammeln sich am Tisch der Madame D (Johanna Rusanen), um die erlesensten Speisen zu kosten: einen Bluefin Otoro, ein Bressehuhn mit weißen Trüffeln oder einen Albino Lobster. Diese Speisen sind aber eine gallertartige Masse, und den Geschmack spüren die Gäste nur mittels einer Spezialmaske.
Diese wiederum verleiht Madame D an jemandem Auserwählten. Zuerst der Popsängerin Nyra (Emmi Kauppinen), dann dem Influencer Luka (Adrien Autard). Als dann der Politiker Mr. Kuckl (!) dran wäre, bricht die Realität in diese Fake-Welt ein.
Chaos bricht aus
Ein Nachrichtensprecher meldet, dass die europäischen Städte eine Temperatur von 60 Grad Celsius erreicht haben und die Bewohner evakuiert werden müssen und dass weiters die Küsten wegen des stark steigenden Meeresspiegels nicht mehr bewohnbar sind. Chaos bricht aus, denn das Internet bricht zusammen, und damit die Bedeutung dieser versammelten Celebrities. Doch das Streichquartett spielt unermüdlich, wie damals auf der untergehenden Titanic. Dieses, das in Wien gegründete Quartett Studio Dan mit Sofia Goldinger-Koch und Alyona Maltseva, Violinen, Martina Bischof, Viola, und Maiken Beer, Violoncello, sieht seine Mission weit über die Musik hinaus und passt so zur Aussage dieses Werks der unter anderem in Wien ausgebildeten Künstlerin Wen Liu. Das Stück „YUM!“ war Gewinner beim Wettbewerb FEDORA Digital Prize, wo die Bregenzer Intendantin Lilli Paasikivi in der Jury saß. Wen Liu hat viele Symbole in ihr Werk eingebaut, etwa das Spiel mit dem Buchstaben D.
Jubelndes Publikum
Die bewusst simple Musik umkreist ständig diesen Ton, ob in den Tremoli und Glissandi der Streicher, der Elektronik oder dem karikierend opernhaften Gesang der Protagonisten. Auch Madame D ist da zu nennen. Ihr „D“ steht für Dream, Desire, aber auch für Diktator. Furchtbar kitschig ist das Bühnenbild von Lisa Horvath, das Extended Reality miteinbezieht – schlimme Wahrheiten lassen sich gut und gerne mit Satire und Übertreibung vermitteln. Dem Publikum auf der Werkstattbühne ist bei der Premiere am Donnerstag der Jubel doch nicht im Halse stecken geblieben – und schon gar keine Gräte.
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