Auf dem Nanga Parbat

Als vier Grazer weltweit Alpingeschichte schrieben

Bergkrone
06.08.2026 06:08

Vor 50 Jahren gelang vier Steirern am Nanga Parbat eine Tat für die Ewigkeit, die heute daran erinnert, wie sich das Bergsteigen auf den höchsten Bergen der Welt verändert hat.

Am 11. August 1976 erreichten vier Grazer gemeinsam den 8125 Meter hohen Nanga Parbat-Gipfel – über eine Route, die bis dahin kaum wer für möglich gehalten hatte. Hanns Schell, Robert Schauer, Siegfried Gimpel und Hilmar Sturm schrieben Alpingeschichte.

Heute kennt die Bergwelt diese Linie als Schell-Route – benannt nach Expeditionsleiter Hanns Schell. Und bis heute ist sie die einzige Route auf einem Achttausender, die den Namen eines Österreichers trägt.

Am kommenden Dienstag jährt sich diese außergewöhnliche Leistung zum 50. Mal. Heute stehen an guten Tagen Hunderte Menschen am Mount Everest Schlange. Sauerstoffflaschen, Fixseile, kommerzielle Expeditionen und Sherpa-Teams machen den höchsten Berg der Erde für zahlungskräftige Kunden erreichbar.

Hilmar Sturm, Hanns Schell und Sigi Gimpel am Gipfel. Das Foto machte Robert Schauer.
Hilmar Sturm, Hanns Schell und Sigi Gimpel am Gipfel. Das Foto machte Robert Schauer.(Bild: Robert Schauer)

1976 war die Welt des Höhenbergsteigens eine völlig andere. Damals bedeutete eine Himalaya-Expedition Pionierarbeit. „Nicht der Gipfel allein war das Ziel – sondern eine neue Route“, so Hanns im Gespräch mit der „Bergkrone“.

Wer sich damals auf einen Achttausender wagte, wollte weiße Flecken auf der Landkarte beseitigen. Jede Expedition war ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

Als die vier Grazer Richtung Pakistan aufbrachen, war der Nanga Parbat überhaupt erst fünfmal erfolgreich bestiegen worden. Die Steirer selbst sollten erst die sechste erfolgreiche Expedition werden.

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Die Route war sehr schwer und an den schwierigsten Passagen haben wir Fixseile verwendet. Am Ende standen wir gemeinsam am Gipfel. 

Robert Schauer

Die höchste Steilwand der Welt 
Der Nanga Parbat trägt den Beinamen „Killer Mountain“. An seiner Südseite fällt die gewaltige Rupalwand 4500 Höhenmeter nahezu ohne Unterbrechung ins Tal ab – die höchste Steilwand der Erde. Kein Mensch wusste damals, ob Schells Weg überhaupt zum Gipfel führen würde. Vier Hochlager. Zwei Biwaks. Wochen voller Eis, Fels, Lawinen und extremer Höhe.

Robert Schauer erinnerte sich: „Damals haben wir gar nicht empfunden, dass das so eine Weltsensation war.“

Wochenlang dauerte es im Jahr 1976, bis die vier Steirer den Nanga Parbat – hier im ...
Wochenlang dauerte es im Jahr 1976, bis die vier Steirer den Nanga Parbat – hier im Bildhintergrund – erreichten.(Bild: Robert Schauer)

Eigentlich wollte Hanns die neue Linie schlicht „Grazer Weg“ nennen. Doch Reinhold Messner sprach später vom „Schells Meisterstück“ – und der Name blieb. Bis heute gilt die Schell-Route als eine der elegantesten und alpinistisch anspruchsvollsten Linien am Nanga Parbat.

Selbst Bergsteigerlegenden wie Messner orientierten sich später daran.

Als Achttausender noch Entdeckungsreisen waren
Wer Fotos aus den 1970er-Jahren betrachtet, erkennt den Unterschied. Keine Daunenanzüge in Neonfarben. Keine Satellitentelefone. Kein Wetterbericht am Smartphone. Keine Helikopterrettung. Und vor allem: keine ausgetretenen Spuren.

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Wir waren damals die weltweite erste Kleinmannschaft, die sich an einem Achttausender versuchte. Wir haben alles selbst getragen. 

Hanns Schell

Die Ausrüstung wurde oft wochenlang über Tausende Kilometer transportiert. Für die Nanga-Parbat-Expedition fuhren die Grazer mit zwei VW-Bussen 8000 Kilometer bis in die Kaschmir-Region im fernen Pakistan. Funkverbindungen gab es kaum, Kontakt zur Heimat praktisch keinen. Wer losging, war für Wochen von der Außenwelt abgeschnitten.

Heute steigen Hunderte Menschen am selben Fixseil auf, folgen exakt derselben Spur und verlassen sich auf eine perfekt vorbereitete Infrastruktur.

Das schmälert die Leistung moderner Höhenbergsteiger nicht. Doch der Geist des Alpinismus hat sich verändert. Damals wurde nicht gefragt: „Wie komme ich möglichst sicher hinauf?“ Sondern: „Wo ist noch niemand hinaufgegangen?“

Eisiges Biwak rund einhundert Meter unterhalb des Nanga Parbat-Gipfels.
Eisiges Biwak rund einhundert Meter unterhalb des Nanga Parbat-Gipfels.(Bild: Robert Schauer)

Eine steirische Erfolgsgeschichte
Hanns Schell war der Visionär der Expedition. Robert Schauer sollte später als erster Österreicher den Mount Everest besteigen und insgesamt fünf Achttausender erreichen. Siegfried Gimpel war damals mit nur 20 Jahren einer der jüngsten Achttausender-Besteiger seiner Zeit.

Hilmar Sturm entwickelte sich zu einem der stärksten österreichischen Himalaya-Bergsteiger, ehe er 1982 bei einer Bergtour in Osttirol ums Leben kam – wenige Wochen vor einer geplanten K2-Expedition. 

Vier Grazer, die etwas schufen, das bis heute Bestand hat. Fünf Jahrzehnte später erinnert die Schell-Route aber auch an eine Zeit, in der Bergsteigen noch Entdecken bedeutete. An Expeditionen, die ihren Namen verdienten. An Männer, die ohne großes Aufsehen Grenzen verschoben und genau deshalb bleibt der 11. August 1976 einer der größten Tage des österreichischen Alpinismus.

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