Selbstverständlich?

Kahn „irritiert nicht Tuchel, sondern die Frage“

Porträt von krone Sport
Von krone Sport

Oliver Kahn ist beim Gedanken an Thomas Tuchel irritiert. Aber nicht vom englischen Teamchef selbst, sondern von einer Reihe an Fragen, die ob Tuchels Vorgehen überhaupt erst aufgeworfen werden.

England schien im national-kollektiven Jubel zu versinken. Euphorie pur! Die „Three Lions“ hatten gegen Norwegen soeben den Einzug ins WM-Halbfinale fixiert. Ein Riesenerfolg. Also alles eitel Wonne. Könnte man glauben. Denn Teamchef Thomas Tuchel rückte aus, um via TV-Interview mit dem Wind der kritischen Betrachtung das Flämmchen Übereuphorie augenblicklich auszublasen. Wir haben uns das Leben heute selbst enorm schwierig gemacht. Wir waren ziemlich schlampig, viele technische Fehler, nicht schnell genug und haben die Abläufe nicht oft genug wiederholt. Heute hatten wir einfach Glück“, so Tuchel. Und das nach dem Aufstieg ins Halbfinale? Das saß.

Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel
Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel(Bild: EPA/RONALD WITTEK)

„Sollte selbstverständlich sein“
Und schon wurde, wie‘s im Journalisten-Deutsch so schön heißt, eingeordnet. Tuchel ein „Grantscherm“? Einer, der in der heißen Phase schlechte Stimmung verbreitet? Seine Spieler bloßstellt? Schwarzmalt. Alles dabei gewesen in den tiefgründigen und weniger tiefgründigen Analysen dieser (Social-Media-)Welt. Für einen völlig unverständlich: Oliver Kahn. Der „Titan“ holt vor dem heutigen Halbfinal-Duell zwischen England und Argentinien (ab 21 Uhr, live im sportkrone.at-Ticker) zur Analyse auf „LinkedIn“ in Aus. „Mich irritiert nicht Tuchel“, schreibt er: „Mich irritiert, dass diese Fragen überhaupt gestellt werden. Denn sie offenbaren eine Eigenart, die weit über den Sport hinausreicht. Wir glauben, Niederlagen seien der gefährlichste Moment einer Entwicklung. Tatsächlich ist es oft der Sieg.“ Schlechte Leistungen auch nach Erfolgen zu analysieren, „sollte im Spitzensport selbstverständlich sein“.

Kahns Argument: Diesfalls die Spieler vor der Wirklichkeit zu schützen, habe mit Führungsarbeit nichts zu tun. Viel mehr gehe es darum, auch und gerade nach Erfolgen die Finger in die Wunden zu legen, die Wahrheit schonungslos anzusprechen und vor allem, knallhart zu analysieren. Das passiere nach Erfolgen oft nicht. „Eine Niederlage zwingt zur Analyse. Ein Sieg verführt dazu, auf sie zu verzichten. Deshalb beginnt die eigentliche Führungsarbeit nicht nach einem verlorenen Spiel, sondern nach einem gewonnenen“, so Kahn. Seine Schlussfolgerung: „Deshalb halte ich die Debatte über Tuchel für so bemerkenswert. Sie richtet sich nicht gegen eine falsche Analyse. Sie richtet sich gegen den Umstand, dass überhaupt analysiert wurde.“

WM-Klassiker
Ob Tuchel nach dem heutigen Spiel wieder Grund zur schonungslosen Analyse vorfinden wird? Jedenfalls steht heute ein WM-Klassiker auf dem Spielplan. Ab 21 Uhr duellieren einander Weltmeister Argentinien um Superstar Lionel Messi und das Mutterland des Fußballs England mit dem kongenialen Duo Harry Kane und Jude Bellingham um den Einzug ins Finale der Weltmeisterschaft. Die „Three Lions“ wollen den Traum vom ersten Titel seit 1966 am Leben halten, die „Albiceleste“ den vorletzten Schritt zur erfolgreichen Titelverteidigung tätigen.

Argentinien weist in bisher fünf WM-Halbfinals eine makellose Bilanz auf, schaffte jedes Mal den Finaleinzug. Dieser gelang England nur 1966, danach scheiterten die „Three Lions“ 1990 und 2018 jeweils in der Vorschlussrunde. Der Weg unter die besten Vier bei der Endrunde in Nordamerika verlief für beide Fußball-Großmächte alles andere als souverän.

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