36 Jahre musizieren Markus Binder und Hans-Peter Falkner in zumeist trauter Einigkeit zusammen als Attwenger und haben von Oberösterreicher aus die heimische Musikszene im In- und Ausland mitgeprägt. „Wos“ nennt sich das neue Album und geht gewohnt direkt auf die kritischen Themen der Gegenwart ein. Müdigkeit täuschen die beiden nicht vor – und sie gehen mit der Zeit, wenn es passt. Das und mehr verraten sie im „Krone“-Talk.
Dass eine Band wie Attwenger seit mittlerweile 36 Jahren nicht nur existiert, sondern auch noch floriert, ist eigentlich eine Fehlkonstruktion im Normenbuch des Musikbusiness. Markus Binder und Hans-Peter Falkner, die sich Ende der 80er-Jahre in der linksalternativen Künstlerszene kennenlernten und mit ihrer nach einem Gstanzl benannten Band die „Quetschn“ (Steirische Harmonika) mit Dialektgesang und Punk-Gestus vermischen, sind seit Anbeginn der Tage musikalisch so verquer, dass Mainstream-Ohren normalerweise automatisch auf Halbmast schalten. Volkstümlich ohne patriotischen Polit-Mief, heimatlich ohne braunen Dunst. Diese Grundeinstellung blieb und führte zu zig Studioalben, einem Amadeus Award und einer treuen Fanschar quer über die Staatsgrenzen hinaus, zu denen auch Promis und Branchenkollegen zählen.
Logisch im eigenen Kosmos
Wie seit dem Anbeginn ihrer Tage üblich, besteht auch das neue Studiowerk nur aus einem Wort. So offen und frei interpretierbar wie „Wos“ war aber selbst im freimütigen Attwenger-Kosmos noch keine Scheibe benannt. „Es gibt immer einen kleinen Pool an Ideen und Begriffen, die für einen Albumtitel in Frage kommen“, so Binder im Interview mit der „Krone“, „manchmal frage ich auch Leute aus meinem Umfeld nach Ideen. Der Titel ist auf jeden Fall immer einsilbig und funktioniert in seinem ganz eigenen System. Mittlerweile hat sich das fast schon zu einer Art Fetischismus entwickelt.“ So logisch und Attwenger-typisch wie hier war es noch selten. „Du sagst was? Was ist der Titel? Der Titel ist was? Du merkst, das Sprachspiel ist uns dieses Mal besonders gut gelungen, weil man in dem Wort alle Emotionen reinlegen kann.“
Auch wenn Attwenger noch immer nach dem DIY-Punk-Gestus funktionieren, passiert beim Duo nichts nach Zufall. Ihre Texte sind unverändert sozial- und gesellschaftskritisch und sprechen die prekären Themen mehr oder weniger direkt beim Namen an. Sozialismus („Sozialismus in Discos“), Feminismus („Feministische Gstanzln“), Rechtsradikalismus („Entnazifiziert“) oder der Klimawandel („Regen“) spielen genauso eine Rolle wie die grassierende Handysucht („Hendihenga“), vor dem auch das musizierende Duo nicht gefeit ist. Wichtig ist dabei die Zeitlosigkeit in den Texten. „Hätten wir vor 25 Jahren in politkritischen Songs auch direkt Namen genannt, würde das heute ziemlich veraltet klingen. Manche Songs wie etwa ,Laara Disch‘ vom Album ,Sun‘ haben aber auch die Zeiten überdauert. Der Track dreht sich um die Flugzeugeinschläge im World Trade Center in New York, die vor einem Vierteljahrhundert passiert sind.“
Humor geht mit der Zeit
Eine solche Langlebigkeit ohne ausufernde Mainstream-Erfolge feiert man möglicherweise durch das vorhandene Identifikationspotenzial. Attwenger verändern sich und gehen auch gerne mit der Zeit, bleiben sich selbst und ihren Ursprüngen dabei aber immer treu. Wo sich andere mit Händen und Füßen gegen Entwicklungen wehren, nimmt man diese beim oberösterreichischen Duo ohne großes Murren hin und unterstützt sie zuweilen, wenn es sinnvoll erscheint. Ein guter Punkt dafür ist der Humor, der bei Binder und Falkner schon immer eine große Rolle spielte. „Er entsteht aus einem spielerischen Trieb von mir“, so Binder, „aber Humor ist nicht einfach gegeben. Der unterliegt der Sprache seiner Zeit und moralischen Fragen. Aber schon der Umgang mit Humor beweist, dass man bereit ist, mit Sprache umzugehen.“ Dass die beiden Familienväter sind, zeigt ihnen aber auch die Veränderungen in der Welt stets neu auf.
„Wir haben früher sicher über Dinge gelacht, über die wir heute nicht mehr lachen würden“, steigt Falkner ein, „Humor ist heute anders und das ist auch gut so. Man muss nicht immer auf Biegen und Brechen jemanden mit Humor verletzen, das macht keinen Sinn. Songtexte, die wir vor 35 Jahren geschrieben haben und wo vielleicht veraltet wirkende Zeilen drinnen sind, würden wir heute sicher anders schreiben. Das ist ganz klar, aber man muss auch von der anderen Seite her tolerant sein und darf nicht alles über einen Kamm scheren. Wir bemühen uns, mit der Zeit Schritt zu halten und nehmen das ernst, aber man darf uns auch nicht verurteilen, dass wir schon etwas länger leben als andere.“ Attwenger gehen wach und mit offenen Augen durchs Leben, weshalb ihnen von der jüngeren Generation auch kein „cringer Boomerstatus“ an den Kopf geworfen wird. Unterschiedliche Altersgruppen zu erreichen, ohne sich anzubiedern, das ist das wahre Erfolgsgeheimnis – das seit dreieinhalb Dekaden erstaunlich gut funktioniert.
Es geht um die Sprache
Attwenger existieren erfolgreich in ihrer großen, aber enthusiastischen Bubble, die auch nach mehr als 1000 Konzerten noch gerne zu den Veranstaltungen ihrer Lieblinge pilgert. „Das Songwriting ist immer noch faszinierend“, so Binder, „wir sitzen zu zweit zusammen und brüten irgendwas aus, sind aber sozusagen doch nur zwei unter vielen. Wir nehmen ja auch Gedanken und Informationen von außen mit und setzen die um. Das ist eine interessante und ambivalente Situation. Im Endeffekt wollen wir auf ,Wos‘ aber wieder bestimmte Themen möglichst explizit ansprechen und basteln daraus einen Song. Es wird viel geredet und gesagt, aber die Frage ist immer, was ich wirklich zur Sprache bringen will. Welches Thema ist es wert, in die Öffentlichkeit getragen zu werden?“ Nach diesem Muster haben Attwenger eben jahrelange Relevanz. Mit der Zeit zu gehen, ohne mit der Zeit zu gehen – das könnte das große Erfolgsgeheimnis sein.
Attwenger live in Österreich
Live zu sehen sind Attwenger in ganz Österreich quer über das Jahr verstreut. Die wichtigsten, halbwegs aktuellen Termine: 8. Mai im Linzer Posthof, 9. Mai in der Salzburger ARGE, 24. Mai beim Festival Burghof in Klagenfurt, 30. Mai Alter Schlachthof in Wels, 3. Juni im Wiener WUK und dann geht’s im Sommer mit Festival- und im November mit Clubshows weiter. Unter www.attwenger.at gibt es alle weiteren Informationen zu den einzelnen Gigs.
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