Mit 320 km/h durch die bunte Perle Nordafrikas! Marokko hat massiv in Highspeed-Strecken investiert. Wir düsen zwischen Casablanca, Rabat und Tanger – und nehmen uns ganz bewusst auch Zeit für Unbekanntes, magische Märkte und die Kulinarik aus 1001 Nacht. Zug fährt ab!
Salam aleikum in Marokko! Willkommen in der Perle Nordafrikas, wo man sich auch heute noch die Geschichten aus „1001 Nacht“ erzählt und die arabische Gastfreundschaft nicht nur sprichwörtlich gelebt wird.
Für viele Besucher ist Marokko zunächst einmal Marrakesch. Der Platz der Gaukler mit seinen Schlangenbeschwörern und Bauchtänzerinnen zieht die Menschen seit jeher magisch an. In den verwinkelten Gassen der Medina bieten Kupferschmiede und Kerzendreher ihre Waren an. Es duftet nach Weihrauch und Zimt.
Die kolonial geprägte Portugiesenstadt ist und bleibt ein Geheimtipp für Marokko. Rund um den Hafen und bei der Festung gibt es entzückende Kaffeehäuser. Aktuell wird hier eine Netflix- Serie gedreht. Wir nächtigen im Mazagan Beach Resort.
Mit drei Millionen Einwohnern ist das Finanzzentrum Casablanca die größte Stadt. Nicht nur der Film mit Humphrey Bogart hat sie berühmt gemacht. Hotel-Tipp trotz langsamer Lifte: das Radisson Blu im Zentrum.
Willkommen in der Hauptstadt! Touristisch nur wenig erschlossen, fühlt man sich angesichts der Boulevards an Paris erinnert. Die absolute Sauberkeit überall mag überraschen. Top-Sehenswürdigkeiten! Im Fairmont La Marina ist man gut aufgehoben.
An der Straße von Gibraltar prallen Europa und Afrika aufeinander. Tanger ist die vibrierendste Metropole. Man fühlt sich wie in den Kulissen eines Spionagekrimis. Standesgemäß schläft man im Hilton beim Bahnhof.
Es ist schwer, sich dem Zauber dieser Märchenkulisse zu entziehen, doch wir versuchen es dennoch! Und zwar auf einer Zugreise durch das 38-Millionen-Einwohner-Land, die uns vom beschaulichen Küstenort El Jadida über die Metropolen Casablanca und Rabat bis nach Tanger ganz im Norden an die Straße von Gibraltar führt.
Marokko hat in den vergangenen Jahren Milliarden in den Ausbau des Schienennetzes investiert. Und es sind nicht irgendwelche Züge, die hier verkehren. Der Al Boraq ist eine spezielle Version des französischen TGV und erreicht auf den vollausgebauten Strecken eine Spitzengeschwindigkeit von 320 km/h.
Der Name leitet sich vom arabischen Wort „barq“ ab, was so viel wie Blitz bedeutet. Gleichzeitig wird gemäß islamischer Tradition so auch ein übernatürliches, pferdeähnliches Wesen bezeichnet, das dem Propheten Mohammed als fliegendes Reittier diente.
Streckennetz wird bis zur WM 2030 fertig sein
Das Netz wird kontinuierlich ausgebaut und soll bis zum Jahr 2030 fertig sein. Denn dann ist Marokko gemeinsam mit Portugal und Spanien Hauptgastgeber der übernächsten Fußball-WM. Und da will man sich im sportbegeisterten Land natürlich keine Blöße geben
Ausgangspunkt für das eigentliche Eisenbahn-Erlebnis ist die als UNESCO-Welterbe gelistete Hafenstadt El Jadida am Atlantik. Mit Reiseführer Mohammed erkunden wir die sternförmige Zitadelle und schauen den Wellen beim Rauschen zu.
„Während der Kolonialzeit“, erzählt Mohammed, „war El Jadida einer der wichtigsten Handelstützpunkte der Portugiesen. Von hier aus wurden die Waren zum Beispiel von den Kapverdischen Inseln nach Europa verschifft.“
Im Cafe do Mar gönnen wir uns mittags einen Tee mit Pfefferminzblättern und Pistazienkekse, die auf der Zunge zergehen. Von der sonnigen Terrasse aus verfolgen wir das bunte Treiben in den Gassen – und fühlen uns spätestens jetzt so richtig angekommen. Aktuell wird in El Jadida eine Netflix-Serie gedreht. Wie lange das alles wohl noch ein Geheimtipp bleiben wird?
Der Holzofen des alten Bäckers von Azemmour
Apropos Geheimtipp: Wenn Zeit bleibt, unbedingt einen Abstecher ins nahe gelegene Azemmour einlegen. Das Örtchen liegt am Ufer des Flusses Oum Er Rbia, der im Atlasgebirge entspringt und hier nach 555 Kilometern ins Meer mündet. Touristen hat man hier kaum noch gesehen. Umso offener ist die Begegnung mit Einheimischen.
Ein Bäcker lädt in seine Backstube und zeigt voll Stolz seinen Familienbetrieb in vierter Generation. Im Holzofen bäckt er die Fladen wie anno dazumal. „Jede Familie bringt abends ihr eigenes Blech, und in der Früh holen sie das Brot ab. Ich darf ja nichts vertauschen, sonst bekomme ich Probleme“, sinniert der Meister und zwinkert mit den Augen.
Beim Abendessen werden wir im Restaurant L’Oum Errebia verwöhnt. Ich wähle das traditionelle Schmorgericht Tajine aus Lamm mit Pflaumen und Mandeln. Dazu gibt es ein Glas Roséwein aus hiesigem Anbau. Nachts muss ich darüber geträumt haben.
Am nächsten Tag geht es zeitig los: Mit dem Regionalexpress geht es nach Casablanca. In der Millionenmetropole pulsiert das Leben. Wir werfen einen Blick auf die mächtige Hassan-Moschee und suchen nach Spuren des legendären Films. Allerdings vergeblich. Denn der Streifen mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman wurde ausschließlich in Hollywood gedreht.
Egal, Casablanca hat längst eine neue Top-Sehenswürdigkeit. Der riesige und futuristisch designte Bahnhof ist eine würdige Heimat für den Al Boraq. Die Tickets sind gekauft, kurze Pause in der Lounge, und dann geht es schon ab zu Gleis 4.
Auf die Sekunde genau rollt der Silberpfeil ein. Der Schaffner begrüßt uns freundlich, und einen gefühlten Kaffee im Bordrestaurant später sind wir auch schon in Rabat. Kein Wunder. Bei Tempo 320 vergeht die Zeit naturgemäß wie im Flug.
Rabat ist die Hauptstadt und will auch keinen Zweifel daran lassen. Auf den Boulevards ist das Gras getrimmt, alles scheint blitzblank poliert. Marokkos Fahnen wehen im Wind. Speziell vor dem Parlament. Aber das ist alles nichts im Vergleich zum Königspalast. Mohammed VI. hat sich hier ein ganzes Stadtviertel einverleibt, das man nur mit spezieller Genehmigung betreten darf. Trump wäre wohl neidisch.
Im andalusischen Garten blühen Zitronenbäume
Wir streifen durch den Andalusischen Garten, bestaunen die dortigen Zitronenbäume und decken uns dann auf dem Souk mit Andenken ein. Feinschmecker kommen im Restaurant Egiodola auf ihre Rechnung. Der Risotto mit Meeresfrüchten kann es mit Sternenlokalen in Paris oder Rom aufnehmen. Das Service ist zuvorkommend. Die Preise im Vergleich zu Europa erschwinglich. Im Fairmont La Marina ist man für die Übernachtung bestens aufgehoben.
Neuer Morgen, neues Glück. Gerade einmal 80 Minuten dauert die Fahrt im Schnellzug von Rabat in das 250 Kilometer entfernte Tanger.
Tanger ist eine andere Welt, auch für Marokko. Keine Stadt ist weltoffener und europäischer. Kein Wunder, über die Straße von Gibraltar ist es auch nur ein Katzensprung nach Europa. Früher war hier der Treffpunkt der internationalen Spione. Und heute? Der mondäne Lack ist ein wenig ab, aber auch das hat einen gewissen Reiz. Die Bars sind voll. Alkohol wird hier viel offener konsumiert als im Rest des Landes, die Stimmung wirkt ausgelassen.
Wie der Marco Polo von Tanger die Welt bereiste
Wer mehr über Tanger und Marokko im Allgemeinen erfahren will, sollte unbedingt im Museum von Ibn Battūta vorbeischauen. Er gilt als Marco Polo Afrikas und hat lange vor den europäischen Entdeckern die halbe Welt von Sofia bis Sumatra erkundet. Die Ausstellung ist multimedial und bietet einen brillanten historischen Überblick über ein Kapitel der Geschichte, das in unseren Breiten kaum bekannt ist.
Tanger weiter zu beschreiben, ist schwer. Die Stadt strahlt einen besonderen Charme aus, der sich nur erleben lässt, wenn man vor Ort ist und sich auch auf das Abenteuer einlassen will.
Ein Satz, der sich sinngemäß auf die gesamte Zugreise umlegen lässt. Marokko im Al Boraq zu erkunden, ist ein einzigartiges Erlebnis, um das Land abseits der ausgetrampelten Pfade kennenzulernen. Bisher wird der Zug in erster Linie von Einheimischen genutzt.
In diesem Sinne: gute Fahrt und salam aleikum.
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