Spaltung der Gesellschaft, abhanden gekommene Gesprächskultur, Verneinung von Qualitätsmedien, Populismus statt Problemlösung: „Geht‘s noch“, fragt Ansa Sauermann. So heißt auch das neue Album des in Wien lebenden „Straßenromantikers, Hinguckers und Flaneurs“ aus Dresden, wie ihn seine Plattenfirma bezeichnet. Neben aktuellen gesellschaftspolitischen Themen besingt er auch die Liebe. „Große Gefühle kommen bei mir zu kurz“, betont er im APA-Interview.
„Da hat sich über die Jahre so viel angestaut, was dann irgendwann raus musste“, sagte der 36-Jährige über seine musikalische Gesellschaftsdiagnostik. Kunst könne nicht alle Probleme lösen („muss sie auch nicht“), aber den Finger in Wunden legen, so Sauermann. Apropos: Den moralischen Zeigefinger möchte der Liedermacher mit Pop-Appeal in seinen Songs trotz aller kritischer Betrachtungen nicht wissen. „Der ist ein deutsches Ding nach dem Motto: ‘Du, du, du, das macht man aber nicht!‘ Oder: ‘So macht man das besser!‘ Das ist überhaupt nicht meine Art.“
Verlust des gesunden Menschenverstands
Das Album will als Ganzes gehört werden: „Da sind Themen enthalten, die passen nicht in einen einzigen Song. Aber sie gehören alle zur Frage: Geht es eigentlich noch?“, führte der Musiker aus. „Frühstück bis Zehn“ handelt etwa davon, „dass man sich anstrengen kann, so viel man will. Und am Ende werden dir doch wieder Steine in den Weg gelegt.“ Das Lied „Wahre Liebe“ wiederum rückt das Versinken in der digitalen Welt in den Fokus: „Der gesunde Menschenverstand geht verloren und die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft auf drei Sekunden zusammen“, warnt Sauermann.
Dann gibt es politische Songs. „Tim Telegram“ etwa analysiert – grob zusammengefasst – die durch Social Media befeuerte zunehmende Verblendung. „Eines unserer Probleme ist, dass mittlerweile so wenig auf Augenhöhe diskutiert wird“, meint Sauermann. „Die Rechten sagen, alles, was von den Linken kommt, ist eh von den staatsgesteuerten Mainstream-Medien gelenkt und sowieso Bullshit. So werden Argumente von Anfang an nicht akzeptiert. Die Linken wiederum belächeln die Rechten als die völlig naiven und nicht mehr einholbaren Vollidioten. Am Ende verhärten sich die Fronten immer mehr. So kann eine Gesellschaft nicht funktionieren.“
Rückkehr zu den alten Zeiten
Musikalisch bewegt sich Sauermann mit „Geht‘s noch“ mitunter verstärkt in Richtung Rock, auch wenn der sanfte Liedermacher immer noch durchklingt. „Ich will das auch gar nicht rausbekommen“, sagt er. „Nur war meine erste Gitarre eine E-Gitarre. Nachdem ich mit den Toten Hosen und den Ramones groß geworden bin, bin ich ein bisschen in diese Americana- und Country-Genres reingerutscht, hin auch zu Dylan und Leonard Cohen. Da ist dann die Akustikgitarre sehr präsent geworden. Jetzt schließe ich eher wieder an früher an, an der Zeit der E-Gitarre.“
Zum ersten Mal habe er alles zu Hause vorproduziert: „So konnte ich mich experimentell ausleben und hatte die Zeit, an den Sounds ein bisschen herumzubasteln.“ Dadurch sei „Geht‘s noch“ „kompromissloser“ ausgefallen. Einer der persönlichen Favoriten Sauermanns ist das mit seiner Ehefrau Madlaina Pollina (vom Duo Steiner & Madlaina) gesungene „Schlüssel zu Stadt“. Die Liebe kommt auf dem Album nicht zu kurz: „Also man braucht ja irgendwas, wofür es sich lohnt zu kämpfen.“
Gezwungen abgespeckt
Auf Tournee – ohne Österreich-Termin bisher – wird Sauermann diesmal zu dritt statt wie bisher zu fünft gehen. Das habe finanzielle Gründe, denn verbunden mit einem generellen Besucherrückgang bei Club-Konzerten seit Corona seien auch die finanziellen Deals mit den Betreibern der Locations mittlerweile oft „ein Witz“. Damit sei es immer schwieriger, Musiker zu bezahlen. Daher Sauermanns Appell an das Publikum: „Geht wieder mehr auf kleine Konzerte und entdeckt wieder neue Musik!“
APA/Wolfgang Hauptmann
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