30.11.2011 12:04 |

"Kriegsspiele"

Top-Unternehmen bereiten sich auf Euro-Crash vor

Seit Monaten haben die europäischen Politiker mit der Schuldenkrise zu kämpfen. Was mit den finanziellen Schwierigkeiten von Griechenland begann, ist ein Flächenbrand geworden, der auf immer mehr Länder überzugreifen droht. Mittlerweile wird auch der Zusammenbruch der Gemeinschaftswährung Euro nicht mehr völlig ausgeschlossen. Internationale Top-Firmen bereiten sich schon auf dieses Worst-Case-Szenario vor.

Als der Finanzchef des dänischen Pharma-Riesen Novo Nordisk am vergangenen Freitag bei einem Treffen eine prinzipiell simple Frage aufwarf, griff er damit ein Thema auf, das in den Führungsetagen von Banken, Brokern, Handelsunternehmen, Anwaltskanzleien und der produzierenden Industrie derzeit heiß diskutiert wird: Wie reagieren auf einen Zusammenbruch des Euros?

"Wie würden wir dann die Preise für unsere Produkte festlegen?", warf Jesper Brandgaard in den Raum und konnte bisher noch keine konkrete Antwort erhalten. "Es ist schwer, detailierte Pläne zu entwickeln, aber wir müssen damit beginnen, uns zu überlegen, wie wir mit dem Zusammenbruch des Euros umgehen würden und wie dann unsere Preispolitik aussehen würde. Dieses Thema ist nämlich zunehmend auf unserem Radar."

Top-Unternehmen bereiten sich auf Worst Case vor
Der Crash der Gemeinschaftswährung steht zwar nicht unmittelbar bevor, die Angst davor geht jedoch bereits um. 14 von 20 befragten Ökonomen erklärten gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass sie davon ausgehen, dass der Euro in seiner jetzigen Form nicht überleben wird. Und auf genau dieses Worst-Case-Szenario bereiten sich die internationalen Top-Unternehmen zusehends vor.

"Zurzeit ist es bei jedem Gespräch, bei dem es um Risiko-Management geht, ein Thema", erklärte etwa ein führender Mitarbeiter einer Londoner Versicherungsfirma der Nachrichtenagentur. "Viele Menschen in der Wirtschaft haben es aufgegeben, wie die Politik sprichwörtlich auf Godot zu warten. Man kann nicht einfach ein Unternehmen führen, indem man darauf vertraut, dass eh alles gut wird. Daher müssen auch Pläne entwickelt werden, was zu tun ist, wenn etwas schiefgeht", erläuterte dazu der Vorsitzende der weltgrößten Werbefirma WPP, Martin Sorrell.

"Kriegsspiele", um das System zu testen
ICAP, der führende Broker für Fremdwährungen und Staatsanleihen, gab etwa am Montag bekannt, dass intern bereits ausgetestet worden sei, wie man auf das Wiederauftauchen von nationalen Währungen in Europa reagieren könnte. Mit diesen "Kriegsspielen" steht die Firma international allerdings keineswegs alleine da. Ein Geschäftsmann einer großen Investmentbank berichtete Reuters, dass in seinem Unternehmen ein Team von 20 Leuten damit beschäftigt sei, Aktionspläne für den Euro-Crash zu entwickeln.

"Es ist mein Job, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Man kann natürlich auch immer nur von den positivsten Szenarien ausgehen, aber wenn dann plötzlich eine wirtschaftliche Katastrophe eintritt - etwa über Nacht ein Zahlungsausfall Italiens - und wir hätten dies nicht einkalkuliert gehabt, dann hätte ich meine Arbeit nicht richtig gemacht", erklärte der Banker.

Seiner Meinung nach wäre jedenfalls eine Rückkehr der Griechen zur Drachme so ziemlich das unproblematischte der schlimmen Szenarien, die Europa bevorstehen könnten. Während ein Crash von Italien nämlich mit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers, der 2008 immerhin den Beginn der Krise markierte, vergleichbar wäre, würde Griechenland weitaus verschmerzbarer sein.

Firmen steuern ihr Geld in "sichere Häfen"
Auch bei Unternehmen außerhalb der Finanzbranche rücken die Sorgen um die eigenen Geldrücklagen in den Vordergrund. Dies führte in letzter Zeit dazu, dass aus den "Sorgenkindern" der EU immer mehr Geld abgezogen wurde, was auch die Europäische Zentralbank bestätigte. Einige große EU-Firmen wie etwa Siemens, BMW, Daimler und Volkswagen sind mittlerweile dazu übergegangen, ihr Geld direkt bei der EZB, die immerhin als sicherster "Hafen" in der Union gilt, anzulegen.

Siemens-Finanzchef Joe Kaeser bestätigte etwa im November, dass mittlerweile "ein nennenswerter Teil" der liquiden Mittel des Konzerns direkt bei der Zentralbank in Frankfurt angelegt sei. Die Einlagen betragen demnach aber weniger als die Hälfte der verfügbaren zwölf Milliarden Euro. Beachtet muss dabei aber werden, dass der Vertrag des Unternehmens mit der EZB erst seit gut einem Jahr besteht.

US-Firmen besser auf den Crash vorbereitet?
Eine Überlegung, deren Richtigkeit wohl nur beim Eintritt des Worst-Case-Szenarios überprüft werden kann, ist dabei auch, dass US-Unternehmen bereits besser für den großen Crash in "Good Old Europe" gerüstet sind. Grundlagen dieser These sind, dass diese Firmen einerseits nun nützliche Erfahrungen durch die Kreditkrise im Jahr 2008 gemacht hätten, andererseits aber seien US-Konzerne weniger "politisiert" als ihre europäischen Konterparts.

Als Beispiel führt Reuters dabei den französisch-deutschen Flugzeug- und Rüstungskonzern EADS an, der offiziell noch keine Szenarien für ein Euro-Ende entwickelt hat. "Wenn die Leute erfahren würden, dass sich ein großer französischer Konzern auf den Crash vorbereitet, dann würde dass erst recht Angst verbreiten und einen gewaltigen Schlag für den Euro bedeuten", erklärte dazu ein Unternehmensberater aus Frankreich.

Einige Wirtschaftsexperten behaupten hingegen, dass auch die exaktesten Pläne die Konsequenzen eines bisher undenkbaren Zusammenbruchs nicht vorwegnehmen könnten. Das Wichtigste, das dann vonnöten wäre, seien nämlich keine Pläne mehr, sondern "ganz einfach ein gesunder Sinn fürs Überleben".

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