"Wie die Ägypter"
Protestwelle auch in Israel: 350.000 demonstrieren
Die bei weitem größte Einzeldemonstration gab es wie schon an den beiden vorangegangenen Samstagen in Tel Aviv. Rund 300.000 Menschen zogen dort nach dem Ende des Shabbats durch die Innenstadt. "Marschiert wie die Ägypter", stand auf einem der mitgeführten Plakate in Anspielung auf die erfolgreiche Protestbewegung im Nachbarland.
"Das Volk will soziale Gerechtigkeit", skandierten die Menschen in Sprechchören. Erstmals beteiligte sich auch der Gewerkschaftsverband Histradut an den Kundgebungen. Auch während der Kundgebung versuchten immer noch tausende Menschen, durch verstopfte Seitenstraßen zum zentralen Kundgebungsort vorzudringen. "Dies ist ein Ereignis, das einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Bürgern und Regierung darstellt", zitierte das Onlineportal "Ynet" Amram Mitzna, einen der Kandidaten für die Führung der oppositionellen Arbeitspartei.
Protestbewegung wird immer größer
Die Protestbewegung hatte vor mehr als drei Wochen mit einem kleinen Zeltlager im Zentrum von Tel Aviv als Ausdruck des Unmuts über die hohen Mieten begonnen. Inzwischen sind die Forderungen viel umfassender und zum Teil auch unübersichtlicher geworden. Es geht nicht mehr nur um das Wohnungsproblem, sondern um die Gesundheitsversorgung, das Bildungssystem und die Steuerlast sowie um immer neue Partikularinteressen.
"Ich bin hier, weil ich die Forderungen der jungen Generation unterstützen will", sagte der 65-jährige Ben in Tel Aviv. Mit seiner Schwiegertochter nahm er an der Großkundgebung teil. "Diese Demonstration ist gut, weil die Gesellschaft endlich aus ihrem Schlaf erwacht ist. Es ist nicht sehr politisch: es geht gegen hohe Mieten, gegen teure Kindergärten, gegen Steuern, die hohen Militärausgaben, ja sogar gegen die Verkehrsstaus", meint er. Plakate wie "Bibi, das Spiel ist aus", hält er aber für Ausnahmen.
"Netanyahu, hör uns zu!"
Der konservative Ministerpräsident Benjamin "Bibi" Netanyahu hatte noch Öl ins Feuer der Proteste gekippt, als er vergangenen Mittwoch ein Gesetz für Wohnungsbau durch das Parlament brachte, das nach Ansicht der Protestbewegung das Problem der zu großen und damit zu teuren Wohnungen eher noch verschärfen werde. Zugleich hatte Netanyahu die Forderungen der Protestbewegung nach kostenlosen Krippen und Kindergärten sowie nach mehr Geld für die Bildung und ein Ende der Privatisierungen abgelehnt.
"Netanyahu, hör uns zu. Wir sind das Salz der Erde. Wir wollen Veränderungen", sagte der Vorsitzende der Studentenunion, Itzik Shmueli, bei seiner Rede vor den Kundgebungsteilnehmern in Tel Aviv. "Aber wir brauchen keine Veränderung der gewählten Koalition. Wir, die Jugend, verlangen eine Veränderung des grausamen ökonomischen Systems", fügte Shmueli unter tosendem Beifall hinzu.







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