23.04.2022 18:53 |

Neues Leben

Familie aus Mariupol floh 125 Kilometer zu Fuß

Um ein neues Leben zu beginnen, ist eine sechsköpfige Familie aus Mariupol nach Saporischschja geflohen. 125 der insgesamt 225 Kilometer legte sie zu Fuß zurück. Unterstützung erhielt die Familie unter anderem von einem Gemüsehändler.

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Tag für Tag hoffen die letzten Einwohner von Mariupol, ihre seit Wochen belagerte und zerbombte Hafenstadt über Fluchtkorridore in Richtung Saporischschja verlassen zu können - und immer wieder werden sie enttäuscht. Jewgen Tischtschenko und seine Frau Tetjana Komisarowa wollten irgendwann nicht mehr warten. Vor einer Woche traten sie gemeinsam mit ihren vier Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren auf eigene Faust die insgesamt rund 225 Kilometer lange Flucht nach Saporischschja an: zu Fuß.

Suche nach Wasser und Nahrung
Nachdem eine Granate das Dach durchschlagen hatte, hielten es der 37-jährige Techniker und seine 40-jährige Frau nicht mehr im Keller ihres Wohnblocks aus. Immer wieder hatten sie sich auf der Suche nach Wasser und Lebensmitteln in Geschäfte geschlichen, doch von Mal zu Mal waren mehr Häuser zerbombt, lagen mehr Leichen auf der Straße, wurde ihre Ausbeute noch magerer. „Schließlich hatten wir mehr Angst, an Hunger zu sterben, als bei einem Bombenangriff“, erzählte Tetjana. 

Dennoch sei es hart gewesen, die Heimatstadt und den schützenden Keller zu verlassen, sagte die zehnjährige Anna. Im Keller habe sie mit Freunden aus der Nachbarwohnung spielen können. Nur auf dem Betonboden zu schlafen sei nicht so toll gewesen. Der Fußmarsch nach Saporischschja setzte Anna und ihren drei Geschwistern zu. „Wir mussten unsere Taschen selbst tragen, und die waren ganz schön schwer“.

Mit Handkarren unterwegs
Die Familie hatte Glück. Nach einem Tag entdeckte sie einen verrosteten Handkarren. Von da an war vieles leichter: „Meine Frau schob das Dreirad mit unserer Jüngsten, ich zog den Karren mit den Taschen und meist noch einem Kind obendrauf“, erzählte Jewgen. So zog die Familie fünf Tage und vier Nächte lang durch russisch kontrolliertes Gebiet, immer wieder vorbei an russischen Kontrollpunkten. Den Soldaten hätten sie erzählt, dass sie auf dem Weg zu ihren Verwandten seien. Sie hätten sie gar nicht wie Feinde behandelt, sondern hätten eher helfen wollen. 

Nachts fand die Familie Unterkunft und Essen bei Einheimischen, tagsüber setzte sie ihren langen Fußmarsch fort. Dann hatte sie erneut Glück: Rund hundert Kilometer vor Saporischschja, 125 Kilometer nach Beginn ihrer Flucht, trafen sie im russisch kontrollierten Ort Polohy auf den Gemüsehändler Dmytro Schirnikow, der mit seiner Ware unterwegs war in die ukrainisch kontrollierte Metropole. Kurzerhand lud er die Familie mit ihren wenigen Habseligkeiten in seinen zerbeulten Lieferwagen ein. Als sie den ersten Kontrollpunkt mit ukrainischen Soldaten passierten, „haben alle geweint“, sagte Schirnikow. „Wir hatten nur ein Ziel: Dass unsere Kinder in der Ukraine leben können“, fügte Tetjana hinzu.

Auf Zug umgestiegen
In Saporischschja angekommen, bekam die Familie am Freitag noch Plätze in einem überfüllten Zug nach Lwiw. Von dort will sie weiter in die westukrainische Stadt Iwano-Frankiwsk und ein neues Leben beginnen. Nach der Hölle von Mariupol hat Anna nur noch zwei Wünsche: „Ich möchte in einer Stadt leben, die nicht so ist. Und in der Ukraine“.

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