Tiroler NS-Opfer

Bisher 125 Leichen aus Gräberfeld geborgen

Tirol
20.06.2011 13:27
Bei Grabungen auf dem ehemaligen Friedhof der Haller Psychiatrie wurden bisher 125 Leichen geborgen und 25 weitere Gräber freigelegt. 60 Skelette wurden bis dato genauer untersucht, die man auf jenem Feld exhumiert hatte, das im Jänner entdeckt worden war. Ob die Menschen der NS-Euthanasie zum Opfer fielen, konnte bisher noch nicht nachgewiesen werden. Es sei jedoch davon auszugehen, dass durch die damalige Behandlung "die Wahrscheinlichkeit zu Sterben gehoben wurde", betont Christian Haring, der stellvertretende ärztliche Direktor des LKH Hall.

Nach und nach arbeiten Experten daran, die Vorgänge in der einstigen Psychatrie in Hall aufzuarbeiten. Zunächst war man davon ausgegangen, dass es sich bei den rund 230 Toten um Opfer des NS-Euthanasie-Programms handelt.

Gewaltakte wahrscheinlich
Auffällig sei, dass mehr als die Hälfte der geborgenen Skelette Rippenbrüche in verschiedenen Heilungsstadien aufwiesen, die nicht in den Krankenakten aufscheinen, führte der Anthropologe George McGlynn aus. "Ich gehe davon aus, dass in der Psychiatrie Gewalt herrschte, die bestimmt auch Auswirkungen auf die Sterblichkeit hatte", argumentierte Haring.

Die hoch dosierten Medikamentengaben hätten die Patienten auch anfällig für Lungenentzündungen und Thrombosen gemacht. Ohne entsprechende medizinische Maßnahmen sei die Sterbewahrscheinlichkeit dadurch hoch. Viele Patienten seien laut Krankenakten an Lungenentzündungen gestorben, aber auch an Darmentzündungen. Es sei davon auszugehen, dass die dafür verantwortlichen Krankenhauskeime nicht richtig bekämpft worden seien, sagte Haring.

Auch Hinweise auf rassenhygienische Maßnahmen seien in den Krankengeschichten zu finden. So seien Sterilisationen vermerkt. Ebenso fänden sich Vermerke über Hunger und eine Überfüllung der Psychiatrie. Teilweise hätten Patienten selbst pflegerische Maßnahmen übernehmen müssen, erklärte der Historiker Oliver Seifert.

Fingernägel und Haare gesucht
Bei Baumaßnahmen im Jahr 2004 seien etwa 30 Gräber beschädigt worden, sagte Ausgrabungsleiter Alexander Zanesco. Die restlichen Bestattungsstellen seien unversehrt und würden gute Anhaltspunkte für die Untersuchungen liefern. Fingernägel und Haare, die zum Nachweis von Todesursachen wie "Verhungern lassen" notwendig seien, konnten bisher nicht gefunden werden, sagte McGlynn. Die Untersuchungen des Friedhofs und der Skelette sollen noch einige Zeit in Anspruch nehmen, hieß es.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Tirol
20.06.2011 13:27
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Tirol
Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung