Wo das Geld liegt

Mafia kolonialisiert den reichen Norden Italiens

Ausland
08.06.2011 13:23
Es war immer beruhigend, sich die Paten der Mafia im rückständigen Süditalien vorzustellen. Tief im Süden, das zeigten Mafia-Filme am laufenden Band, trieben sie ihr Unwesen - ganz weit weg von uns anderen. Doch das Klischee, das sich einst auf die Camorra in Neapel oder die sizilianische Cosa Nostra bezog, gehört schon lange der Vergangenheit an: Die streng organisierte Kriminalität hat mehr noch als anderswo im reichen italienischen Norden neue Wurzeln geschlagen. Und die kalabrische 'Ndrangheta ist überdies auch in anderen Ländern aktiv.

Nach riesigen Razzien mit Hunderten Festnahmen im mafiösen Sumpf der norditalienischen Lombardei im Juli vergangenen Jahres folgten jetzt erneut Großrazzien im Norden mit Schwerpunkt Turin: Am Mittwoch rückten die Mafiajäger mit nicht weniger als 150 Haftbefehlen an. Inzwischen kann davor keiner mehr die Augen verschließen: TV-Sendungen und Bücher, etwa vom bekannten Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano (Bild, "Gomorrha") oder von Federico Varese, klären darüber auf, wie stark die "Krake" Mafia mittlerweile ihre gierigen Tentakel über den Norden gelegt hat. "Mafie in movimento" ("Mafia-Clans in Bewegung") betitelt Varese sein Buch darüber, wie die Gangster den Norden "kolonialisiert" haben.

Aber die Justiz und die Staatsgewalt schlagen zurück, verkünden wöchentlich erfolgreiche Einsätze gegen die Mafia, auch wenn dieser die Fangarme immer wieder nachzuwachsen scheinen. So begann bereits im Mai in der lombardischen Wirtschaftsmetropole Mailand der Prozess gegen 39 mutmaßliche 'Ndrangheta-Mitglieder - zehn Monate nach dem großen Coup der Sondereinheiten. Ein zweiter Prozess gegen 119 der Verhafteten geht am Donnerstag los. Die Anklage kann jeder Zeitungsleser in Italien herunterleiern: Von der Bildung einer kriminellen Vereinigung über den Waffen- und Drogenhandel bis hin zu Wucher, Betrug und Erpressung. Gelegentlich kommen noch Morde hinzu.

"Mailand ist Hauptstadt italienischer krimineller Geschäfte"
"Die Lombardei ist die Region mit der höchsten Rate an kriminellen Investitionen in Europa. Mailand ist in dem Sinne die Hauptstadt italienischer krimineller Geschäfte", schlussfolgert Saviano in dem Essayband "Vieni via con me" ("Geh mit mir fort"). Er meint mafiöse Infiltrationen beim Straßenbau und bei Immobilien und denkt wohl nicht zuletzt an das Geld, das man in Mailand rund um die Expo-Weltausstellung 2015 verdienen könnte. In der Stadt habe man lange ruhig geschlafen in dem Glauben, es gebe die Mafia hier nicht. Was die Ermittler in jahrelanger Kleinarbeit aufdeckten und jetzt in den Mammutverfahren ans Licht kommen soll, spricht aber eine andere Sprache: Ihre Milliarden macht die Mafia eben dort, wo das Geld ist.

Die kalabrische 'Ndrangheta, die lange im Schatten der Camorra und der Cosa Nostra stand, ist so zum "Marktführer" in der umsatzstarken "Mafia AG" avanciert. Kriminelle Geschäfte macht sie im nordwestitalienischen Piemont wie in der nördlichen Region Emilia Romagna - aber auch in Ungarn und Portugal. Und es ist die deutsche Anti-Mafia-Autorin Petra Reski, die ihren Landsleuten ins Stammbuch schreibt: Auch in Deutschland ist die Mafia tief verwurzelt, aber man will es nicht wahrhaben. "Seit Abschaffung der Grenzkontrollen hat sich die Mafia verstärkt in Nord- und Mitteleuropa ausgedehnt", zitiert Reski in ihrem jüngsten Buch "Von Kamen nach Corleone" den italienischen Staatsanwalt und 'Ndrangheta-Experten Nicola Gratteri.

"Kriminelle Organisationen sind wirtschaftliche Avantgarde"
Da können Ermittler und Politiker also noch so sehr ihre in der Tat beträchtlichen Erfolge im Kampf gegen die "Krake" hochhalten. In den vergangenen beiden Jahren wurde Mafiagut im Wert von mehr als 20 Milliarden Euro beschlagnahmt, vor allem Immobilien, ganze Firmen und wertvolle Autos. Täglich kämen im Schnitt acht Mafiosi hinter Gitter, lobte Innenminister Roberto Maroni unlängst im sizilianischen Palermo die Ermittler. "Leider sind die kriminellen Organisationen in diesem Land die wirtschaftliche Avantgarde", meint Saviano. Und das verspricht denen wenig Gutes, die den Clans den Garaus machen wollen.

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