18.03.2022 16:02 |

In Schaumstoff gehüllt

Lemberg versucht, seine Kunstschätze zu retten

Von der Neptunstatue auf dem Marktplatz von Lemberg ist nur noch der Dreizack zu sehen. Der Rest des steinernen Wassergottes ist mit Schaumstoff und feuerfestem Gewebe umhüllt. Diana, die römische Göttin der Jagd, und der schöne Adonis sind ebenfalls unter Planen verschwunden. Angesichts des näher rückenden Krieges versucht die westukrainische Stadt, ihre vielen Kulturschätze so gut wie möglich vor russischen Angriffen zu schützen.

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Vor dem Krieg mühte sich Andrej Saljuk mit seiner Gesellschaft für Denkmalschutz Behörden und Bewohner für die Bewahrung des Kulturerbes von Lemberg zu sensibilisieren. Jetzt setzt er alles daran, die gewaltsame Zerstörung zu verhindern. „Wir haben nicht darauf gewartet, dass die Regierung etwas tut, dass jemand einen Antrag auf Finanzierung schreibt. Ich habe Geld besorgt, ein Team zusammengestellt und Material gekauft“, erklärte Saljuk in seinem mit mehreren ukrainischen Flaggen dekorierten Büro. „Ein Kunsthistoriker hat mir gesagt, dass wir bei einer Bombardierung - Gott bewahre - die Kirchenfenster verlieren könnten.“

Herausragende Barock-Bauwerke in Stadtzentrum
Jetzt versuchen Freiwillige zusammen mit Stadtbediensteten und Bauarbeitern die vielen Denkmäler zu verteidigen. Kulturmäzene spenden Geld, Bauunternehmer beraten, welche Materialien den besten Schutz bieten. Obwohl heute eine Großstadt mit 700.000 Einwohnern, hat Lemberg in seinem Kern das mittelalterliche Stadtbild weitgehend bewahrt; zudem sind herausragende Bauwerke des Barock erhalten. Das historische Zentrum zählt die UN-Kulturorganisation UNESCO seit 1998 zum Welterbe. Aktuell sind 200.000 Binnenflüchtlinge in der Stadt.

An der Kathedrale Mariä Himmelfahrt zieht ein Kran die Sandwichpaneele in die Höhe, mit denen die Buntglasfenster verbarrikadiert werden. „Uns ist klar, dass wir sie nicht vor einem direkten Aufprall schützen können, aber wir versuchen so gut wie möglich, sie vor leichten Schäden zu bewahren, sei es durch Feuer, Druckwellen oder kleine Splitter“, sagt der Restaurator Andrej Potschekwa.

Altar abgebaut und weggeschafft: „Wie im Ersten Weltkrieg“
Im Innern der Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert wurde bereits eine große Skulptur des Heiligen Grabes unter den wachsamen Augen von Lilija Onyschtschenko in Schaumstoff und Tücher gehüllt. „Ich habe mein ganzes Leben dem Schutz des kulturellen Erbes gewidmet“, sagt die 66-jährige Stadtangestellte. „Ich möchte nicht, dass die Ergebnisse unserer Arbeit durch den Krieg zerstört werden.“ Onyschtschenko erzählt von dem erst kürzlich restaurierten Holzaltar in einer armenischen Kirche der Stadt. Er sei abgebaut und in Sicherheit gebracht worden, sagt Onyschtschenko. „Wie im Ersten Weltkrieg.“

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