18.12.2021 21:10 |

Expertenanalyse

Corona-Skeptiker „wollen nicht Wahrheit wissen“

Wie weit wollen Menschen mit ihren Ansichten nur recht haben - und gar nicht die Wahrheit wissen? Eine Nachfrage.

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Mit überzeugten Corona-Leugnern will der deutsche Philosoph und Schriftsteller Richard David Precht nicht mehr groß diskutieren: „Die psychische Grundstruktur dieser Menschen besteht nicht darin, die Wahrheit herauszufinden, sondern recht zu haben“, so Precht in der ZDF-Sendung „Volle Kanne“. „Und wenn es mir darum geht, partout recht haben zu wollen, nicht versuchen, herauszubekommen, was wirklich objektiv ist, macht das Gespräch keinen Sinn.“ Betroffene hätten „ein Problem mit ihrem Selbstwertgefühl, wenn sie dann nicht mehr recht hätten. So ist nicht recht zu haben von Anfang an ausgeschlossen, deswegen gibt es keine Diskussion, die einen Fortschritt haben kann.“

Gründe sind Vertrauens- und Kontrollverlust
Wer meint, das Virus sei erfunden oder Bill Gates stecke dahinter, „der möchte nicht die Wahrheit wissen“. Er gefalle sich in der Rolle zu denken: „Ich bin einer der ganz wenigen, die alles durchschaut haben.“ Wessen Selbstwert davon abhängig sei, recht zu haben, „der ist für Argumente nicht mehr zugänglich“.

Ist das wirklich so? Man könne nicht alle in einen Topf werfen, sagt Psychologin Barbara Juen. Aber ja: „Manche Menschen, die sich hilflos fühlen und den Eindruck haben, sie verlieren die Kontrolle, können gegensteuern, indem sie einer Verschwörungstheorie Glauben schenken, die zumindest verspricht, dass sie zu den Auserwählten gehören, die das System durchschauen und so teils Kontrolle zurückbekommen.“ Dahinter lägen äußere Umstände, die es Menschen schwer machen, „Dinge zu verstehen und Maßnahmen zu akzeptieren - meist verbunden mit einem Vertrauensverlust in das System“, so die Expertin.

Die Wirklichkeit ist unangenehmer
Verschwörungsmythen zielen eben darauf ab, Menschen einzufangen: „Wir sind ja nicht so rational, wie es sich ein jeder von uns gerne einredet“, sagt Social-Media-Expertin und Autorin Ingrid Brodnig. Weswegen wir „eher Informationen annehmen, die unsere Weltanschauung bestätigen.“ Auf solche „Bestätigungsfehler“ fallen wir wohl auch gerne herein, weil die „Realität ein unangenehmer Ort“ ist. Nachvollziebar: Wer würde nicht lieber hören, dass das Virus harmlos ist? Verschwörungsmythen seien so erfolgreich, weil sie Halt und simple Erklärungen böten. Doch: „Nur weil uns irgendwo im Internet groß die Wahrheit versprochen wird, heißt es nicht, dass wir ihr da auch tatsächlich näher kommen“, so Brodnig. Und manchmal, wenn man meint, zu den Auserwählten zu gehören, könnte es sein, dass diese Selbsterhöhung schlicht zu hoch gegriffen sei.

Dabei ließe die Annahme, ein Auserwählter zu sein, das Gefühl steigen, „bedeutsam zu sein, eine wichtige Aufgabe zu haben, das Richtige zu tun, andere vor Unglück zu bewahren“, so Verena Fabris von der Beratungsstelle Extremismus. „Für viele Menschen spielt der Wunsch, dazuzugehören, Teil einer Gruppe zu sein, eine große Rolle.“ Verschwörungserzählungen würden auch dazu beitragen, „mit Unsicherheit und Ängsten umzugehen, indem Schuldige definiert werden, die Angst ein Gesicht bekommt und eigene Verantwortung abgegeben werden kann“.

Rationale Argumente brächten oftmals nichts, würden sogar Widerstand hervorrufen. Wie es also angehen? „Wir raten, auf der emotionalen Ebene zu agieren, Fragen zu stellen, versuchen, dahinterliegende Ängste zu verstehen, der Person das Gefühl zu geben, dass man sie schätzt, auch wenn man ihre Meinung nicht teilt.“ Wichtig sei dennoch, klar und sachlich Position zu beziehen - „vor allem, wenn es um menschenverachtende Aussagen geht“.

Silvia Schober
Silvia Schober
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